Udo Lindenberg: „Habt ihr mal ein Düssel?“

Naturereignis Udo Lindenberg | Foto: Nadine Beneke

Der Star kam pünktlich. Es war genau halb vier, als Udo Lindenberg gestern Nachmittag den Platinum Club der Esprit-Arena betrat. Ein Hauch von Zigarrenrauch umwehte den Protagonisten des Tages. Wie eine Melange aus Queen Mum und Jesus durchschritt Lindenberg die in zwei Blöcken sitzenden Journalisten, winkte kurz nach rechts und links, sonderte einen ersten unverständlichen Gruß ab. Hatte ganz offensichtlich Lust auf das Gespräch mit der Journaille.

Seit über vierzig Jahren ist der Mann aus dem westfälischen Gronau schon im Geschäft. Jetzt, im Alter von 67, scheint er auf dem Zenith seines Erfolgs angekommen zu sein. 2014 spielt Lindenberg zum ersten Mal als Hauptact im Stadion. In der Düsseldorfer Esprit-Arena. Das erste Konzert am 7. Juni ist bereits fast ausverkauft. „Es läuft wie Hackepeter“, gibt Udos Tourmanager zu Protokoll und verkündet für den 8. Juni eine Zusatzshow. Lindenberg, der neben ihm steht, kommentiert das mit einem anhaltenden Jaulen, lässt den obligatorischen Hut wippen. Das hier könnte groß werden.

„Wo früher eine Leber war, ist heute eine Minibar. Und das ist das Entscheidende.“

Überhaupt sieht Lindenberg aus wie man ihn seit Jahren kennt. Während sich Stars wie Lady Gaga im Wochentakt wandeln, wirkt Udo wie ein alter Bekannter. Unter der Kopfbedeckung lugen Haarsträhnen hervor, die bis über die Schulter reichen. Sonnenbrille, natürlich, in der Hand eine Zigarre. Die enge schwarze Hose betont seine dünnen Beinchen. Für obenrum hat er sich seine ehemalige Berufsbekleidung vom Breidenbacher Hof geliehen. Eine Pagenjacke. In den sechziger Jahren, die Geschichte ist bekannt, arbeitete Lindenberg in der Düsseldorfer Nobelunterkunft als Hotelpage. „Das waren geile Zeiten“, erinnert er sich. Nach der Arbeit sei er mit seinen Trommelstöcken losgezogen, in die Clubs der Altstadt, wo er irgendwann auf den Jazzer Klaus Doldinger traf. „Vom Aschenbecherputzer ins Stadion, das ist ein Flash“, fasst Lindenberg die vergangenen vier Dekaden zusammen. Natürlich habe es, das will er nicht verhehlen, auch tiefe Täler gegeben, „fiese miese Midlifekrisen“, wie er sie nennt. Die Folge: „Wo früher eine Leber war, ist heute eine Minibar. Und das ist das Entscheidende.“ Mehr als einmal habe er besoffen unter dem Mischpult gelegen. Und sei doch immer wieder aufgestanden. Parole: „Ich trinke mich nach vorn.“ Ein kurzer, kaum nachvollziehbarer Exkurs über Hermann Hesse, Faust, dann ist Udo wieder im Hier und Heute. „Da machen wir das mit der Drogeneinnahme gezielter“, sagt er. Da seien Kräuter dabei. Kurzes kehliges Udo-Lachen.

Lindenberg ist längst in Fahrt. Er braucht keine Fragen, keine Stichwortgeber. Man gebe ihm ein Mikro und die unglaubliche Lindenberg-Sprüche-Revue beginnt. Die anwesenden Medienvertreter sind ihm nach wenigen Minuten bereits mehrheitlich verfallen, selbst die militanten Nichtraucher. Udo hat sich die Zigarre mittlerweile von einem Journalisten entzünden lassen, pafft blaue Ringe in die Luft. Sympathisch ist er. Nahbar. Gesprächig sowieso. Und doch durch und durch Kunstfigur. Lindenberg bei einer Familienfeier? Lindenberg beim Geldanlage-Beratungsgespräch in einer Bank? Lindenberg beim Müll runter bringen? Unvorstellbar. Alles. Das Jodeltalent hat einst eine Figur erfunden, die über die Jahrzehnte von ihm Besitz ergriffen hat und die er mutmaßlich nicht mehr ablegen dürfte. Ob es ihn nicht nerve, überall erkannt zu werden, möchte ein Kollege wissen. Lindenberg verneint. Sein Plan sei es ja gewesen, berühmt zu werden, auf die Bühne zu kommen. Jetzt habe er das, da dürfe man sich nicht beschweren. Wenn er dennoch mal unerkannt bleiben wolle, reise er in die USA, nach New York, Las Vegas, L.A., so was. Im Inland tarne er sich mit einer Rapperkapuze. So sei er dann auch schon mal im Berliner Berghain unterwegs. Dancen. Alles easy.

Nicht kürzer treten, sondern längere Schuhe anziehen.“

Dancen ist ein gutes Stichwort. Lindenberg tanzt die Pressekonferenz. Seine Bewegungen sind geschmeidig wie die einer Schlange. Stillstehen undenkbar. In einem Alter, in dem sich andere auf die Gartenarbeit konzentrieren oder auf die Briefmarkensammlung, denkt Lindenberg nicht daran, die Bühne zu räumen. Sein Wahlspruch: „Nicht kürzer treten, sondern längere Schuhe anziehen.“ Kurz die Lacher im Auditorium abwarten. Und dann weiter: „Rock’n’Roll ist für alle“, findet er. Und: „Alter ist egal“. Auch ein neues Album sei in der Mache, das könne aber noch ein, zwei Jahre dauern, „bis das ready ist“.

Lindenberg hat Durst. Vom vielen Reden. Dennoch möchte er sich offenbar niemanden „im wilden Westen“ verprellen, indem er sich auf nur ein regionales Gesöff festlegt. Seine Bestellung: „Habt ihr mal ein Düssel da, ein Kölsch und ein Dortmunder?“ Obwohl dem Meister sonst jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird, bleibt dieser unerfüllt. Wie auch später seine Aufforderung, man möge den Journalisten, „den Freunden“, eine Runde Eierlikör servieren. So müssen die Schreiberlinge, Hörfunk- und Fernsehleute den Platinum Club an diesem Tag nüchtern verlassen. Viele gehen allerdings nicht ohne ein Udo-Souvenir. Lindenberg unterschreibt auf diversen LPs und steht für jeden Fotowunsch zur Verfügung. Man freut sich auf nächstes Jahr. Und fragt sich im Stillen, wie er diese Show noch toppen will...

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