KlezColours: Farbenfroh

Klezmer mit Vilder Honik | Foto: Oliver Kiel

Abschied im Herbst

Kaum sind sie auf der Bühne, werfen Zweistein Brezel ins Publikum. Die Neusser Institution um Michael Bernd gibt alles, um mit karnevalistischen Einlagen und schmissigem Deutschrock die Melancholie zu ersticken, die an diesem Abend über den Köpfen zu hängen scheint wie ein Damoklesschwert. Der 9. November, geschichtsträchtiger als viele Tage, soll das Ende der deutschen Rockpioniere Kraan markieren. Alle sind gekommen und ihre Farben sind herbstlich: Männer mit langen, grauen Haaren, immerjunge Frauen, Thirtysomethings mit Geheimratsecken und Studienratsbrillen. Sie halten Bierkrüge, wie es sie am Rhein wohl nur noch in Neuss gibt. Hier wird gelebt. Obwohl Zweisteins Claudia vom „Herzschmerz“, von denen „oben und unten“ singt – es regiert der Spaß an der Freude: Saxofonist Clousseau und Gitarrist Daniele spielen sich munter zu, Leihgitarrist Potter gibt im 90er-Outfit die Rampensau. Die Bühne brennt als Schlagzeuger und Szeneoriginal JoJo die Stadtteilhymne „Weckhoven“ anstimmt, die durch die Speisung mit fliegenden Südfrüchten zum Nina-Hagen-mäßigen „Total Banane“ kaum getoppt werden kann.

 Dann sind sie da. Leibhaftig. Schlagzeuger Jan Fride, Gitarrist Peter Wolbrandt und Hellmut Hattler am Bass – allesamt Gründungsmitglieder. Die Band wählt einen ambienten Einstieg. Kraan 2013 klingen ein wenig nach Snow Patrol, die Riffs, der Blues sehr amerikanisch. Projektionen zeigen den Blick in den Rückspiegel. 8-Bit-Grafiken. Da ist keine Autobahn, man rast über den Highway. Das perkussive „Jerk of Life“ von 1974 belegt die Nähe zu Größen wie Carlos Santana. Helmut Hattler ist sichtlich ergriffen vom frenetischen Jubel, der dem Trio entgegenfliegt. Er erzählt von „unfassbaren 43 Jahren“, den Splits, den Platten zwischen dem Debüt „Kraan“ von 1972 und „Diamonds“ von 2010. Für viele Gäste haben Kraan den Soundtrack zum Leben geschrieben, sie sind mit ihrer Band aufgewachsen und gereift. „Holiday am Marterhorn“. Der Highway verschwimmt. Schwebende Quallen. Man taucht gemeinsam ein in ein Meer aus Schall, das vom virtuosen Dialog der Saiteninstrumente bewegt wird. Die Bilder blenden zurück zum Anfang. Ein Fernsehbeitrag zeigt die jungen Kraan in einer WG. „Say it loud: Watch out!!“ Wohlbrandt brilliert an der Gitarre, Hattler lotet die Grenzen des Basses aus – heute darf man solo. Alles ist Jazz. Im Publikum wird getanzt. Graue Haare peitschen durch die Luft, Hände wirbeln im Takt. Nicht jeder hat Verständnis dafür. Aber wann tanzen, wenn nicht jetzt?

Um 23:20 Uhr ist die Band Kraan Geschichte. Die Legende lebt weiter.

Sprachwitz und -virtuosität, die ganz großen Themen des Lebens, sowie Musik von fröhlich bis tief melancholisch – all das zeichnet die jüdische Kultur aus, die das in der Klezmer Musik zum Ausdruck bringt. Mit KlezColours widmet sich ein Mini-Festival dieser Kunstform.

In der Oberbarmer Färberei und der Langerfelder Bandfabrik stehen Anfang November alle Zeichen auf Klezmer. An Allerheiligen beschäftigt sich das Wuppertaler Ensemble „Meschuggene Mischpoche“ mit jiddischen Liebesliedern. Ulla Krah, die mit ihren originellen frech-witzigen Darbietungen an das berühmte jiddische Theater erinnert, interpretiert eine Reihe bekannter Klassiker und neue jiddische Kompositionen vor, romantische Chansons und mitreißenden Tango. New Israeli Folk nennt Stella Jürgensen das Genre ihrer Lieder aus ihrem neuen Programm „Stellas Morgenstern“. Auch ihr Thema ist die Liebe, und ihre Lieder und Balladen erzählen davon in allen ihren Facetten.

Einen Abend später präsentiert Roswitha Dasch ihr neues Ensemble „Vilder Honik“, das in diesem Jahr bereits in Litauen und Lettland zu Gast war. Mit viel Esprit, Musikalität gepaart mit Charme und einer ordentlichen Prise Humor gestalten die drei Musikerinnen den ersten Teil des Abends. Im zweiten Teil kommt eine ganz besondere Sängerin des jiddischen Liedgenres, Shura Lipovsky, mit ihrem Ensemble aus Amsterdam zum ersten Mal nach Wuppertal.

Am 3.11. haben ambitionierte Sängerinnen und Sänger die Möglichkeit noch tiefer in die Welt jiddischer und hebräischer Lieder einzutauchen, wenn Shura Lipovsky einen Workshop gibt.

Mit seinem Debütroman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ ist der Autor Thomas Meyer am 17.11. zu Gast in der Bandfabrik. In seinem Roman, der für den Schweizer Buchpreis nominiert war, beschreibt Meyer mit viel Wortwitz die Emanzipation eines jungen Mannes aus der jüdisch-orthodoxen Gemeinde Zürichs. Diese Lesung gilt als letzter Teil von KlezColours.

Konzertreviews

Konzert | Dagewesen | Düsseldorf

Konzertkritik: Ignition in der Tonhalle

Die seit 2007 bestehende Konzertreihe „Ignition“ serviert regelmäßig einen [mehr...]
Konzert | Dagewesen | Essen

Konzertabbruch: Morrissey im Colosseum Essen

„Wenn hier nicht gleich alle wieder sitzen, dann brechen wir den ganzen [mehr...]
Konzert | Dagewesen | Dortmund

Fotostrecke: Cro in den Westfalenhallen Dortmund

Cro hatte seine Fans ab dem ersten Song im Griff. Er ruft "alle Arme hoch" [mehr...]
Konzert | Dagewesen | Düsseldorf

Konzertkritik: Cover Me Bad Festival im Port 7

Die einen tragen Piercings, Tätowierungen und die T-Shirts ihrer [mehr...]
Konzert | Dagewesen | Köln

Konzertkritik: Ben Howard im Kölner Palladium

Ben Howard, das ist dieser freundlich, gut gelaunte, irgendwie unaufgeregte [mehr...]