Diethelm Kröhl: „Ich leide unter mir selbst"

| Foto: David Yamazaki

Im vergangenen Jahr tourte Diethelm Kröhl als lebende Jukebox durch die Düsseldorfer Kneipenszene. Nun hat der Landeshauptstädter, der auch unter dem Alter Ego Haru Specks in Popkultur macht, ein weiteres Projekt ausgeheckt: die Vinylpredigt, eine Kombination aus Protest und Unterhaltung, natürlich mit viel Musik. Die Premiere ging im Juli im Flingeraner 4WändeMarie über die Bühne und stieß auf sehr positive Resonanz. Seitdem predigte Kröhl munter weiter, unter anderem in der Bar Zogel, aber auch seine heimische Küche wurde kurzerhand zum Musik-Kapellchen umfunktioniert. Für den November sind nun die Vinylpredigten fünf bis sieben im Pretty Portal anberaumt. Alexandra Wehrmann sprach mit Diethelm Kröhl.

Diethelm, welches Konzept verbirgt sich hinter der Vinylpredigt?

Mit einem Plattenspieler, einem Laptop und einem Beamer, der die Songtexte an die Wand wirft, spreche ich zu einem vorher angekündigten Thema. Die Lieder dienen einerseits der Auflockerung, andererseits hat man Gelegenheit, sich auf inhaltlicher Ebene mit Musik auseinander zu setzen.

Wie kamst du auf die Idee, hattest du keine Lust mehr, der schweigende Plattenaufleger zu sein?

Je älter ich werde, desto mehr kann ich meine Stärken erkennen und erarbeite mir den Mut, diese einzusetzen. Ich verstehe viel von Musik, ich setze mich mit gesellschaftlichen Themen aktiv auseinander und ich kann mich ganz gut ausdrücken. Das Etikett „Predigt“ erlaubt mir, an meiner moralinsauren Ader zu arbeiten, ohne dass jemand nicht vorgewarnt wurde.

Das Ganze ist konzeptionell ja eine Mixtur aus Protest und Unterhaltung. Kann man die Leute nur noch mit dieser Kombination hinterm Ofen hervorlocken bzw. funktioniert Protest allein heutzutage nicht mehr?

Was ist schlimm daran, Themen tiefgehend und unterhaltsam zu vermitteln? Wir denken scheinbar oft, dass eine intellektuelle Auseinandersetzung nur dann gelungen ist, wenn sie gestelzt und langweilig daher kommt. Aber Menschen wie Georg Schramm, Slavoy Zizek oder der kürzlich verstorbene Stephane Hessel beweisen, dass es auch ganz anders geht. Die Botschaft lautet: Es lohnt sich, nachzudenken. Bildung ist sexy. Wer den eigenen Kopf nutzt, der kann auch Möglichkeiten der Handlung finden. Oder, um das mal umzudrehen: Politiker, die öde Ansprachen halten und immer lauter und banaler werden, um den vermeintlich letzten Deppen ihre Botschaft einzubläuen, unterschätzen die einfachen Menschen und beherrschen ihr Handwerk nicht.

Und zum Inhalt des Protestes: Manches ist so offensichtlich, dass man es schnell übersieht. Ich finde es skandalös, wie viele Menschen hier an Depressionen oder Burn-Out leiden. Das können wir doch nicht hinnehmen, dass der Preis für all die Smartphones und neuen Ikea-Schrankwände eine unglückliche Gesellschaft ist. Da finde ich den Hinweis, dass es anderen Ländern viel, viel schlechter geht, nicht hilfreich und auch feige. Wollen wir uns nur an schlechteren Zuständen messen oder haben wir den Mut, eine große Vision aufzustellen? Warum gehen wir es nicht an, eine glückliche Gesellschaft aufzubauen, statt immer nur auf Benzinpreise und Arbeitsplatzverluste zu schauen? Hier werden Stöckchen hingehalten, über die wir dann angstvoll hüpfen müssen. Deshalb ganz kurz: Unterhaltung ist das trojanische Pferd, um schwierige Inhalte in die Festung der Ignoranz zu schmuggeln.

Die Debüt-Vinylpredigt ging im Juli im Flingeraner 4WändeMarie über die Bühne. Sie hatte das Thema „Leiden ist scheiße“. Worunter genau leidest du?

Unter mir selbst. Ich habe einen starken Hang zum Schwermut, „der meine Kräfte hemmt und spannt“, wie es Baudelaire ausdrückte. Es ist meine Lebensaufgabe, dieses Seelengift in Medizin zu verwandeln.

Wie war die Resonanz?

Ich war sehr überrascht. Einerseits waren die Zuhörer konzentriert bei der Sache. Bei den Musikstücken konnte man das Knacken der Synapsen geradezu hören. Bei den Wortbeiträgen gab es besonders beim Thema „Depression“ und „Revolution“ starke Reaktionen und Zwischenrufe. Offensichtlich ist Leid ein Bestandteil jeden Lebens, wird aber fast nie thematisiert, wenn nicht sogar tabuisiert. Bei den spontanen Beiträgen der Besucher wurde ich ganz schön aus dem Konzept gebracht. Da werde ich mich in Souveränität üben müssen, statt wie geschehen den moralischen Platzhirsch zu mimen.

Probleme zu thematisieren ist ja das eine, sie vom Tisch zu schaffen das andere. Wie sieht es mit Lösungsansätzen aus?

Was ich liefern kann sind wohl eher Lösungsvorschläge. Ich bin kein Lebensberater oder Therapeut. Ich interessiere mich für Probleme, aber noch viel mehr für Lösungen. Ich stelle somit Lösungsansätze vor, stelle sie aber auch zum Diskurs. Im Dialog mit anderen erfahre ich ja immer wieder die Beschränktheit meines eigenen Denkens und lerne hinzu.

Bei dem von dir gewählten Titel sei auch diese Frage erlaubt: Wie hältst du es selber mit der Religion?

Ich bin seit Jahren Mitglied der buddhistischen Laienorganisation Soka Gakkai und rezitiere täglich „Nam Myoho Renge Kyo“. Religion hat meines Erachtens die Aufgabe, die Würde jedes Menschen auf friedlichem Wege zu ermöglichen und zu erhalten.

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