Casper im Interview: Das Weihwasser wird knapp

Schon Monate vor Tourstart sind viele Konzerte ausverkauft, sein neues Album „Hinterland“ gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Platten des Jahres. Der Wahl-Berliner ist so etwas wie der Marco Reus des deutschen Hip-Hop: Schnell, agil und konterstark rappt sich Casper durch seine Tracks – und das Feld, das er beackert, ist so bodenständig und geerdet wie ein Stadionrasen. Heute spielt Casper live in Dortmund.

Hallo Casper, wie ungewöhnlich ist es für dich, wenn dich Leute mit deinem bürgerlichen Vornamen Benjamin ansprechen?

Fernab des Lebens in der Öffentlichkeit ist das für mich als Privatperson eine völlig normale Angelegenheit, da werde ich immer mit Benjamin angesprochen.

Wie wichtig ist es für dich, glaubwürdig zu bleiben?

Wenn mir eine Promo-Anfrage im Vorfeld schon komplett gegen den Strich geht, würde ich so ein Angebot direkt absagen. Mir ist wichtig, dass die musikalische Seite von Casper ziemlich deckungsgleich mit der Person Benjamin ist.

Was möchtest du mit deinen Textinhalten ausdrücken?

Bei der Zeile „Wieder wird das Weihwasser knapp für die Bürger der Neinsager-Stadt“ aus dem Song „Im Ascheregen“ schwebte mir zum Beispiel das Leben in einer ostwestfälischen Kleinstadt vor – also ungefähr da, wo ich weite Teile meiner Jugend verbracht habe. Es gibt auf dem Dorf ja auch immer diese Scheinheiligkeit von Leuten, die sonntags in die Kirche gehen, sich aber die ganze Woche lang wie die Axt im Walde aufführen.

Wo liegt da der Unterschied zum „Stadtmenschen“?

Ich glaube, Leute aus der Provinz, die in der Mitte von Nichts aufgewachsen sind, werden wissen, was ich meine. Bei uns gab es für Jugendliche extrem wenige Möglichkeiten, sich aktiv auszuleben. Alle Jugendzentren wurden dicht gemacht, und wenn man versucht hat, einen Skatepark aufzubauen oder ein Konzert zu organisieren, hieß es von öffentlicher Stelle immer gleich „nein!“

Würdest du für eine Partei einen Wahlkampfsong komponieren?

Wenn so eine Anfrage ins Haus käme, würden wir das direkt absagen. Ich finde generell, dass das Projekt Casper nicht politisch angehaucht sein muss. Ich definiere mich über persönliche Texte.

Das Covermotiv von „Hinterland“ ist extrem plakativ, was bedeutet es?

Ich bin mit der Platte ein Stück weit zu meinen musikalischen Wurzeln zurückgegangen und habe sehr viel Bruce Springsteen, Tom Petty und Bright Eyes gehört. Nachdem das Vorgänger-Album „XoXo“ so durch die Decke gegangen ist, wollte ich jetzt unbedingt einen Neustart. Bis zu meinem elften Lebensjahr bin ich ja im südlichen Teil der USA aufgewachsen, bevor ich mit meiner Mutter wieder zurück nach Deutschland gezogen bin. In der Nähe, wo mein Vater heute noch am Mississippi wohnt, haben wir auch das Cover fotografiert. Das war in Mobile, Alabama.

Die Tracks zum Album habt ihr zu viert in Spanien aufgenommen, wie war das?

Bei der ersten Platte hatte ich bereits alle Basic-Tracks auf Hip-Hop-Beat-Basis fertig, als wir damit ins Studio gegangen sind. Dann habe ich die mit dem damaligen Produzenten auseinanderklamüsert und noch mal neu zu Rockmusik zusammen gesetzt. Bei „Hinterland“ haben wir nun gemeinsam im Kollektiv alle Tracks geschrieben: von der Musik bis hin zu den Lyrics.

Du hast auch einige Gastmusiker mit dabei.

Genau: Kraftklub sind dabei, weil ich sehr gut mit Ihnen befreundet bin – und außer beim Echo und bei der 1Live-Krone haben wir ja noch nie was Offizielles zusammen gemacht – das war wirklich ein großer Wunsch. Mit Tom Smith von den Editors hat sich das ergeben, weil ich wirklich großer Fan von seiner Band bin. Tom ist dafür eigens vier Tage nach Berlin gekommen, und dann haben wir zusammen Songs geschrieben.

Hattest du weitere Wunschgäste?

Es gab jetzt keine Liste mit Namen oder so. Wenn jetzt rein zufällig Bruce Springsteen ankommen würde, da könnte ich ja gar nicht anders als „ja“ sagen. Aber generell finde ich, dass sich Feature-Sachen organisch entwickeln müssen. Man muss Songs gemeinsam erarbeiten, und da soll ja am Ende nicht ein x-beliebiger Musiker-Credit im CD-Booklet stehen.

Wie ist inzwischen dein Verhältnis zu Lena Meyer-Landtrut?

Für eine Arte-Folge von „Durch die Nacht mit “ bin ich mal mit Lena einen Abend lang durch Berlin getingelt, und ein Filmteam hat das aufgezeichnet. Lena hatte einen wirklich schlechten Tag. Sie war schrecklich drauf, es war einfach fürchterlich. Ich hatte durchaus meinen Spaß, konnte auch über einiges lachen, aber mit Lena war das alles andere als witzig. Drei bis vier Monate nach dem Dreh habe ich Lena durch Zufall auf einem Konzert getroffen – und da hat sie sich bei mir für ihr Verhalten entschuldigt. Dafür, dass sie so anstrengend war. Damit war die Sache für mich auch gegessen.

Was zeichnet deine Freundschaft zu Thees Uhlmann aus?

Wir haben die gleichen Interessen, er ist ein extrem lustiger Geselle. Sowohl musikalisch als auch hobbymäßig liegen wir sehr auf einer Linie, ich war ja früher ein großer Fan seiner Band Tomte. Wir schauen gerne Fußball zusammen, und außerdem macht er sich auch nicht darüber lustig, dass ich Fan von Arminia Bielefeld bin. Das findet er extrem cool!

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Kommentare

  1. von Marco 26.09.13 (14:38 Uhr)

    Jo, da hat sich eine Korrektur wieder zurückkorrigiert. Danke für den Hinweis.

  2. von this-is-hype 26.09.13 (14:05 Uhr)

    Casper ist in der 2ten Frage falsch geschrieben. Sonst sehr ansehnliches Interview mit dem lieben Benjamin

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Casper Hinterland im Stream:

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