Deutschpunk-Comeback von Slime: Warum entschuldigen?

Die Ikonen des Deutschpunk sind zurück: Slime

Punk in Deutschland. Wer jetzt an Die Ärzte und Die Toten Hosen denkt, liegt daneben. Die wichtigste, provokativste und politischste Punkband in Deutschland ist Slime aus Hamburg. Nach fünfzehnjähriger Pause kam die Band wieder zusammen, und spielte in Neubesetzung erste Konzerte. 2012 geht sie mit dem neuen Album Sich fügen heißt Lügen, bei dem sie ausschließlich Texte des Anarchisten Erich Mühsam vertonten, erneut auf Deutschlandtour. Ein Gespräch mit den beiden Gitarristen Michael Mayer, genannt "Elf", und Christian Mevs über die Reunion, die neue Platte, Zensur und Deichkind.

Teil 1: Reunion im Proberaum

Ende 1994 haben Slime ihre Trennung bekannt gegeben. Wann habt ihr dann zum ersten Mal wieder im Proberaum gestanden?

Elf: Das war Ende 2009

Sind dem viele Gespräche voraus gegangen?

Elf: Wir haben uns zwei oder dreimal getroffen. Zuerst war Eddie (Räther – d. Autor), der Originalbassist noch dabei. Stephan (Mahler, Schlagzeuger – d. Autor) hatte von Anfang an gesagt, dass er keinen Bock hätte und ihm das suspekt sei. Er wolle die Musik auch gar nicht mehr spielen, das sei ihm zu anstrengend. Eddie war zunächst dabei, hatte am Anfang auch gesagt, dass er sich das vorstellen könnte. Aber dann hatte er eine Sehnenscheiden-Entzündung in der linken Hand, und er musste ein halbes Jahr später sagen, dass es nicht geht. Außerdem ist er auch selbstständig, hat eine Firma und ist da stark eingespannt. Da war es irgendwann klar, dass auch er rausfällt. Dann habe ich meine Freundin Nici gefragt, mit der ich auch schon seit sechs Jahren bei den Mimmis spiele. Zuerst haben wir aber Alex getestet, weil wir wussten, wie wichtig ein guter Drummer ist.

Alex Schwers, Veranstalter der großen Punk-Festivals im Ruhrgebiet, und als Schlagzeuger der Band Hass bekannt.

Christian: Die Idee war, sich einfach zu treffen und einmal zu proben, um zu gucken ob das überhaupt noch geht. Ob da noch dieser Spirit und das Gefühl, das das Ganze ausgemacht hat, noch besteht. Natürlich war das für Alex auch eine ganz harte Nummer. Das war ja wie ein Casting.

Elf: Ich wusste, dass er das bringt.

Christian: Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit. Für mich ist es eine Ewigkeit. Damals in den Neunzigern wollte ich auch einfach nicht mehr, habe meine Meinung und meine Einstellung dazu aber komplett geändert.

Elf: Du hast ja auch ganz andere Musik gemacht.


"Ich habe immer gedacht, dass das jetzt mal andere machen müssen, ich nicht."

Christian Mevs

Gitarrist Christian Mevs spielte von 1980 bis 1994 bei Slime. Seit dem machte er sich vor allem als Produzent und Mixer einen Namen in der deutschen Indie-Szene. Er arbeitete mit Bands wie Tocotronic, Blumfeld, Tomte und Einstürzende Neubauten. Zusammen mit dem früheren Slime-Schlagzeuger und Haupttexter Stephan Mahler  spielte er nicht nur bei der Hamburger Punkband Angeschissen, des Punk-Sonderlings Jens Rachhut (Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut, Oma Hans, Kommando Sonne-Nmilch) sondern wurde mit dem gemeinsamen Nebenprojekt George & Martha 1988, vom BBC-Radiomoderator John Peel zu dessen legendären "Peel-Sessions" nach London eingeladen. 


Christian: Du hattest ja auch früher schon einmal die Idee gehabt. Für mich war das überhaupt gar kein Thema. Ich habe immer gedacht, dass das jetzt mal andere machen müssen, ich nicht. Dann haben wir uns getroffen, und nach acht Takten wusste ich: Geil, es ist genau das Gleiche wieder da! Auf der Stelle. Natürlich ging es auch darum, dass wir jetzt an die Fünfzig sind. Ich selbst war einige Male bei Konzerten bei Bands aus den Siebzigern und habe gedacht: Das ist alles irgendwie echt scheiße – aber das waren auch schlechte Konzerte. Deswegen war ich sehr selbstkritisch. Es war aber einfach super. Dann kam Nici dazu, und so ist dann auch eine Band entstanden. Eine echt gute Band.

Elf: Wir hatten ja auch nicht so einen Druck wie alte Bands, wie The Vibrators oder U.K. Subs, denn die leben davon. Das ist fast noch der einzige Grund warum die auf Tour gehen, weil sie mit Plattenverkäufen nichts verdienen, müssen sie live spielen.

Wie lief das dann bei der ersten Probe ab?

Elf: Im Übungsraum war es dann sofort da, wie Fahrradfahren. Wir haben uns dann natürlich auch erstmal zehn „Best-of“-Stücke vorgenommen.

Was war denn der erste Song, der angestimmt wurde?

Christian: Ich glaube, der erste war Alle gegen alle. Oder war es doch ACAB?

Elf: Ja, vielleicht war es so was kürzeres, mit nur zwei Teilen. 

(Beide lachen)

Wie geht ihr denn musikalisch an die Sache heran, schließlich habt ihr euch als Musiker im Laufe der letzten drei Jahrzehnte entwickelt?

Christian: Jetzt ist es natürlich die Kunst einfach zu sein. Als Produzent und Musiker habe ich gelernt, dass beim Musikmachen das Wichtigste ist, was man nicht macht, also das, was man weglässt. Dass man sich beschränkt in der Wahl seiner Mittel. Bei unserer Musik und auch bei der Produktion ging es darum, dass man es so weit herunterbricht, verjüngt und verkürzt, dass es möglichst effektiv und unangfreifbar ist. Darum geht es auch bei der Livedarbietung. 

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