Interview mit Sebastian Maier: "Wir hatten alle Respekt vor dem Ursprungsmaterial"

Sebastian Maier | Foto: Oliver Nauditt

Der Countdown für Sebastian Maier läuft: Am 21. September steht der Herner Musikproduzent und Schlagzeuger im Schmidts Tivoli am Hamburger Spielbudenplatz hinter seinem E-Drum-Pad. Dann präsentiert er zusammen mit den Produzten Matthias Arfmann, Milan Meyer-Kaya, Peter Imig sowie mit der Sängerin Onejiru und den Hamburger Symphonikern das Projekt "Ballet Jeunesse". Sein bisher wichtigstes Konzert, wie er sagt. Nach "ReComposed by M. Arfmann" 2005 ist es bereits das zweite Remix-Projekt, an dem Sebastian Maier beteiligt ist. Standen bei "ReComposed" noch Aufnahmen von den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan im Fokus, sind es diesmal 13 Klassiker der Ballettmusik.

Bist du anders an die Produktion herangegangen als bei deinen sonstigen Projekten?

Wir hatten alle Respekt vor dem Ursprungsmaterial, weil das Werke sind, die herausragende Menschen komponiert haben. Unsere Herangehensweise, also von Matthias Arfmann, Peter Imig, Milan Meyer-Kaya und mir, war ähnlich. Wir haben eigene Produktionsstile, aber alle einen Hip-Hop-Background. Für meine erste Hip-Hop-Band Tengu habe ich auch das Material als Sample-Material gesichtet und verwendet, Dinge zerhackstückelt, gefiltert, von vorne nach hinten verschoben, um daraus neue Interpretationen zu schaffen.

Wie sind diese hier entstanden?

Jeder von uns Produzenten hat sich eigene Songs rausgepickt, die er bearbeiten wollte. Dann hat jeder in seinem stillen Kämmerchen losgelegt. Daraufhin haben wir uns getroffen, wodurch soundmäßig noch mal neue Türen aufgegangen sind. Dadurch ist die Platte sehr vielfältig geworden, weil wir nicht nur Songs von vier Produzenten zu hören sind, sondern Songs, auf die vier Produzenten gemeinsam 'geflasht' haben.

Es stand bis 2014 nicht fest, ob es die Platte jemals geben wird. Grund dafür war die herausfordernde Einholung der Nutzungsrechte u.a. für "Romeo und Julia".

Wir haben uns diese Rechtefrage gar nicht so sehr durch den Kopf gehen lassen und einfach losgelegt, die Werke durchgehört und überlegt, welche Fragmente machen dieses Stück zu unserem persönlichen Hit und welche Fragmente können relevant für unsere Arbeit sein. Dann haben wir von den CDs gesampelt und gemerkt, da hängt ein Rattenschwanz an Rechtefragen dran, die es zu klären gilt. Das haben dann teilweise Verlage und Labels übernommen. Aber es war ein hartes Stück Arbeit, insbesondere für Matthias und Peter.

Ein Erbe des Komponisten Sergej Prokofieff hat seine Ablehnung in einer E-Mail durch ein zwölfmaliges "njet" zum Ausdruck gebracht. War das ein Moment zu denken: 'Das wird nie was'?

Ich war dabei nicht so involviert wie Matthias, weil ich das aus Herne heraus beobachtet habe. Aber ich habe das im Kopf schon ein paar Mal abgehakt, weil es immer wieder E-Mails gab, die uns zurückgeworfen haben, wir auch mal die Kraft verloren haben und neu angreifen mussten. Wenn es dann hieß 'go for it', gab es neue Probleme, bis es dazu gekommen ist, dass überall 'da' und nicht 'njet' stand. 

Milan Meyer-Kaya, Matthias Arfmann, Peter Imig, Sebastian Maier und Onejiru (v.l.n.r.) Foto: Gulliver Theis

Ihr habt euch für 13 Ballettklassiker entschieden und euch von den Ballets Russes inspirieren lassen. Das Ensemble aus dem frühen 20. Jahrhundert stand für eine Vereinigung der Künste: Tanz, Musik, Mode und bildende Kunst. Ist das eure Verbindung dazu?

Das war eine absolute Avantgardeformation. Auch wir hatten den Anspruch, etwas Neues zu machen. Ich bin zwar kein Avantgarde-Künstler, aber es ist ja langweilig, alte Dinge noch mal zu betreiben und das ist für mich die Vergleichbarkeit: Wir überschreiten auch Grenzen und haben versucht, den ganzen Hochkulturgedanken zur Seite zu schieben und an das Projekt zwar respektvoll, aber auch freiheitlich ranzugehen, auszuprobieren – und auch das Recht dazu zu haben. Ich finde, das ist eine kleine Gemeinsamkeit.

Ist so ein Projekt wie "Ballet Jeunesse" ein Weg zu zeigen, was entstehen kann, wenn man freiheitlich aus allem schöpfen kann? Auch wenn kollaborative Aspekte heutzutage fast marktentscheidend sind?

Unsere Sängerin Onejiru hat zum "Nussknacker" die Textzeile "Al Arabia – Shalom" beigesteuert. Da wollen wir den Grundgedanken des Ballets Russes, des freien Europas, aufzeigen. Und bei den ausgewählten Feature-Partnern wie Kele Okereke, KRS oder Schorsch Kamerun haben wir uns die Freiheit genommen, dem Label zu sagen, wer für uns interessant ist, welcher Künstler einem Song etwas geben kann: eine Haltung, einen anderen Ansatz oder auch was revolutionäres.

Oftmals gehen mit Projekten dieser Art die Fragen einher, ob es sich um eine Aufwertung popkultureller Produktionsformen oder um die Verjüngung klassischer Musik handelt. Spielt so etwas im Produktionsprozess eine Rolle?

Wen das letztendlich anspricht, oder ob die Songs eine neue Jugendlichkeit erhalten, ist erst mal zweitrangig. Man beschäftigt sich sehr intensiv mit dem Originalwerk, mit den Aufnahmen und versucht diese in einen anderen, sehr vertrauten, Kontext zu bringen. Dieser besteht, wie man an der Platte hört, aus vielen verschiedenen Musikrichtungen. Wir versuchen zwar dicht am Werk zu bleiben, es aber so zu verändern, dass eine neue Sphäre aufgemacht wird.

Wolltet ihr Hörgewohnheiten erhalten oder deutlich irritieren?

Wir wurden selbst irritiert: Bei "Carmen" wurde über den 3/8-Takt der Streicher ein 4/4-Beat gelegt und daraus sind irgendwelche skurrilen Synkopen entstanden. Diese Irritationen sind toll, aber sie sind nicht bewusst geplant. Wir denken bei der Arbeit komplett an die Stimmung im Studio, das Zusammenspiel der einzelnen Spuren und daran, dass später bei dem Song die ganze Hütte brennt – und an den Spaß an der Musik. Das klingt zwar nach 50er Jahre, aber ist einfach so. Wir haben Bock drauf gehabt und haben das auch bei jeder einzelnen Produktion ausgekostet.

Ist es immer noch ein Problem, dass der Remix mit dem Original verglichen wird?

Es handelt sich bei den Originalen um E-Musik und Hochkultur. Das ist immer ein schwieriges Pflaster. Und es wird immer Leute geben, die das übertrieben bewerten. Natürlich wird es ein neuer Song. Auch wenn GEMA-rechtlich kein neues Werk entsteht, denn es ist eine Bearbeitung eines Werks, ist es trotzdem isoliert von den großartigen Originalkomposition zu sehen. Es geht nicht darum, Tschaikowski in den Schatten zu stellen. Das wäre ja total vermessen. Wir wollen zu der hiesigen Musiklandschaft unseren Beitrag leisten, in zeitgenössischer Weise mit alten Werken. Das ist nicht mehr und nicht weniger.

Man kann gleichwertig beides haben: Original und Remix in diesem Fall?

Das ist alles Musik. Und deshalb ist es natürlich schön, wenn man mal eine Platte von Ravel auflegt und eine von "Ballet Jeunesse". Es gibt kein Entweder-oder, es kann alles in den Playlists sein und die Playlists von den Leuten heutzutage sind so wild. Ich mache auch Workshops mit Jugendlichen und wenn ich danach frage, was hört ihr für Musik, dann sagen die immer: 'Alles mögliche'. Und das ist die beste Antwort, die man geben kann.

Ihr spielt das erste Mal beim Reeperbahn-Festival. Wo würdest du "Ballet Jeunesse" im Ruhrgebiet live präsentieren, wenn du die Wahl hättest?

Ich habe mal bei einer "Fledermaus"-Inszenierung im Aalto Theater in Essen gespielt. Da würde ich gerne noch mal hin. Und Steven Sloane von den Bochumer Symphonikern hat sich auch mal "Urbantix" angeschaut und war von der Show, für die ich die musikalische Leitung mache, ganz begeistert, soweit ich weiß. Vielleicht gibt es in diesem Kosmos noch mal eine Gelegenheit.

"Ballet Jeunesse" erscheint am 9.9. auf Decca.

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