Die Zauberflöte: Unterwegs im Neuland Oper

Links die Zauberflöte, rechts Tamino

Zugegeben: Die Oper ist für mich in etwa so großes Neuland, wie für Angela Merkel das Internet. Man hat schon mal davon gehört, ist hier und da damit in Berührung gekommen und weiß, dass der Einfluss wohl größer ist, als man glaubt. Aber viel mehr auch nicht. Grund genug, mal ein bisschen was nachzuholen und da passt es ganz gut, dass im Düsseldorfer Opernhaus zur Zeit Mozarts berühmte Oper „Die Zauberflöte“ aufgeführt wird – und zwar als multimediales Bühnenfeuerwerk.

Kurze Rückbesinnung auf meine Erfahrungen mit Oper. Da wäre dieses blaue Alien aus Luc Bessons „Das Fünfte Element“, das zur dramatischen Untermalung irgendeine italienische Oper trällert, und auch in Damien Rice’s Lied „Eskimo“ wird die Stimmung maßgeblich von einer Opernsängering getragen. Und die Zauberflöte – was ist das? Von der Arie der Nachtkönigin weiß man, dass sie auf der Voyager ins Weltall geschossen wurde und den Namen Papageno kennt man, zum Beispiel aus dem Jack Black-Film „Tenacious D“ – da ist er ein Sasquatch. Die Popkultur scheint sich also reichlich an dem Stoff zu bedienen, vielleicht ist das hier ein bisschen so etwas wie Quellensuche.

Schwerer Samt und leichtes Schmunzeln

Kleine coolibris gabs auch

Aber von vorne: Der Abend in der Oper beginnt mit der angenehmen Feststellung, dass ich den Altersschnitt gar nicht mal so gnadenlos nach unten zerre. Zwischen das erwartete Publikum, mit Abendgarderobe und Sektglas, mischen sich so einige Mittzwanziger und auch Kinder. Die ersten Schritte in den Opernsaal beeindrucken: Der runde Raum mit den mehreren Rängen, das knarzende Holz, der eng an eng gereihten Sitzplätze und der schwere Samt des Vorhangs haben etwas Imposantes, Beeindruckendes. Schon bald erlischt das Licht und aus dem Operngraben schallen die ersten Töne der berühmten Mozartoper.

Der Vorhang öffnet sich! Und sofort fällt auf, was diese Inszenierung der Oper am Rhein so besonders macht: Die Darsteller befinden sich auf einer nackten Bühne, da ist nichts, außer einer weißen Wand mit mehreren Drehtüren. Was das Ganze zum Leben erweckt, sind Projektionen, die die Bühne in eine wahnwitzige Fantasiewelt verwandeln. In der ersten Szene sehen wir Tamino, den Helden der Oper, der durch einen Wald hetzt – beziehungsweise sehen wir den Oberkörper des Darstellers und darunter aufprojizierte, rennende Beine, nebendran rauschen illustrierte Bäume vorbei, ein Drache saust hier und da durchs Bild, alles mit dem Charme eines Kinderbuches oder Pop-Art-Gemäldes, vielleicht auch einer Papierschnittcollage. Jede Animation ist übrigens eine Handzeichnung des Künstlers Paul Barrit. Einige Meter über dem Bühnenboden drehen sich nun plötzlich die in die weiße Wand eingelassenen Türen und drei Damen erscheinen. Hier sticht die nächste Besonderheit ins Auge: Die Oper bedient sich an der Stummfilmästhetik der 20er und 30er Jahre, sowohl im Bezug auf die wirklich ikonischen Kostüme, als auch im Hinblick auf die Dialoge, die allein in Schriftzügen und übertriebener Gestik und Mimik inszeniert werden. Es gefällt, sorgt immer wieder für ein Schmunzeln und verleiht dem Ganzen verspielte Leichtigkeit.

Elefanten mit Strapsen

Besagte Elefanten

Diese trägt auch durch die folgenden 2 ½ Stunden mit komplexem und berührendem Gesang und einer Handlung die, mal wieder zugegeben, nicht viel Sinn oder Konsequenz für mich zu ergeben scheint. Ein Blick ins Programmheft bestätigt jedoch: So scheint es der Quelltext vorzusehen. Was Mozart sich da wohl eingeschmissen hat? Regisseur Barrie Kosky sagt dazu: „Man muss die Ungereimtheiten der Handlung und der Figuren ebenso wie die Mischung aus Fantasy, Surrealismus, Magie und tief berührenden menschlichen Emotionen geradezu zelebrieren.“ Einverstanden, denn „Die Zauberflöte“ in dieser Konzeption, mit ihrer einmaligen Bildsprache, ist eine visuelle Oper, die immer wieder neue Tricks benutzt, um die Faszination aufrecht zu erhalten. Ob es nun die freche Katze ist, die Papageno begleitet, Elefanten mit Strapsen oder gruselige Wolfsmasken, die Bühne quillt nur so über vor Ideen und macht die abstrakte Handlung etwas greifbarer.

Zum Schluss wird das Ensemble euphorisch beklatscht und bejubelt. Und auch hier wieder etwas gelernt: Selbst in der Oper wird mal überschwänglich rumgeschrien. Alles gar nicht so steif, wie man vielleicht dachte. Und würde ich noch einmal in die Oper gehen? Ersteinmal muss ich da feststellen, dass meine Aufnahmefähigkeit, meine Aufmerksamkeitsspanne und natürlich meine Sehgewohnheiten für eine ganz klassische Oper vielleicht etwas ungeschult sind. Wenn die Inszenierung aber so modern und interessant ist, es schafft, derart leichtfüßig mit den Medienformen zu jonglieren und dabei klassische und kontemporäre Kunst- und Unterhaltungsformen miteinander zu verbinden, fühle auch ich mich als Opernfrischling angelockt. Ansonsten freue ich mich aber auch weiterhin, wenn in Besson-Filmen Aliens Italo-Opern zu Actionsequenzen zum Besten geben.

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