Hein Mulders: So smart kann Oper sein

Hein Mulders trägt Jeans und hellblaues Hemd. Der smarte 48-Jährige öffnet selbst die Tür und bittet in sein Büro. Das zeigt sich weit weniger repräsentativ als erwartet – keine ausladende Sitzgruppe, die Wände noch kahl, einfache Bürostühle und ein paar schlichte Tische, auf denen sich die Papierstapel türmen. So stellt man sich den Empfang bei einem „Superintendanten“ eigentlich nicht vor. Als der wird der Niederländer in der Presse nämlich gehandelt, seit er die Doppelintendanz für die Essener Philharmonie und die Aalto Oper übernahm – und als Experiment und Wagnis.

„Es ist schon viel Arbeit, die Nachfolge von gleich zwei Persönlichkeiten anzutreten“, bekennt Mulders in nahezu akzentfreiem Deutsch. Das ginge nur mit einem guten Team, das er deshalb auch weitestgehend von seinen Vorgängern übernommen habe, lediglich in der Oper seien einige neue Positionen hinzugekommen. Das ist für einen Intendantenwechsel eher ungewöhnlich – zumindest in Deutschland. „In den Niederlanden kennen wir das nicht, dass das so ein harter Schnitt ist. Da ist ein fließender Wechsel völlig normal.“

Deshalb ist in Essen auch noch wenig davon zu merken, dass vor allem die Ära Stefan Soltesz an der Oper nun vorüber ist: Kein neues Logo, kein neuer Werbeauftritt und etliche Wiederaufnahmen von Inszenierungen seines Vorgängers. Und das obwohl Hein Mulders, der zuvor an der Flämischen Oper in Antwerpen und Gent und dann an der niederländischen Oper in Amsterdam arbeitete, zunächst vor allem Opernmann mit Herz und Nieren sei, wie er bekennt. Doch offensichtlich einer, dem das Haus mehr am Herzen liegt als die eigene Profilierung. Dennoch gebe es natürlich Neuerungen. „Viele Sänger des Ensembles sind schon sehr lange in Essen“, erklärt Mulders, „Da musste frischer Wind ins Ensemble.“ Die Hälfte des Ensembles kommt neu nach Essen. „Auch in Zukunft soll die Fluktuation erhalten bleiben. Es tut Sängern gut, wenn sie nur eine begrenzte Zeit an einem Haus tätig sind, sie brauchen den Wechsel, um sich weiterentwickeln zu können.“ Und auch wenn es schmerzhaft wäre, hervorragende Sänger und Sängerinnen abgeben zu müssen, will Mulders an diesem Prinzip festhalten.

Schluss mit Wagner

Gegenüber dem sehr deutschen Repertoire-Prinzip sei er eher reserviert gewesen, bekennt er, doch in Essen funktioniere es. „Wären viele Produktionen nicht von so hoher Qualität, hätte ich natürlich ein komplett neues Programm aufgestellt. Trotzdem gibt es auch eine Neuausrichtung: Es wird erst einmal keine neue Richard-Wagner-Oper geben. Das war das Spezialgebiet von Stefan Soltesz. Mit Tomas Netopil bringe ich einen Generalmusikdirektor mit ans Haus, der vor allem für seine Interpretationen von Mozart und dem slawischen und französischen Repertoire bekannt ist.“

Dieser neue Schwerpunkt wird zum ersten Mal gegen Ende der kommenden Spielzeit bei der Premiere von Leos Janaceks Meisterwerk „Jenufa“ deutlich. Von seinem Vorgänger Stefan Soltesz will Hein Mulders aber vor allem auch den Respekt vor dem Publikum bei der Programmgestaltung übernehmen: „Ich würde gerne mehr Zeitgenössisches machen, aber bei nur fünf Neuproduktionen im Jahr ist das kaum möglich.“ In Programm der Philharmonie findet sich diese Vorliebe allerdings wieder. Die Konzertreihe „NOW“ wird ausgebaut und startet mit Karlheinz Stockhausens „Gruppen“ für drei Orchester im Oktober mit einem spektakulären Highlight.

Die enge Verzahnung zwischen Philharmonie und Oper ist eine Chance

Auf die Frage, ob der übermächtige Stefan Soltesz, der die Aalto Oper über 16 Jahre hinweg leitete und prägte, eine Last sei, reagiert Mulders sehr entspannt. Zum einen sei er Manager und deshalb in einer ganz anderen Position, und zum anderen habe er mit Tomasz Netopil einen neuen musikalischen Leiter, der genug neue Akzente setzt, um sich gegen den Vorgänger zu profilieren. Die enge Verzahnung zwischen Philharmonie und Oper gibt darüber hinaus die Chance, zu jeder Opernproduktion ein thematisch passendes Konzert anzubieten, um dem Publikum weitergehende Einblicke in das Werk der Komponisten zu ermöglichen.

Und wie sieht es in Zukunft mit der sogenannten „leichten Muse“ in Essen aus? „Ich bin kein Fan von Musical“, gesteht Mulders offen und fügt hinzu: „Vor allem ist aber das Opernrepertoire so groß, dass bei nur so wenigen Produktionen im Jahr kaum Platz für Musical und Operette bleibt.“

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