Honig: Im luftleeren Raum

Honig, die Band, mit Mastermind Stefan (Mitte) | Foto: Charlotte Schreiber

Die Band Honig hat eines der schönsten Folk-Pop Alben dieses Jahres geschaffen. Zur rasanten Single „Lemon Law“ gesellen sich zehn weitere Ohrwürmer wie das zerbrechliche „Leave Me Now“ und das kraftvolle „Overboard“, die den Hörer in ein Wechselbad aus Melancholie und Ekstase tauchen. Noch vor der Veröffentlichung wird die Ausnahmeerscheinung aus Düsseldorf in diesem Monat die Hauptbühne des Haldern Pop Festivals erobern. Ein guter Zeitpunkt für eine künstlerische Standortbestimmung. Michael Wenzel sprach mit Stefan Honig über Songwriting, Kolibris im hohen Norden und einschneidende Erlebnisse beim Freiluft-Pinkeln.

Die neue Platte heißt „It's Not A Hummingbird, It's Your Father's Ghost” – wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Titel?

Vor 23 Jahren reiste ich mit meinen Eltern das erste Mal nach Nordamerika. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir in Kanada waren und ich an einem der ersten Tage hinter einen Busch zum Pinkeln verschwand. Plötzlich tauchte ein Kolibri direkt vor meiner Nase auf. Damit hatte ich in Kanada nicht gerechnet. Tatsächlich kommen Kolibris im Sommer bis nach Kanada hoch. Im Laufe des Trips haben wir noch einige gesehen. Als ich weit später, mit meiner letzten Platte, „Empty Orchestra“, in den USA tourte, habe ich an einem See geschlafen. Am nächsten Morgen stand ich auf, ging zum Pinkeln hinter einen Busch und hatte wieder einen Kolibri vor der Nase! Das war eine krasse Erfahrung. Mit 20 Jahren Abstand hat sich diese Szene wiederholt. Die Geschichte erzählte ich dann abends am Lagerfeuer. Wir kamen so auf den indianischen Glauben zu sprechen, dass jeder Mensch ein Beschützertier hat, ein geistesverwandtes Tier. Vielleicht ist meines ja der Kolibri. Mein Vater ist kurz nach der ersten Reise gestorben und ein Mädchen am Lagerfeuer hatte den Einfall, dass es vielleicht kein Kolibri war, sondern der Geist meines Vaters. Die Idee hat mir sehr gefallen.

China, die USA, Island, Polen – Honig ist in Sachen Musik weit herumgekommen. Wie prägt das Reisen dich und deine Texte?

Natürlich prägt es einen, wie die Welt an so unterschiedlichen Orten ist. Und das findet bestimmt auch seinen Weg in die Songs. Aber ich bin nicht unbedingt jemand, der Stories erzählt. Songs sind vielmehr Ideen, die existieren und passieren. Es gibt keine Urlaubserlebnisse, die ich in einen Song packe. Da ich auf Tour nicht viel schreibe, ist das immer retrospektiv. Ich schreibe, wenn ich wieder zuhause bin. Auf Tour habe ich nicht genug Ruhe.

Ein immer wiederkehrendes Motiv auf „Empty Orchestra“ war Wasser. Folgt auch das aktuelle Album einem Leitthema?

Auch wenn das Album einen Titel hat, der den Anschein erweckt - es ist kein Konzeptalbum. Ich habe mit „Swimming Lessons“ erneut einen „Wassersong“ drin, doch es gibt kein übergeordnetes Thema. Es hat vielmehr mit der eigenen Situation zu tun. Beim letzten Album hatte ich einen Job im Kindergarten, ich habe Dinge aus dem Blickwinkel von Kindern betrachtet. Während ich die Songs schrieb, überlegte ich, dass ich noch mal raus will. Das hatte ziemlich viel mit Aufbruch zu tun. Das neue Album beschäftigt sich eher damit, dass ich jetzt wieder darüber nachdenke, wo das Zuhause ist.

Welchen Einfluss hatte der feste Bandkontext auf das Album?

Bereits die Songs auf „Empty Orchestra“ hatten eine andere Dynamik. Als ich meine Sachen dafür aufnahm, habe ich Freunde eingeladen, die zu meiner Musik etwas spielten. Diesmal bin ich mit den Ideen für die Songs in den Proberaum gegangen. Wir haben dann zuerst die Lieder eingespielt, die jetzt auf der Platte sind. Mit der Band ist es ein ganz anderes Album geworden als das letzte.

Der erste gemeinsame Auftritt der Band war 2012 beim Haldern Pop Festival im Spiegelzelt. In diesem Monat spielt ihr auf der großen Bühne. Bringt das nicht eine Menge Verantwortung mit sich?

Ich habe die Verantwortung, ordentlich Spaß zu haben. Dann machen wir das hoffentlich für alle zu einem tollen Ereignis. Es hat ja auch im Spiegelzelt großartig geklappt und ich hoffe, dass es diesmal wieder so wird. Diese Bühne ist mit Abstand die größte, auf der wir bisher gespielt haben. Ich weiß auch, dass wir das gut können. Aber es ist halt das Haldern Pop Festival – das macht es für mich so verrückt. Ich glaube nicht, dass ich halb so aufgeregt wäre, wenn wir auf dem Hurricane Festival spielen würden, das eine noch größere Bühne hat. Denn es wäre für mich ein neutraler Ort. Das ist Haldern überhaupt nicht: Da saß ich schon vor 15 Jahren vor der Hauptbühne und habe gedacht - ach was, da habe ich noch nicht mal den Gedanken gewagt, dass ich da mal auftreten würde! So beladen ist das mit Idealen. Es ist eine große Ehre, dort spielen zu dürfen.

Wo würdest Du Dich heute als Künstler verorten?

Das ist immer eine Entdeckungsreise. Ich habe das vor der letzten Platte nicht gewusst und weiß es heute auch nicht. Eigentlich bin ich gerade im total luftleeren Raum. Ich habe die Platte gemacht, bin zugegebenermaßen zufrieden und glücklich damit, wie das Produkt geworden ist. Vielleicht auch glücklicher als beim letzten Mal.

Wohin zieht es Honig noch in diesem Jahr?

Bis zum Album-Release ist es noch entspannt, dann wird es etwas wilder: Außer Haldern spielen wir noch ein paar Festivals, dann machen wahrscheinlich nur Martin Hannaford und ich eine Promo-Tour, bei der wir Radiostationen abfahren. Ende September geht die Band wieder für fast vier Wochen auf Tour. Unter anderem spielen wir in London, der Schweiz und Österreich. Danach folgen noch einige Wochenenden mit Auftritten in Belgien und Holland.


„It's Not A Hummingbird, It's Your Father's Ghost” erscheint am 22.8. auf Haldern Pop Recordings (Rough Trade).

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VÖ: 22.8. Haldern Pop/Rough Trade

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