Vinylpredigt: Die Festung der Ignoranz

Plattenpater: Diethelm Kröhl

Im vergangenen Jahr tourte Diethelm Kröhl als lebende Jukebox durch die Düsseldorfer Kneipenszene. Nun hat der Düsseldorfer, der auch unter dem Alter Ego "Haru Specks" in Popkultur macht, ein neues Projekt ausgeheckt: die Vinylpredigt, eine Kombination aus Protest und Unterhaltung, natürlich mit viel Musik. Die Premiere ging im Juli im Flingeraner 4WändeMarie über die Bühne und stieß auf sehr positive Resonanz. Für den August sind nun zwei weitere Predigt-Termine anberaumt. Alexandra Wehrmann sprach mit Diethelm Kröhl.

Diethelm, Dein neues Format heißt „Vinylpredigt“. Welches Konzept verbirgt sich dahinter?

Mit einem Plattenspieler, einem Laptop und einem Beamer, der die Songtexte an die Wand wirft, spreche ich zu einem vorher angekündigten Thema. Die Lieder dienen einerseits der Auflockerung, andererseits hat man Gelegenheit, sich auf inhaltlicher Ebene mit Musik auseinander zu setzen.

Wie kamst Du auf die Idee? Hattest Du keine Lust mehr, der schweigende Plattenaufleger zu sein?

Je älter ich werde, desto mehr kann ich meine Stärken erkennen und erarbeite mir den Mut, diese einzusetzen. Ich verstehe viel von Musik, ich setze mich mit gesellschaftlichen Themen aktiv auseinander und ich kann mich ganz gut ausdrücken. Das Etikett „Predigt“ erlaubt mir, an meiner moralinsauren Ader zu arbeiten, ohne dass jemand nicht vorgewarnt wurde.

Das Ganze ist konzeptionell ja eine Mixtur aus Protest und Unterhaltung. Kann man die Leute nur noch mit dieser Kombination hinterm Ofen hervorlocken bzw. funktioniert Protest allein heutzutage nicht mehr?

Da machst Du aber ein Fass auf! Die kurze Antwort: Was ist schlimm daran, Themen tiefgehend und unterhaltsam zu vermitteln? Wir denken scheinbar oft, dass eine intellektuelle Auseinandersetzung nur dann gelungen ist, wenn sie gestelzt und langweilig daher kommt. Aber Menschen wie Georg Schramm, Slavoy Zizek oder der kürzlich verstorbene Stephane Hessel beweisen, dass es auch ganz anders geht. Die Botschaft lautet: Es lohnt sich, nachzudenken. Bildung ist sexy. Wer den eigenen Kopf nutzt, der kann auch Möglichkeiten der Handlung finden. Oder um das mal umzudrehen: Politiker, die nur noch öde Ansprachen halten und einfach nur noch lauter und banaler werden, um den vermeintlich letzten Deppen ihre Botschaft einzubläuen, unterschätzen die einfachen Menschen und beherrschen ihr Handwerk nicht. Einen guten Politiker messe ich unter anderem daran, wie er oder sie lustvoll schwierige Themen vermitteln kann. Leider will mir gerade kein positives Beispiel einfallen.

Und zum Inhalt des Protestes: Manches ist so offensichtlich, dass man es schnell übersieht. Ich finde es skandalös, wie viele Menschen hier an Depressionen oder Burn-Out leiden. Das können wir doch nicht hinnehmen, dass der Preis für all die Smartphones und neuen Ikea-Schrankwände eine unglückliche Gesellschaft ist. Da finde ich den Hinweis, dass es anderen Ländern viel, viel schlechter geht, nicht hilfreich und auch feige. Wollen wir uns nur an schlechteren Zuständen messen oder haben wir den Mut, eine große Vision aufzustellen? Warum gehen wir es nicht an, eine glückliche Gesellschaft aufzubauen, statt immer nur auf Benzinpreise und Arbeitsplatzverluste zu schauen? Hier werden Stöckchen hingehalten, über die wir dann angstvoll hüpfen müssen. Deshalb ganz kurz: Unterhaltung ist das trojanische Pferd, um schwierige Inhalte in die Festung der Ignoranz zu schmuggeln.

Die Debüt-Vinylpredigt ging im Juli im Flingeraner 4WändeMarie über die Bühne. Sie hatte das Thema „Leiden ist scheiße“. Worunter genau leidest Du?

Unter mir selbst. Ich habe einen starken Hang zum Schwermut, „der meine Kräfte hemmt und spannt“, wie es Baudelaire ausdrückte. Es ist meine Lebensaufgabe, dieses Seelengift in Medizin zu verwandeln.

Und wie war die Resonanz seitens der Besucher?

Ich war sehr überrascht. Einerseits waren die Zuhörer konzentriert bei der Sache. Bei den Musikstücken konnte man richtig das Knacken der Synapsen geradezu hören. Bei den Wortbeiträgen gab es besonders beim Thema „Depression“ und „Revolution“ starke Reaktionen und Zwischenrufe. Offensichtlich ist Leid ein Bestandteil jeden Lebens, wird aber fast nie thematisiert, wenn nicht sogar tabuisiert. Bei den spontanen Beiträgen der Besucher wurde ich ganz schön aus dem Konzept gebracht. Da werde ich mich in Souveränität üben, statt wie geschehen den moralischen Platzhirsch zu mimen.

Für den August sind nun gleich zwei weitere Predigt-Abende anberaumt. Welche Themen wirst Du dort aufs Tapet bringen?

Am 8.8. gibt es ein Update der ersten Vinylpredigt „Leiden ist scheiße“. Am 22.8. ist dann die Premiere der Predigt II: „Prometheus – die Götter sind gierig“. Hierbei geht es einerseits um die alte Sage, andererseits um aktuelle Bezüge. In groben Zügen handelt die zweite Predigt von Unterdrückung und Selbstermächtigung. Da begebe ich mich auf dünnes Eis, doch es ist mir einfach zu wichtig. Im Hinterkopf habe ich die Themen zur dritten und vierten Predigt: „Liebe“ und „Tod“.

Und die Lösungsansätze lieferst Du auch gleich mit?

Eher Lösungsvorschläge. Ich bin kein Lebensberater oder Therapeut. Ich interessiere mich für Probleme, aber noch viel mehr für Lösungen. Ich stelle somit Lösungsansätze vor, stelle sie aber auch zum Diskurs. Im Dialog mit anderen erfahre ich ja immer wieder die Beschränktheit meines eigenen Denkens und lerne hinzu.

Bei Themen wie Unzufriedenheit, Aufbegehren und Veränderung denkt man musikalisch an klassische Demo-Songs wie Ton Steine Scherben oder den wütenden Punk von Slime oder EA80. Geht es musikalisch in diese Richtung?

Interessanterweise kaum bis gar nicht. Mir stellt sich die Frage, wie eine Revolution aussehen muss. Die Geschichte zeigt, dass kollektive Revolutionen meist nur eine Umkehrung von Verhältnissen nach sich ziehen: Soziopathen werden gestürzt, um anderen Soziopathen Platz zu machen. Insofern glaube ich eher an eine individuelle Revolution: Wenn sich der einzelne Mensch verändert, zieht das eine Veränderung der Gesellschaft nach sich. Und da finde ich viel mehr Ansätze im Soul der 70er, als im Punk, der meist nur banale Wut ausdrückt, statt begründeten und durchdachten Zorn mit Liebe zu verbinden, wie zum Beispiel bei Curtis Mayfield.

Ohne zu viel zu verraten: Kannst Du ein Beispiel bringen, wie Du ein Thema mit einem Song kombinierst?

Zum Beispiel diese Wut, diese Unzufriedenheit, die sich bei vielen bei Facebook ausdrückt: Da geschieht irgendwas schrecklich Gemeines und man postet Links zu Artikeln oder Grafiken mit schlauen Sprüchen zum Thema. Aber: Ändert das wirklich etwas? Gill Scott Heron drückte es schon 1974 wie folgt aus: „the revolution will not be televised“. Auf heutige Tage übertragen: Auf Facebook wird nicht die Revolution stattfinden. Wenn Du wirklich etwas verändern willst, musst Du Deine Komfortzone verlassen und Dich mit anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht auseinander setzen. Das ist auch viel gesünder, als immer nur auf den Monitor zu glotzen und ein Magengeschwür zu bekommen.

Und die Songs kommen alle von Platte?

Ausschließlich.

Hast Du selber überhaupt einen CD-Player – oder lehnst Du das total ab?

Ich besitze eine Mini-Kompaktanlage mit CD-Player, auf der geschenkte CDs gehört werden. Interessant übrigens: Die CD ist ja mittlerweile ein veraltetes Medium. Wer kauft schon noch CDs? Die großen Gewinne werden doch zwischenzeitlich durch Downloads erzielt.

Bei dem von Dir gewählten Titel sei auch diese Frage erlaubt: Wie hältst Du es selber mit der Religion?

Ich bin seit Jahren Mitglied der buddhistischen Laienorganisation Soka Gakkai und rezitiere täglich „Nam Myoho Renge Kyo“. Religion hat meines Erachtens die Aufgabe, die Würde jedes Menschen auf friedlichem Wege zu ermöglichen und zu erhalten. Diese Würde wird im Buddhismus „erleuchtete Natur“ oder „Buddhaschaft“ genannt. Jeder Mensch, gleich welcher Herkunft, Religions- oder Klassenzugehörigkeit, welcher sexueller Ausrichtung oder welchen Geschlechts besitzt diese Buddhaschaft und es liegt allein an mir, meine Umgebung zu inspirieren, sie an diesen Zustand zu erinnern, ihre Sehnsucht zu wecken und diese hervorzuholen.

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