Konzertbericht: Impressionen vom Open Source Festival

| Michael Wenzel

Schön, dass du wieder da bist!

Am frühen Morgen zeigt sich der Rhein im grauen Morgenrock: Der Fluss ist kaum vom Himmel zu unterscheiden. Gegen Mittag hat sich die Sonne zum Himmel bequemt. Ein Glück, war das Open Source Festival in seiner nunmehr neunjährigen Geschichte selten von ihr verwöhnt worden. Dieser Tag soll anders werden. Auf der Rennbahn zeigen sich die Musikbegeisterten von ihrer besten Seite: Die Kö ist weit weg, die Frauen schön mit Plastikblumen made in China oder goldenen Siegerkränzen im Haar. Die Herren der Schöpfung geben ihr Bestes in Jeans und T-Shirt. Hier zählt einzig und allein die Liebe zur Musik. Und wo könnte man neue Lieblingslieder besser entdecken als hier!

Razz eröffnen das bunte Treiben auf der Hauptbühne. Sie klingen wie eine Mischung aus den Editors und Kings of Leon. Ist Aurich das neue Mekka des Alternative Rock? Wenn ja, liegt es an diesem smarten Quartett. Das Duo Bar wirkt entspannt. Was Kraftwerk die roten Hemden von Ela waren, sind der stilbewussten Band Am Rhein die in beigeblau gehaltenen Outfits der Modedesignerin Marion Strehlow, die Ihr Kreativlager heute bei den Open Squares aufgeschlagen hat. „Adios“ erklingt als bewährtes Intro und verströmt harmonische Stimmung, während sich auf der Hauptbühne ein anderes Duo musikalisch austobt: Retrogott textet zu den Beats von Hulk Hodn das Mikrofon zu. Beanie ab vor diesem Bühnenmonster aus Köln, das mit einfachsten Mitteln zu Samples alter George Clinton-Scheiben hohe Sprachkunst abliefert. „Momentan produziert die Reinhaltung der Rassen gemischte Gefühle“ ist nur ein Highlight des Leistungskurses Rap. Auf der Young Talent Stage brillieren MXM: Frauenstimme, Keyboard, Schlagzeug. Auf der Carhartt Stage der Londoner Douglas Dare: Falsettgesang, Keyboard, Schlagzeug. Auf der Hauptbühne der Australier RY X: Falsettgesang, Keyboard, Schlagzeug – ausnahmsweise Gitarre beim Hit „Berlin“. Die drei Acts wirken in ihrer James-Blake-Melancholie mehr als austauschbar.

Die Hackney Colliery Band ist es nicht: Die Blaskapelle ist die East Londoner Antwort auf La Brass Banda und zeigt, wie umwerfend Adeles „Rolling In The Deep“ in Blech klingt. Als weiteres Highlight erweisen sich Young Wolf alias Marco Sterk und Jan Schulte, die garniert von einem Totenschädel mit Blechschüssel und Mundorgel als Geräuschquelle den Bogen vom Electro Lounge zum Dancefloor schlagen. Da können nur noch Hercules & Love Affair mithalten: DJ Andy Butler und seine drei Kollaborateure Mark Pistel und die Sänger Gustaph and Rouge Mary verwandeln die Hauptbühne in das Studio 54: Chicago House trifft auf Disco Beats und schrille Outfits, New Yorker Ausgelassenheit auf rheinische Lebensfreude. „Do You Feel The Same?“ Aber so was von! Das Publikum tanzt ausgelassen, die Sonne lacht – da stört noch nicht einmal die Drohne über der imposanten Kulisse der Galopprennbahn. „Ubercool“, meint Rouge Mary, der sein Haar schüttelt wie wilde Mädchen für Helge Schneider. Nur die Band Søyl pflegt in diesem Moment den Blues und vieles mehr und unterstreicht mit ihrem hohen Können ihre Sonderstellung unter den Newcomern der Düsseldorfer Musikszene. Nach einem höhepunktfreien Auftritt von Koreless entführt Panda Bear sein Publikum in eine bunte Welt. Der Experimentalmusiker singt zu großartigen Visuals und bringt die Welt auch ohne das Animal Collective zum Zerfließen.

Dann wird es düster: Dean Blunt tritt – ganz in schwarz – mit einem Bodyguard – ganz in schwarz – auf die Bühne (ebenfalls ganz in schwarz). Black is beautiful. Blunt raucht, verschwindet von der Bühne. Erscheint aus dem Schatten mit einem Saxofonisten. Das Publikum ist ebenso gebannt von den Rapminiaturen, die der Londoner schließlich mit eindringlicher Stimme präsentiert, wie sein Leibwächter, der unbewegt über die merkwürdige Szenerie wacht. Auch die singende Gitarristin kann Zweifel nicht beseitigen, dass hier eine Playback-Show stattfindet. Aber eine großartige! Blunt ist der böse Halbbruder von Tricky, sein unehelicher Vater James Brown, von dem er gelernt hat, wie man allein über Bühnenpräsenz sein Publikum fesselt. Das versöhnliche Kontrastprogramm läuft auf der Hauptbühne, die Max Herre und sein Kahedi Orchestra zum Wohnzimmer umgebaut haben. Der Freundeskreis geht heute in die Tausende, die nach einem rundum gelungenen Festivaltag gerne einstimmen: „Schön, dass du wieder da bist.“

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