Langtunes: Drängendes Spiel

Elektronischer Indierock aus dem Iran: Die Langtunes

Es ist nicht illegal, in einer Band zu spielen, du kannst die Musik machen, die dir gefällt. Aber du kannst sie weder veröffentlichen, noch verkaufen oder live vor einem Publikum spielen. Mit anderen Worten: Du kannst im Iran kein professioneller Musiker werden, solange du Musik machst, die der Regierung nicht gefällt.“

Behrooz, Kamyar, Garen und Rouzbeh produzieren ihre Musik zuhause in ihren Heimstudios. Songs werden im Internet veröffentlicht, CDs per Hand verteilt. Auftritte in ihrer Heimat sind für die vier jungen Iraner, die sich 2009 zur Band „Langtunes“ zusammenschlossen, hingegen beinahe unmöglich: „Es gibt Untergrundpartys mit Konzerten, zu denen nur ein bestimmter Personenkreis eingeladen wird, aber die sind sehr gefährlich“


Tickets für den Auftritt der Langtunes gibts im coolibri-Ticketshop.


Untergrund, das bezeichnet im Iran eben nicht einfach eine Szene abseits des Mainstreams oder des Kapitalismus, sondern eine Grauzone der Illegalität. Wie viele solcher Grauzonen-Szenen es im Iran tatsächlich gibt und wie groß ihre Anhängerschaft ist, lässt sich nur schwer sagen: „Auch wir kennen nur die Gruppen, mit denen wir selbst befreundet sind, aber allein dort ist ein breites Spektrum an musikalischen Genres vertreten. Es gibt hier zum Beispiel eine große Metallszene, auch elektronische Musik wird viel produziert. Außerdem kennen wir noch eine Menge wirklich guter Jazzmusiker und besonders iranische Rapper werden im ganzen Land gerne gehört.“

Die Musik zum Beruf machen kann im Iran jedoch keiner von ihnen. Auch die Langtunes schreiben ihre Songs nach Feierabend. Tagsüber arbeiten sie als Designer, Fotografen oder Qualitätsmanager. Behrooz Job ist noch am nächsten am eigentlichen Traumberuf dran: Er komponiert Musik für Werbespots, in der Band ist er für die Songtexte verantwortlich. Der Sound der Langtunes lässt sich am ehesten als elektronischer Indierock beschreiben. Dabei brechen ihre Songs jedoch immer wieder aus typischen Indiemotiven zu experimentellen Soundausflügen auf, die die Grenze zum Psychedelischen streifen.



Für die Musik ins Exil?

Trotz aller Schwierigkeiten wollen die Langtunes weiter Musik machen und im Ausland auftreten. Dazu haben die vier Teheraner gerade sogar ein Crowdfunding-Projekt bei Pledgemusic gestartet. Über das Projekt können CDs, T-Shirts und sogar Privatauftritte der Langtunes gekauft werden. Der Erlös soll dann eine Europatournee möglich machen. Ungefährlich ist dieser Schritt in die Öffentlichkeit jedoch nicht: „Natürlich haben wir Angst, die Aufmerksamkeit der iranischen Behörden auf uns zu ziehen, aber hier hast du eben nur die Wahl, trotzdem weiterzumachen oder aufzugeben.“ Letzteres kommt für Behrooz & Co. jedoch nicht in Frage, für ihre Musik würden sie zur Not sogar ins Exil gehen, „nicht, weil wir denken, wir hätten ein besseres Leben in einem westlichen Land, aber wenn es für die Band das beste wäre, würden wir es in Kauf nehmen.“

Mit dem europäischen Publikum haben die Jungs indessen bereits sehr gute Erfahrungen gemacht, 2012 traten sie unter anderem in Berlin und beim „Krach am Bach“-Festival in der Nähe Bielefelds auf. „Das Spannendste war, dass die Leute mit unseren Songs wirklich etwas anfangen konnten. Durch die Musik konnten wir über die Grenzen der Kulturen hinweg kommunizieren und ein völlig anderes Bild vom Iran vermitteln, als es die Medien derzeit tun.“

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