Fazil Say: Musik für die Freiheit

Pianist und Komponist Fazil Say | Foto: Marco Borggreve

Der Komponist und Pianist Fazil Say ist einer der bekanntesten Künstler der Türkei – und das nicht erst, seit er Mitte April in seiner Heimat wegen angeblicher Beleidigung religiöser Gefühle zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde.

Drei Twitter-Nachrichten hatten dem 43-jährigen Musiker eine Anzeige eingebracht. Vielleicht spielte aber auch mit, dass er schon vorher als bekennender Atheist und scharfer Kritiker der Regierung Erdogan bekannt war. Vieles deutet darauf hin, dass hier ein prominentes Exempel für die religiöse Radikalisierung der türkischen Regierung statuiert werden soll. Und Fazil Say eignet sich auf perfide Art und Weise besonders gut dafür. Sein Werk, sowohl als Komponist wie als Pianist, ist geprägt von der kunstvollen Verschmelzung türkischer und europäischer Musik. In nahezu idealer Weise repräsentiert er dadurch eine verschwindende Türkei, die die Brücke zwischen Orient und Okzident, zwischen Asien und Europa bildet.

Wenn Fazil Say nun auf Einladung des Interkulturellen Bildungszentrums Essen im Juni sein Oratorium nach Texten des Dichters Nazim Hikmet in der Philharmonie Essen aufführt, ist das weit mehr als das Konzert eines in seiner Heimat geächteten Künstlers. Wie Say war auch der 1902 geborene Hikmet lange in seiner Heimat verboten, verbrachte Jahre im Gefängnis und in der Emigration in der Sowjetunion. Sein Glaube an Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit waren zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts der politischen Führung nicht geheuer. Die unheimliche Parallelität der Geschichten der beiden Künstler verleiht der Aufführung eine zusätzliche Dimension.

Mit Klavier, Solisten, Erzähler, Orchester und Chor ist das Oratorium groß besetzt. Die Verbindung von Jazz, europäischer Klassik, türkischer Folklore und Musical-Pathos ist oft ungewohnt, gelegentlich fast kitschig, aber vor allem hochemotional. Immer ist zu spüren, dass Say jeden mit seiner Botschaft erreichen will, egal ob er Erfahrung mit klassischer Musik hat oder nicht.

Um dem interkulturellen Anspruch gerecht zu werden, wird das Werk in Essen in der türkischen Originalsprache mit deutschen Übertiteln präsentiert. Und es ist sehr zu hoffen, dass genauso viel türkisches wie deutsches Publikum den Weg in die Philharmonie finden wird – auch um ein Zeichen zu setzen, dass Toleranz und Freiheit Grundwerte sind, die für Moslems, Christen und Atheisten gleichermaßen schützenswert sind.

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