Hans Nieswandt: „Bochum ist eine Großstadt, die struggelt“

Hans Nieswandt | Foto: Steffen Jagenburg

Hans Nieswandt führt Pop nach Bochum. Ab April gastieren Musikerinnen und Musiker am Institut für Populäre Musik: darunter Dirk von Lowtzow (Tocotronic), Ebba Durstewitz (JaKönigJa) sowie Curse und Björn Beneditz von Deichkind. Stefanie Roenneke sprach mit Hans Nieswandt über die neue Ringvorlesung „Pop ist eine Kunst für sich“, das Leben als Experiment und den Standort Bochum.

Gibt es einen besonderen Ansatz für die vierte Ringvorlesung?

Nachdem wir im letzten Semester massenweise Musikjournalisten und Radioleute hatten, die tolle Vorträge gehalten haben, wollte ich das alles enger zusammenführen. Wir sind kein musikwissenschaftliches, sondern ein künstlerisches Institut. Deswegen habe ich beschlossen, dass unsere Gäste im nächsten Semester nur Künstler sind oder man könnte auch sagen: legendäre Charaktere.

Möchtest du somit unterschiedliche künstlerische Strategien und Positionen im Musikmarkt aufzeigen?

Ich habe mir unsere Studis angeschaut: Wer macht eigentlich deutsche Texte? Wie viele sollten nicht immer nur an ein Major-Label denken? Ich möchte, dass das Angebot gut korrespondiert. Das Verrückte ist, obwohl wir nicht so viele Studierende haben, decken die ein großes Panorama an Stilen ab. Daher kommt auch die Unterschiedlichkeit.

Die Artist Talks finden im Sommer nicht mehr im Institut statt, sondern im Prinzregenttheater. Beruht die Entscheidung nur auf den größeren Räumlichkeiten?

Eine Sache ist, dass wir hier eine Mini-Bude sind und wirklich wenig Platz haben. Und bei Curse oder Dirk von Lowtzow kann ich mir gut vorstellen, dass sich das viele Leute anhören wollen. Wir haben hier wenig Kapazität, aber es macht Spaß mit unseren Nachbarn zu arbeiten, die versuchen, das Kreativ-Quartier aufzubauen. Wir sind noch nicht Nokia. Wir sind noch nicht Opel. Aber wir tun, was wir können.

Du befragst deine Gäste zu ihrer Biografie – wie bei Moses Schneider?

Joa, das war das einfachste Interview meines Lebens. Ich habe ihn nur gefragt: „Was geht Moses?“ Und dann hat er uns erzählt, was geht. Es war keine weitere Frage notwendig. Ich denke, dass wird bei Bernd Begemann ähnlich.

Experimentelle Existenzen

Dirk von Lowtzow/ Foto: Jutta Pohlmann

Das interessiert doch viele: Wie man etwas machen kann, dieses Quäntchen Glück braucht oder versucht durchzukommen. Auch wenn es etwas negativ klingt.

Das ist gar nicht so negativ. Es gibt immer den Glücksfaktor. Ich hatte am Bodensee eine Band… (Kurze Pause, dann setzt er erneut und holt weit aus.) Ich bin lustigerweise der erste Herausgeber von Christian Kracht. Ich habe am Bodensee ein Fanzine gemacht und Christian Kracht ist in Salem aufs Internat gegangen. Das Fanzine hieß „Guten Morgen. Journal für Kunst und Zuversicht“. Das war 1982. Damit war ich mit meinem Kumpel in einschlägigen Läden unterwegs und da waren dann so zwei hanseatische Popper-Typen und der eine wollte wissen, ob er nicht mal was veröffentlichen könnte, denn er schreibt auch. Das war Christian Kracht. Und sein Kumpel tönte, dass er Kontakt zu Palais Schaumburg und zu Die Zimmermänner hat. Und dann hat er die Zimmermänner an den Bodensee geholt und meine Band war die Vorgruppe. Das ist jetzt so die Mischung. Es war nicht nur Glück, da wir die Fanzine-Energie hatten. Auf der anderen Seite: Wenn er die Zimmermänner nicht gekannt hätte, dann wären die nicht nach Pfullendorf gekommen und ich hätte nicht, nachdem ich nach Hamburg gegangen bin, die Zimmermänner gekannt und sofort eine Band gehabt, bei der ich mitmachen kann.

Wird es neben Chancen auch mal um Grenzen oder Scheitern gehen?

Also das erhoffe ich mir. Auch ein Dirk von Lowtzow hat Enttäuschungen erlebt oder Dinge haben nicht so geklappt, wie sie sollten. Oder Bands beziehen sich auf einen, aber ohne die ganze Edginess, die man eigentlich hat. Bernd Begemann hat da sicherlich auch viel zu erzählen. Eben ist man noch der Hoffnungsträger bei irgendeinem Label, aber das funktioniert alles nicht: Der Controller sagt, dieser Mann kostet nur Geld.

Bei der Eröffnung des Instituts hat Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen erzählt, dass er dich auf das experimentelle Leben hingewiesen hat, als er dich zur Spex nach Köln holen wollte. Was diese Arbeit, neben einer Chance, eben auch bedeutet hätte.

Das ist eine grundsätzliche Sache. Wenn man keinen Mut und wenn man keine Bereitschaft hat, Risiken einzugehen, auch Türen hinter sich zuzumachen, dann wird nie etwas Aufregendes passieren. So entstehen keine interessanten Künstler. Mir hatte Diedrich damals erklärt, eine experimentelle Existenz zu führen. Das mache ich de facto immer noch. Das ist meine erste Festanstellung, überhaupt, in meinem ganzen Leben. Bis dahin war ich immer nur Freiberufler, Achterbahnfahrer, dass einem Hören und Sehen vergeht. Das ist jetzt stabil. Dafür ist das, was ich tue, neu und experimentell. Ich bin zwar nach 25 Jahren Künstlerdasein auf viele Fragen gut vorbereitet, auf andere Fragen natürlich überhaupt nicht. Ich lerne jeden Tag von den Studis, ich lerne strukturell und ich schmeiße immer noch täglich eine Ming-Vase um.

Heutzutage ist alles auf schnelles Feedback gepolt, viele kommunizieren nur ihre Erfolgserlebnisse. Aber das dahinter immer noch Arbeit und experimentelle Existenzen stecken, ist für viele nicht vorstellbar.

Selbst wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke. Ich hatte bis letzten April eine Radiosendung bei 1Live. Das war ein extrem tolles Format. Etwas von dem ich immer geträumt hatte, eine Late-Night-Sendung, in der ich die Musik bestimmt habe und zusätzlich eine richtige DJ-Mixshow hatte. Das war inhaltlich und de facto großartig. Es gab Jahre, in denen ich kleine Kinder hatte und ohne die Sendung nicht gewusst hätte, ob ich das so wirklich durchziehen kann. Und so ist es halt. Es gibt da keine vorgefertigten Karrierewege. Und auch hier, die Leute werden dann nicht irgendwann gebucht, weil sie einen Master haben, sondern weil sie tolle Künstler sind. Es ist nicht der Titel, es ist die Zeit. Die Zeit, die sie hier verbringen können mit anderen ‚erwachsenen‘ Künstlern und Künstler kennenlernen, die das leben und davon leben. Es sind die Erfahrungen, die sie in der Zeit machen können. Und ich würde mich immer auch auf Diedrichs Konzept des Schutzraums im Zusammenhang mit dem Institut beziehen. Ich sehe das ganz explizit als Gegensatz zu Karriereschmiede. Es geht letztendlich darum zu schauen, welches Potenzial steckt in Pop und welches Potenzial gibt es, Pop weiter zu drehen.

Keine provinzielle Nummer

Am 24.5 zu Gast: Laura Carbone/ Pressefoto

Aus universitärer Sicht sind Bochum, Siegen, Paderborn und Hildesheim die Pop-Standorte schlechthin. Soll von diesen Städten eine neue Strahlkraft ausgehen?

Ich mache schon einen Unterschied zwischen Städten der Größenordnung Bochum und Städten der Größenordnung Paderborn, Siegen oder Hildesheim. Das ist ein großer Unterschied. Aber es ist auffällig, dass die hippsten Studiengänge in kleinen Städten angesiedelt werden, was vermutlich damit zu tun hat, dass man hippe Leute zwingt, diese Städte zu beleben. Das hat seine Vor- und Nachteile. Da viele wieder gehen, ist das nicht richtig nachhaltig. Das habe ich auch schon im Zusammenhang mit der Ruhr-Uni gehört. Hier sind zwar unzählige Studierende, aber die sind nur so lange hier, wie sie studieren und die beleben nach meinen Informationen auch das Nachtleben nicht mehr in dem Maße, wie es früher war, aufgrund von Bachelor-Studium und verkürzter Oberstufe. Mir ist das mal im Zusammenhang mit der Zeche geschildert wurden.

Keine Zeit mehr…

Ja. Früher sind zum Rock-Donnerstag noch 600 Leute gekommen und heute sind die um 10 Uhr in der Uni und gehen nicht mehr zum Rock-Donnerstag.

Welches Potenzial siehst du dennoch?

Das Thema Strukturwandel wird hier noch extrem lange virulent sein. Und das Problem mit Kreativ-Quartieren in denkmalgeschützten, alten Industrieungetümen zu lösen, liegt auch auf der Hand. Was denkbar wäre, ich mach jetzt keine Prophezeiung, aber man kann natürlich beschließen, das Ruhrgebiet als das neue Berlin zu sehen, wegen des massiven Leerstands und der Millionen Menschen. Mein Vater hat mir früher schon erzählt, dass man sich das Ruhrgebiet wie Los Angeles vorstellen muss, als ein riesen Konglomerat. Und das Institut ist in Bochum, aber wir sind ein weltweites Institut. Ich möchte mich hier mit dem Geschehen in Essen und Herne in einem sinnvollen Verhältnis ebenso beschäftigen wie mit dem Geschehen in Seattle, Rimini und Detroit. Die Beziehung zu Bochum ist etwas enger, aber es ist mir wichtig, dass das hier keine provinzielle Nummer ist. Bochum ist keine Kleinstadt. Bochum ist eine Großstadt, die struggelt. Da setzen wir an. Es ist natürlich toll, wenn Studis aus der Umgebung kommen, aber mich macht es stolz, dass wir Studierende aus Istanbul und Kolumbien haben werden. Einer hat sich aus Kula Lumpur beworben. Das finde ich abgefahren. Die sagen, wir wollen nicht nach Berlin, wir wollen zur Folkwang nach Bochum – an dieses Pop-Institut. Und es gibt hier tatsächlich den billigen Wohnraum und die leeren Hallen, die Berlin in den 90er-Jahren so magnetisch gemacht haben. Und der Magnetismus lässt nach.

Man akzeptiert den Standort, denkt aber über die Grenzen hinaus, um eben nicht auszuschließen und sich nicht nur auf die Vergangenheit zu beziehen.

Vielleicht hat es auch seinen Grund, dass die Wahl auf jemanden wie mich gefallen ist, der nicht hier groß geworden ist. Ich verstehe dieses ‚Wir im Revier‘, aber Kohle und Stahl sind eindeutig nicht der Weg nach vorne. Auf der anderen Seite finde ich es toll, dass bei uns Jeff Cascaro unterrichtet, dessen Opa hier auf der Zeche eingefahren ist und Jeff schon in den Sechzigern auf dem Gelände war. Ich verstehe das schon sehr gut, aber ich bin nicht sehr identitär unterwegs. Ebenso wie Authentizität und Identität im Pop auch nichts Substanzielles sind, sondern Konstruktionen. Ich habe bestimmt in Deutschland den Ruf, ein voll authentischer House-Typ zu sein. An mir ist nichts authentisch. Wenn ich vielleicht schwul, schwarz und aus Chicago wäre, dann wäre ich vielleicht irgendwie authentisch. Aber was soll das schon sein.

Institut für Populäre Musik, Prinz-Regent-Straße 50-60, 44795 Bochum

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