Antilopen Gang: Flucht nach vorne

Das Jahr 2014 läuft für die Antilopen Gang ziemlich gut, im Juli spielen sie sowohl auf dem Juicy Beats als auch beim Splash-Festival. Christian Steube sprach mit dem Rap-Kollektiv über ihre bisherigen Alben, ihre Verbundenheit zum Punk und den Selbstmord ihres ehemaligen Crewmitglieds NMZS Anfang letzten Jahres.

Fangen wir mal ganz von vorne an. Stellt euch bitte vor und erzählt, was ihr macht und warum genau das.

Danger Dan: „Wir sind die Antilopen Gang und machen Rap, und genau das, weil es sehr funky ist.“
Koljah: „Und weil wir es können! Aber wir stellen uns erst einmal vor. Also: Danger Dan, Koljah und der dritte im Bunde, Panik Panzer.”

Ihr seid für das Splash bestätigt worden. Ist das euer Weg in Richtung Rap-Olymp? Wie war es für euch, davon zu hören?

Panik Panzer: „Toll!“
Danger Dan
: „Im Sommer und in der ganzen Zeit um den Tribute-Jam für Jakob und den Arbeiten an seinem Album ist uns alles über den Kopf gewachsen. Wir haben vorher nie selbst bei Festivals angefragt, sondern dann gespielt, wenn die Veranstalter uns gefragt haben. Also wir waren da nie besonders hinter her. Und jetzt haben wir eine geile Agentur, 'nen coolen Typen, der uns sofort angerufen hat und den Gig für das Splash bestätigen konnte.“
P
anik Panzer: „Ich möchte die Situation noch schildern. Ich hab das nämlich erfahren, an dem Ort, an dem wir uns eben für das Interview getroffen haben. Da stand ich und habe auf Koljah gewartet, der noch im Supermarkt war, und als er kam habe ich gefragt: Rate mal wer auf dem Splash spielt? und wir haben einen Freundentanz veranstaltet. Dann ist man fünf Minuten euphorisch. Das Traurige ist, fünf Minuten später ist das schon ganz normal. ,Ja OK, ich bin der, der auf dem Splash spielt.' Und alles, was in der Musikkarriere der Antilopen Gang eine Station war, erlebe ich so, dass man eine viel zu kurze Freude hat.“
Koljah:
„Es passieren einfach so viele Sachen, wo dann das Splash eins von vielen ist. Grade im letzten halben Jahr waren wir dauernd unterwegs, und es kommt immer was Neues, so dass man gar nicht die Zeit hat, sich lange damit zu befassen.“

Wie seid ihr zusammengekommen?

Koljah: „Es gab da eine Hip-Hop-Vereinigung von verschiedenen Leuten, mit der wir uns getroffen haben. Weil das überregional war, lief es über das Internet, aber gesehen haben wir uns das erste Mal in Köln, bis wir 2004 angefangen haben, zusammen Musik zu machen. Und zwar mit ein paar anderen Leuten als Anti Alles Aktion. Wir haben uns dann immer weiter von unseren Mitstreitern abgespalten, bis wir nur noch die Antilopen waren.“
Panik Panzer:
„Koljah habe ich aber über ICQ kennengelernt.“

Welchen musikalischen Hintergrund habt ihr? Koljah hast du dich als Die-Toten-Hosen-Fan in der Punkszene rumgetrieben?

Koljah: „Nicht direkt, aber ich war immer Punk-interessiert. Und zwar schon sehr früh, ich bin ganz allgemein Musik-begeistert und habe auch als Kind schon mal Hip Hop gehört. Auch mit Graffiti und dem ganzen Drumherum war Hip Hop schon das Ding. Als ich gerne Punker gewesen wäre, war ich leider zu jung, und als ich dann alt genug war, wurde ich Hip Hopper. Aber die beiden anderen sind auch schon seit ihrer Kindheit Hosen-Fans.“
Panik Panzer: „Aber jetzt nicht so wie du, sondern so, wie man früher eben Hosen-Fan war.“
Danger Dan:
„Ich bin zum Beispiel ein großer Knochenfabrik-Fan. Die find' ich noch cooler. Aber bei mir war es Hip Hop, mit dem ich mich zuerst identifizieren konnte.“

Ihr habt mal mit einer „richtigen“ Band zusammen Musik gemacht. Spielt ihr selber Instrumente?

Koljah: „Es gab Auftritte mit einer Band, das war so um die Zeit des L’avantgarde-Albums, das ich mit NMZS und Tai Phun gemacht hatte. Zwei Auftritte haben wir mit einer Band gespielt. Aber das waren einmalige Geschichten hier im Raum Düsseldorf.“
Danger Dan:
„Auf der Tortur-Tour 2011 hatten wir eine Vorband. Eine echte Band mit Instrumenten, und ich bin mal spontan eingestiegen und habe ein Konzert mitgespielt.“ Er zählt einige Instrumente auf, die er mehr oder weniger beherrscht, darunter Klavier, Schlagzeug und Akkordeon.

Seid ihr von früher Kindheit an ins Musik machen hineinerzogen worden oder geschah dies aus eigener Motivation?

Panik Panzer: „Danger Dan und ich sind Brüder und haben ein sehr musikalisches Elternhaus. Wir wurden dadurch von frühester Kindheit an Intrumente gewöhnt. Ich muss zugeben, dass ich das Cello spielen mittlerweile verlernt habe. Das einzige, was noch ein bisschen drin ist, wäre Schlagzeug, aber auch nicht routiniert. Ich weiß nicht, ob ich in einer Band zocken könnte.“
Danger Dan:
„Ich erzähl' auch immer gerne, dass unser erster Auftritt bei der Grundschulweihnachtsfeier war, wo ich am Klavier und er am Schlagzeug ,Let it be' von den Beatles gespielt haben.“

Euer viertes Bandmitglied Jakob alias NMZS hat sich Anfang letzten Jahres umgebracht. Habt ihr das Gefühl, dass sich euch nach Jakobs Tod ein größeres Publikum geöffnet hat?

Panik Panzer: „Auch vorher haben alle relevanten Rap-Medien über uns berichtet, vielleicht nicht in der Häufigkeit wie heute, aber die waren schon alle dabei.“
Koljah:
„Es ist definitiv mehr geworden, aber wir haben dafür nichts gemacht. Jakob hat sich eben umgebracht, und wir haben einfach weiter gemacht. Es ist nicht so, dass wir auf die zugegangen sind und uns darum bemühten.“
Danger Dan:
„Ich erlebe das sehr ambivalent. Jakob und ich haben die Aschenbecher-EP rausgebracht, vor etwa einem Jahr, und die war im Juni in der 'Melodie und Rhythmus' auf einmal Album des Monats. Da war aber die Rede von einem reinen NMZS-Album, es war aber eine Kollaboration von uns beiden. Der Text dazu befasste sich dann gar nicht mit dem Album, sondern nur mit seinem Suizid. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich freue mich nicht. Ich find´s eher dumm. Wenn die das cool fanden, hätten sie es rezensieren sollen. Aber in dem Sommerloch, wo kein Album kommt, war es offenbar eine geile Geschichte, weil irgendjemand gestorben ist.“
Koljah:
„Jetzt mal abgesehen von den Medien kam einfach super viel Resonanz, nette Briefe und so weiter, von Fans und Leuten, die uns ihr Mitgefühl bekundet haben. Vor allem grade in den ersten Tagen und Wochen. Und das fanden wir natürlich gut, was uns die Leute so schickten: Bilder, Fotos, gesprühte NMZS-Graffitis. Es kam eine unheimliche Flut an Briefen. Wir konnten das nicht alles beantworten, aber wir haben alles gelesen. Fand ich echt super.“

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