Wie wir leben wollen: Tocotronic Bassist Jan Müller im Interview

| Foto: Michael Petersohn

„Wie wir leben wollen“ ist das 10. Album im 20. Bandjahr – ein bemerkenswertes Werk zu einem besonderen Jubiläum. Tocotronic läuten eine neue Phase ihres Schaffens ein und sind auf ausgedehnter Tour. Zuvor sprach Benjamin Doum mit Bassist Jan Müller.


Achtung nur für Hardcore-Fans: Hier gehts zur ungekürzten Version des Interviews mit Jan Müller.


Auf eurer letzten Platte ging es vor allem um Herrschaft und Machtstrukturen. Auf „Wie wir leben wollen“ kreisen die Texte nun um Körper, Befreiung und Kontrollverlust. Spürt ihr erste Alterserscheinungen nach zwanzig Jahren?

Die spüre ich schon seit zwanzig Jahren (lacht).

Hättet ihr damals geglaubt, zwei Dekaden zu bestehen?

Soweit voraus haben wir überhaupt nicht gedacht – Gott sei Dank. Ich glaube, das hätte uns sehr belastet.

Wie sehr seid ihr euch eurer Relevanz bewusst? Entsteht da ein gewisser Druck? Ändern sich dadurch die kreativen Prozesse?

Man darf sich keinesfalls vereinnahmen lassen. Das ist zumindest unsere Haltung. Wir haben jetzt zehn Alben gemacht, und ich wüsste nicht, warum dadurch der Druck steigen sollte. Das hieße ja, sich der Pflicht auszusetzen, Erwartungen zu erfüllen. Aber das ist es nicht, was wir wollen. Eine schönere Vorstellung ist es, die Leute zu überraschen.

Bei der K.O.O.K. habt ihr ja kaum verschwiegen, dass eine Veränderung forciert wurde. Aber wie ist es heute? Ergeben sich die Dinge, oder setzt ihr euch gezielt hin und fragt euch, was man noch ausprobieren könnte?

Es wird schon viel über Inhalte gesprochen. Auch über Strategien und Konzepte. Aber ehrlich gesagt nur sehr wenig mit Blick aufs Publikum. Wir wollen es für uns selbst spannend und relevant halten. Damit verlangen wir den Hörern manchmal viel ab. Aber umso schöner finde ich es, wenn sich die Leute darauf einlassen.

Überrascht hat mich die Formulierung „Wie wir leben wollen“. Bislang habt ihr ja eher gesagt, was ihr nicht wollt.

Genau das fiel uns auch auf. (lacht)

Warum diese Umkehr?

Es war wichtig, dass wir inhaltlich nicht wieder über Abgrenzung funktionieren. Das hätte uns und vielleicht auch den Hörer gelangweilt. Das wollten wir einfach vermeiden und die Dinge von einer anderen Seite betrachten. Die Gefahr ist natürlich, dabei zum Ratgeber zu verkommen. Das wollen wir nicht. Es muss Platz zum Atmen bleiben und soll für den Hörer noch etwas offen lassen.

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