Kollektive Grenzgänger: Villagers im Gebäude 9

Conor O'Brien und seine Villagers | Foto: Domino

Schon im November spielten die Villagers in Köln und verschwendeten ihr Talent ein wenig in der Support-Rolle – wenn auch für die grandiosen Grizzlys – und sind nun mit neuem Album (AWAYLAND) auf eigener Tour.

Nahezu ausverkauft schien das Gebäude 9 am vergangenen Wochenende und die geschmackssichere Masse lauschte bereits andächtig als Luke Sital-Singh sie einstimmen sollte. Ein auf Anhieb sympathischer Folk-Troubadour, dessen Einflüsse unverkennbar zwischen Damien Rice, Josh Ritter und Justin Vernon zu finden sind und der neben der Akustikgitarre und den eigenen Stimmbändern auf jeglichen Schnickschnack und Gedöns verzichtet. Soll heißen: Keine Loopstation! Selbst als großer Fan der technischen Spielerei ist der inflationäre Gebrauch unter Alleinunterhaltern nicht zu leugnen. Nicht so beim Londoner Herren mit Hornbrille. Stimmgewaltig, nur selten weinerlich und mit starkem Popappeal singt er sich wissend und erhobenen Hauptes in manches Klischee („I bought you the sky and the oceans, too…“ – Fail For You), aber auch in die Herzen der gebannt Lauschenden hinein. In einem ruhigen Moment seines Sets reihte er sich zudem in die Riege verwirrter Musiker ein, die erstmalig auf der Bühne des Gebäude 9 stehen und die oft lautstark rasselnde Heizungsanlage des Hauses nicht einzuordnen wissen („Ratten in den Rohren?“).

Grateful for the Company

Auch die Villagers müssen erst einmal neu eingeordnet werden. Die Verwendung des Plurals lässt die Kategorie erahnen: B wie Band. Entstand das Debüt (BECOMING A JACKAL) noch in Eigenregie, genießt es Mastermind Conor O’Brien inzwischen sichtlich, Leader einer waschechten Band zu sein. „I’m grateful for the company“, heißt es in Grateful Song und angesichts des wunderbar harmonierenden Quintetts kann O‘Brien eigentlich nur von seinen Mitstreitern sprechen. So lässt er sich auch nicht nehmen, Cormac Curran, James Byrne, Danny Snow und Tommy McLaughlin namentlich vorzustellen. Darüber hinaus beschränkt sich die direkte Kommunikation mit dem Publikum auf „Danke“ und „Geht es euch gut?“. Eine Frage, die nicht ganz unbegründet schien. Lebenszeichen gab die Masse eigentlich nur zwischen den Songs frenetisch applaudierend von sich. Verträumtes Schweigen dagegen, wenn O’Brien sich zwischen Poesie und Pathos bewegte:

„My love is selfish and it cares not who it hurts / I will cut you out to satisfy its thirst /For the meaning of a ritual so habitual and cursed“ – The Meaning Of A Ritual

„I waited for something and something died / So I waited for nothing and nothing arrived“ – Nothing Arrived

„But I’ll meet you in between what I say and what I mean / And we will make our own mess on this ship of promises“ – Ship Of Promises

Der bessere Conor

Völlig zu Recht erinnert dieser Conor aus Irland inzwischen nicht mehr nur stark an jenen Conor aus Omaha, sondern hat diesen längst – wenn auch knapp – abgehängt. (Ja, er hat es wirklich geschrieben. Jünger, steinigt ihn!)

Zurück zur Hinterhofbühne in Köln: Hier wurden alte und neue Songs in ständigem Wechsel gespielt. Brüche gab es aber selten. Auch die einstmals puristischen One-Man-Songs wurden im Bandgefüge neu und vor allem üppiger arrangiert und konnten begeistern. Einzige Ausnahme bildete The Pact, das zur Uptempo-Nummer verhunzt wurde. Als Highlight und möglicher Ausblick darf immer noch das noisig ausufernde The Waves gelten, das selbst elektronische Ausflüge und Bandspuren nicht scheut und in ekstatisch wiederholten Satzfragmenten gipfelt. Wer Theme-Guru Lalo Schifrin, Avantgarde-Jazzer David Axelrod und jede Menge Krautrock als Inspirationsquellen nennt, darf so etwas nicht nur, sondern bestimmt auch den Ton. Conor O’Brien, pardon, die Villagers machen deutlich, dass die Indie-Folk-Grenzen längst noch nicht ausgelotet sind.

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