Scooter: Always Hardcore

Jedes Partyleben fängt einmal klein an. Und vor allem zu einer frühen Uhrzeit. Ein typischer Freitagabend, bzw. Spätnachmittag in Dinslaken führte uns 14-jährige Schüler im Sommer 1994 Woche für Woche mit dem Fahrrad ins ND-Jugendzentrum. Ab 18 Uhr tanzten wir für drei Stunden wahlweise im „Temple“ oder „House Of Love“.

Der traditionelle Höhepunkt aber war ein anderer und startete mit zwei Fragen: „Is Everybody On The Floor?“ und „Are You Ready For The Sound Of Scooter?“ Wir konterten so exzessiv, wie es ein behütetes Aufwachsen im bürgerlichen Umfeld zuließ mit einem doppelten „Yeah!“ und rissen jubelnd unsere Arme in die Luft. „Hyper! Hyper!“

Irgendwann verblasste mehr und mehr die Erinnerung an diese unschuldige Zeit. Wir gingen in die Lehre, zur Uni, getrennte Wege. Und Scooter? Machten einfach weiter mit ihrem „Endless Summer“. Von Teilen der Elektro-Szene zwar mindestens skeptisch beäugt wenn nicht als billige Kirmestechno-Dudelei verachtet, ließen sich Shouter H. P. Baxxter und seine Mitstreiter nicht beirren und starteten eine Karriere rund um den Globus. In der kleinen Welt des angehenden Abiturienten am Otto-Hahn-Gymnasium aber löste der Punk den Dancefloor ab. Das Cover von Billy Idols „Rebell Yeah“ war einfach nur peinlich, und „How Much Is The Fish?“ Stumpfsinn in Tönen.

"H. P. Baxxter liest Thomas Bernhard"

Das Jahrtausend ging begleitet von Scooters „Fuck The Millenium“ zu Ende, und das eigene Studium an der Ruhr-Uni in Bochum wurde aufgenommen. Eben dort weckte 2004 ein im ersten Moment irritierendes Plakat staunendes Interesse. „H. P. Baxxter liest Thomas Bernhard“. Der Parolenschwinger auf den Spuren des Poeten. Konnte das sein? Musste das sein? Wollte das sein? Es ging zumindest nicht schief, führte aber auch nicht zur Wiederaufnahme von Scooter in den persönlichen Musikkanon.

Dafür sorgten stattdessen die irgendwann aufkommenden Trash-Pop-Partys. Hier feierten wir Endzwanziger ausgelassen zu den Hits unserer Jugend und fragten uns gleichzeitig, was zum Teufel die in Scharen anwesenden Teenager dazu trieb, „No Limit“ zu kennen und „Somewhere Over The Rainbow“ zu tanzen. Egal, neben „Mr. Vain“ waren auch Scooter wieder da. Nicht nur mit „Hyper! Hyper!“ sondern mit bestimmt einem halben Dutzend Dancefloor-Hymnen der vergangenen Jahre. Und wie einst 1994 war es erneut ein Scooter-Track, auf den wir die halbe Nacht warteten, bei dem auf ein langgezogenes „Yeahyeahyeah, Yeaheah“ ein inbrünstiges „I Feel Hardcore“ folgte. „One“

Seite an Seite mit Dance-Szenepublikum, 40plus-Muttis und Kegelvereinen 

Unsere Begeisterung für Scooter war neu entfachtet und gipfelte 2008 in der Dortmunder Westfalenhalle. Seite an Seite mit Dance/Electro-Szenepublikum, 40plus-Muttis, Kegelvereinen und integrative Freizeitgruppen huldigten wir unseren Helden auf ihrer „Jumping All Over The World“-Tour.

Sechs Jahre später findet bei manch einem die aufregendste Party im Kinderzimmer statt, oder gewinnt im Wochenendduell zwischen Couch und Club immer häufiger das heimische Sofa. Scooter dagegen haben tatsächlich noch so einige offene Punkte auf ihrer To-Do-Liste. Neben einer Sonderedition remasterter sowie dem kommenden Album „The 5th Chapter“ steht im Januar die große „20 Years Of Hardcore“-Tour an.

Zumindest ein kleiner Teil der Klasse von 1994 wird sich diese Zeitreise durch die eigene und die Geschichte der Band nicht nehmen lassen und zusammen mit jüngeren oder sogar älteren Semestern wieder zu Tausenden in die Hallen strömen. Irgendwie ganz schön „Wicked!“

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