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Credits: Foto: Christof Wolff

Interview mit Julien Deiss

Zu sehen beim Rundgang
8.-12.2. Kunstakademie Düsseldorf

Wann hast du mit dem Malen begonnen?

Ich habe schon immer gemalt. Als wir klein waren, hatten wir immer Papier rumliegen. Wir durften nicht fernsehen und das Malen war dann, wenn Langeweile herrschte, eine gute Option sich zu beschäftigen. Eher erst mal eine Langeweilebeschäftigung.

Und was hast du damals so gemalt?

Meistens habe ich Comics nachgezeichnet. Mit zehn, elf Jahren dann Autos und später habe ich angefangen, selber Comics zu malen. Dann wurde es immer größer, noch keine richtigen Bilder natürlich, aber die Formate wurden größer. Bilder für die Zimmer der Freunde.

Hast du denn schon damals gedacht, das ist nicht nur eine Langeweilebeschäftigung, sondern mehr?

Nein, nein, lediglich eine Langeweilebeschäftigung war es ja nie. Ich habe schnell gemerkt, ich kann mit dem Malen super meine Zeit verbringen. Das ist ja der Luxus, wenn man Zeit hat, zu wählen, wie man sie verbringen will. Also nicht Rumhängen, sondern etwas auswählen, das einen befriedigt. Das sind eigentlich logische Schritte. Je länger man etwas macht, desto besser wird man darin und umso mehr Zeit verbringt man wieder damit. Es wird noch schöner. Und irgendwann kommt es dann zwangsläufig zur Entscheidung, ob man es total machen möchte oder nicht.

Also der direkte Weg zur Akademie?

Ich habe nach der Schule noch gar nicht an die Akademie gedacht, habe erst mal Zivildienst gemacht, weitergemalt, angefangen zu studieren. Irgendwas, Kunstgeschichte und Französisch in Aachen, das war aber eigentlich nur, um irgendwas anzufangen. Das ist so eine Zeit nach dem Zivildienst, in der man viel darüber nachdenkt, was man machen will. Es war nicht so, dass ich mit 12 wusste, ich werde Maler. Es war, glaube ich, immer in mir drin, aber es war noch nicht bewusst. Und dann habe ich angefangen, im Schaukelstühlchen zu kellnern. Viele Kollegen dort besuchten die Immendorff-Klasse und die haben mich dann irgendwann mal eingeladen, vorbei zu kommen. Die Akademie kannte ich allerdings vorher schon von innen. Ich bin in Düsseldorf aufgewachsen, deswegen sind wir auch mit der Schule immer zum Rundgang gegangen. Jedes Jahr. Von daher erinnerte ich mich sofort wieder an den speziellen Geruch der Akademie. Und ab da war für mich klar: Das fühlt sich in einer Minute schon super an, da will ich auch hin! Das hat aber viel weniger mit der Berufsauswahl als mit einem intuitiven ‚wo fühle ich mich wohl’ zu tun. Ich habe mich also an derr Akademie beworben, wurde einmal abgelehnt, war dann hartnäckiger und wurde angenommen.

Und wie sieht dein Alltag so aus an der Akademie?

Ich bin jetzt im 11. Semester, war bei Lüpertz in der Klasse, dann bei Professor Braun, dessen Professur leider nicht verlängert wurde, weil er im Zuge der Neuaufstellung der Akademie wahrscheinlich nicht mehr ins Bild gepasst hat.

Höre ich da Kritik an der Hauspolitik heraus?

Ja, durchaus. Es war ja eine lange Periode der Maler an der Akademie, und es ist normal, dass man sich zukunftsorientiert verändert, aber für Maler wie mich ist es dann schade, das zu sehen. Es muss ja nicht immer zugehen wie im Sauhaufen, aber es sollte auch ein gewisser Arbeitsraum geschaffen werden, der nicht wie in bestimmten Klassen bedeutet, dass alles weiß gestrichen und mit Folien ausgelegt wird. Ich bin auch eher für einen sauberen Arbeitsplatz, aber ich möchte nicht in einem weißen, zu verkopften Raum arbeiten.

Und wie geht es nun an der Akademie für dich weiter – so ganz ohne Klasse?

Ich habe jetzt nach den Jahren viel kennengelernt. Zuerst orientiert man sich, dann sucht man sich Leute, mit denen man zusammenarbeiten kann. Dafür war die Akademie super, um Gedankensgenossen kennenzulernen, und das Ganze weiter zu vertiefen. Jetzt gerade möchte ich zeitnah den Abschluss machen, weil ich für mich selber nicht mehr so viele Begegnungen daraus ziehen kann. Die Erfahrungen, die man an der Akademie machen sollte, habe ich schon gemacht. Gut wäre vielleicht noch einmal ein neuer Professor, von dem man einen neuen Impuls kriegen könnte. Wenn das gut funktioniert, würde ich auch noch ein Jahr bleiben. Andererseits, wenn man das nicht findet, und so sieht die momentane Situation eher aus: jedes Jahr zu viele Studenten, jedes Jahr zu viele Orientierungsbereichler, viel zu wenig Malereiklassen, wo die Professoren dann auch ihre Klassengröße stark reduzieren. Früher gab es das nicht, da wurde ein bisschen zusammengerückt. Natürlich kann ich diese Vorgehensweise für den Arbeitsprozess verstehen, es ist trotzdem schade für die anderen, die Flurstudenten, die es offiziell nicht gibt. Das heißt, das sind Studenten, die keinen Professor haben, teilweise zwei Jahre zu Hause malen müssen. Die Uni schafft es leider nicht, den Professoren aufzuerlegen, mehr Studenten zu betreuen. Sie fangen wieder ein bisschen mehr an, aber es wird schwierig. Ich hab auch ein Problem damit, dass ich, wenn ich meinen Abschluss machen möchte, im Tutorium mit 40, 50 Orientierungsbereichlern sitze, und der Professor hat überhaupt keine Zeit. Ich mag es selber nicht, hartnäckig zu werden. Das sollte so auch nicht funktionieren.

Was gibt es sonst für Möglichkeiten?

Gerade der Rundgang ist gut, um auch den Professoren die Arbeiten zu zeigen, ein bisschen wie eine Kontaktbörse. Wobei aber auch das schwierig ist, da der Professor in jeder Klasse angesprochen wird. Es kann sein, dass er dann schon verständlicherweise genervt ist, ein bisschen ist das Ganze also ein Glücksspiel.

Wie ist es eigentlich mit den Ausstellungsplätzen beim Rundgang? Wer zuerst kommt, ma(h)lt zuerst?

Das ist unterschiedlich von Klasse zu Klasse. Es gibt Professoren, die sich aussuchen, wer ausstellen darf und wer nicht, manchmal entscheidet der Tutor. Und schwierig ist es natürlich für diejenigen, die keine Klasse haben. Man zeigt den Professoren und anderen Interessenten ja gerne seine Sachen, es geht aber auch über Bewerbungsverfahren, zum Beispiel für die Flurplätze. Dieses Jahr ist es ein bisschen anders gelaufen als bisher. Eigentlich gab es Jahr für Jahr eine offizielle Ausschreibung, darauf konnte man sich dann bewerben. Diesmal wurde nur den Tutoren Bescheid gegeben und ein bisschen Gemauschel war dabei. In vergangenen Jahren gab es die Problematik, dass die Klassen zu voll waren, auch schon. Wir haben dann mal eine kleine Protestaktion gestartet, um Aufsehen zu erregen und mit 15, 20 Leuten auf dem Flur gemalt. Leider sind solche Aktionen viel zu selten. Damals gab es auch Räume, die nicht komplett genutzt werden. Heute ist alles voll und eher verbeamtet. Es wird einem gesagt ‚die Raumverteilung kann man nicht einfach so, sondern nur per Antrag regeln’. Dass Professoren Entscheidungen treffen, ist eher die Ausnahme geworden.

Die Bürokratie ist also in die Künstlerwelt eingezogen …

Genau, früher gab es dafür noch persönliche Entscheidungen, heute regeln es Anträge.

Wie sieht oder sah die Rundgangsvorbereitung denn in diesem Jahr konkret für dich aus?

Man musste immer gucken, dass die guten Sachen zum Rundgang fertig werden. Im ersten Jahr war es natürlich etwas ganz Besonderes. Man hat dann die Bilder herausgegriffen, die gerade im Arbeitsprozess drin waren. Inzwischen wird man etwas ruhiger dabei, der Rundgang fällt genau zwischen zwei Ausstellungen und es ist fast etwas ruhiger, weil genügend Material da ist. Ich muss nicht mehr so viel machen und bin entspannt. Ich hoffe natürlich auf einen der Flurplätze beim Rundgang. Den habe ich beantragt. (hat er mittlerweile bekommen, Anm. d. Red.)

Wie ist das Klima zwischen den Studenten?

Also ich bin jemand, der auch während des Jahres in die Uni kommt, es gibt aber auch andere, die pünktlich zum Rundgang auftauchen und dann hohe Ansprüche stellen. Natürlich will jeder, dass sein Bild oder Kunstwerk am besten Platz ist. Dann ist es aber die Frage, wie man mit den anderen kommuniziert. Ganz normales Konkurrenzverhalten.

Ist jeder ein Einzelkämpfer?

Es gibt auch Gesamtkonzepte, da gibt es ein schnelles ‚d’accord’, da ja alles zusammen passen muss.

Wie sind deine Erlebnisse mit dem Rundgang denn konkret, wenn die Tore sich öffnen und die Besucher kommen und schauen?

Es ist unglaublich, weil man tausend Leute durchlaufen sieht, und in einer Stunde manchmal dreißig Gespräche führt. Die Resonanz ist aber schon immer etwas Besonderes. Nebenerscheinungen sind natürlich der Verkauf und die Kontakte zu Galerien. Die Resonanz ist aber interessanter. Man sieht selten so viele Sachen und auf einem Punkt.

Wie beurteilst du für dich das Künstlerdasein?

Ich kann es jedem nur empfehlen. (lacht) Es ist natürlich der unsicherste Job, den man sich aussuchen kann, aber wenn man es gewissenhaft macht und weiß, dass man auch mit anderen Sachen zurechtkommen würde, ist das gut. Ich erhalte aus der Arbeit eher meine Frohnatur. Das heißt, es ist nicht so, dass ich alles in die Waagschale werfe und nur dann Erleuchtung erfahre, wenn meine Sachen genauso angenommen werden, wie ich sie auch gemalt habe. Dann wird es schnell deprimierend, dann ist es eher andersherum. Ich darf und kann Zeit damit verbringen, das macht mich zu einem zufriedenen Menschen und dadurch geht alles andere auch viel leichter. Ich habe das Glück, eine Galerie zu haben, Ausstellungen zu haben und Bilder zu verkaufen und das lässt mich ein wenig entspannter an die Sache herangehen. Als ich angefangen habe, musste ich aber auch abends kellnern, es geht also auch so. Wenn man das weiß, dann weiß man es auch eher zu schätzen, wenn man sein Geld damit verdienen kann.

Das harte Brot …

Genau, man weiß es wirklich zu schätzen. Für viele ist der Lehramtsabschluss eine Option. Natürlich ist es der Traum, nur malen zu können, man hat aber auch diese Möglichkeit. Und wie kann man malen, wenn man kein Geld mehr hat für Farbe. Das ist immer so ein Trugschluss. Man kann ja nicht mit Kraft an eine Sache herangehen, wenn man nichts da hat.

Du hast einen sehr persönlichen Bezug zu deinen Bildern, oder? Also weniger unternehmerisch …

Ja klar, ich male in erster Linie, um mich selber zu therapieren. So kann man es eigentlich sagen. Es ist meine Möglichkeit, eine Art Befriedigung aus Arbeit zu ziehen. Wenn jemand einen Scheißjob macht, und dann mit der Kohle etwas Gescheites anfangen kann, oder ob man es so schafft, das ist halt die Frage. Es ist der persönliche Aspekt, der das Ganze auch funktionieren lassen würde, wenn alles nur im stillen Kämmerlein passieren würde. Es würde auch so funktionieren und mich genauso glücklich machen.

Und eine gute Zukunftsperspektive, seine Kunst Leuten weiterzugeben …

Das ist eigentlich immer interessant. Es sind ja immer Begegnungen. Es gibt Leute, die nur das eine Bild sehen, und es dann so verstehen, wie es beschrieben ist. Und es gibt Leute, die mir erzählt haben, dass, als das Bild dann bei Ihnen zu Hause hing, das Licht immer auf eine bestimmt Stelle fiel und das Bild noch ausdrucksstärker machte. Das ist dann einerseits die Befriedigung, die ich erfahren habe, während ich mit dem Bild beschäftigt war, und wenn dann noch jemand mit dem Bild etwas anzufangen weiß, das ist etwas, das einem obendrein noch viel mehr gibt. Energie klingt vielleicht etwas esoterisch, aber das macht einen auch noch glücklich. Ich habe ja keine fertige Aussage in meinen Bildern. Man kann es eher so als Memo oder Post-It verstehen. Es kommt alles rein, was ich gemalt habe, wird in einen Zusammenhang gesetzt und schon erzählt das Bild eine neue Geschichte. Oftmals sind es dann Leute, die von außen kommen, die ganz unterschiedliche Deutungsweisen haben. Was mich dann noch einmal darüber nachdenken lässt, was mich denn überhaupt geritten hat, das Bild zu malen. Eine Widerspiegelung.

Passt ja zu dem Prozesshaften deiner letzten Ausstellung …

Ja, es ist nicht so, dass man einen Plan hat à la ‚ich male jetzt Angela Merkel neben Saddam Hussein’, um eine bestimmt Bedeutung zu kriegen und eine bestimmte Aussage zu machen, weil dann war der Prozess ja im Kopf, heißt, man hat ihn sich ausgedacht. Das Malen an sich ist dann nur noch eine handwerkliche Tätigkeit, weil man von vorne bis hinten weiß, es muss so und so aussehen und dann ist es fertig. Dann ist es aber auch wirklich nur für diese eine Aussage zu gebrauchen.

Du bist da offener …

Ja, manchmal sind da schon ganz klare Gedanken, aber ich bin durchaus bereit, wenn es in Richtung dieser klaren Gedanken geht, mich auch vollkommen umschmeißen zu lassen. Weil das für mich authentischer ist. Und manchmal ist es so, dass ich den einen Gedanken nicht loslassen kann, und er dann doch wiederkommt. Aber das ist für mich das Interessante daran, dass man es zulässt, dass ein Bauchgefühl einen überrumpelt. Und das wird dann mit Jahren immer mehr. Man wird in dem Sinne professioneller, dass man viel besser und mehr reagieren kann und auch weiß, wann es Quatsch ist und wann man ihm folgen sollte.

Wirst du also sprichwörtlich von der Muse geküsst?

(lacht) Das ist oftmals ein schleichender Prozess. Ich habe zum Beispiel festgestellt, Montage gehen gar nicht. Ein Montag ist kein Maltag. Montags werden Holzrahmen gefräst, grundiert, werden Frames drangemacht, ganz banale handwerkliche Tätigkeiten. Die Holzstücke kommen vom Schreiner, ich schneide sie dann zu und stecke Rahmen zusammen. Das ist die Montagsarbeit. Manchmal gibt es einen Auslöser, der einen dazu bewegt, direkt anzufangen, und dann gibt es das Abreagieren. Wenn ich die Leinwand mit Farbe bemale, die Farbe wieder abreibe und ganz grobe Sachen mache. Wie bei Autisten. Man beruhigt sich halt erst einmal. Die Gedanken werden klar und irgendwann ist man in einem Zustand, in dem man sich auf Sachen einlassen kann, die einen beschäftigen. Man guckt während des Alltags seine ‚Quellen’ an, aus denen man Inspiration bekommt. Ich fahre gerne Bahn und schaue mir die Leute an, besonders Gesichter. Dann beschäftigen mich auch Sachen, die ich gerade gelesen habe, zum Beispiel in der Zeitung.

Ein Fischer …

Ja, zum Beispiel. Das speichert man ab und in dem Moment, in dem man sich abreagiert hat, fallen einem die Gedanken dann aus dieser Abspeicherung wieder ein. So kann man mehr aus den Bildern herausholen, als wenn man von vorneherein schon einen festen Plan hat. Ich mag es gerne, früh morgens aufzustehen, einen Kaffee zu trinken und leicht müde ins Atelier zu kommen, so hat man genau den richtigen Zustand. Man ist wach, aber aufgrund der Müdigkeit hat man so schön wenig Spruchbänder im Kopf und ganz klare Gedanken. Das ist der Punkt, an dem es ziemlich schnell dazu kommt, dass man eine Ahnung hat, was man machen will. Und dann ist es natürlich gut, ein eigenes Atelier zu haben. Ich habe mal mit Freunden für drei Monate ein Haus in Südfrankreich gemietet. Da konnte ich dann nicht schlafen nachts, weil ich immer ins Atelier nebenan gegangen bin. Das war auch eine super Erfahrung, saisonal könnte ich mir das immer mal vorstellen. Den Rhythmus findet jeder selbst irgendwann für sich heraus. Dafür ist die Akademie auch wieder ganz gut. Sie schreibt niemandem vor, dass er morgens um acht Uhr dort sein muss.

Gibt es ein persönliches Lieblingsbild von dir?

Da könnte ich mich kaum festlegen. Da gibt es genreübergreifend immer wiederkehrende Schmankerl, die einen total faszinieren. Aber ich glaube, eines der ersten ist von Egon Schiele, ein Selbstportrait. Sein kantiger, knochiger Körper auf einer weißen Leinwand, obwohl es sehr einfach ist, ist es toll.

Menschen faszinieren dich, oder?

Ja, das habe ich schon immer gehabt. Natürlich frage ich mich auch oft, woher das kommt. Es geht immer auch um etwas Gegenständliches und Figuren. Für mich ist es auch immer eine Begegnung. Ohne die wäre es für mich auch nicht befriedigend. Ich kann gar nicht genau sagen, warum. Man müsste wahrscheinlich einen Kunsthistoriker engagieren, aber der würde es vielleicht auch komplett falsch sehen. (lacht)

Nichts ist festgelegt …

Das menschliche Auge reagiert auf Gesichter. Das ist auch eine ganz einfache, natürliche Sache. Und ein Gesicht funktioniert halt besser als ein Ohr allein.

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