Das Fringe Festival in Recklinghausen zeigt die unbekannteren Spielarten von Tanz und Theater

"Sillons" von der Compagnie Zahrbat | Fréderic Iovino

Olaf Kröck, der die Ruhrfestspiele nächstes Jahr als Intendant übernimmt, will Theaterformen wie Neuen Zirkus, Tanz, Figurentheater oder Physical Theatre vom Rand in die Mitte holen, vom Zelt in „normale“ Theaterräume. Deshalb wird dieses Jahr wohl das letzte sein, wo diese erstaunlichen, artistischen und humorvollen Stücke als Programm des schrägen Fringe-Festivals im ernsten Hochkulturfestival laufen.

„Einer tanzt aus der Reihe“. Der Titel der Performance des Künstlerinnen-Duos Killer & Killer könnte programmatisch über dem ganzen Fringe-Festival stehen. Elemente aus Physical Theatre und Tanz sind zwar immer öfter auch in Stadttheater-Inszenierungen zu erleben – und auf den großen Kulturfestivals sowieso – aber hier gibt es sie in Reinform: Eine Reihe Puppen hängt von der Decke, regungslos, rätselhaft, eine gespenstische Szenerie. Bis eine plötzlich zum Leben erwacht. Halb Clown, halb Marionette entdeckt sie ihre Umgebung, erforscht die Bewegungsmöglichkeiten ihres Körpers, läuft, tanzt. Sophie und Thalia Killer haben für ihre Arbeit, die die Zuschauer einlädt, über den Irrsinn gesellschaftlicher Verhaltensregeln zu lachen und gleichzeitig die dahinterliegende Einsamkeit zu erkennen, den Folkwang Preis für Darstellende Kunst bekommen.

In der Region sonst kaum zu erleben sind internationale Höhepunkte aus dem Genre Neuer Zirkus: Bei Fringe zeigen unter anderem die schwedische Gruppe Fauna Circus ihre Arbeit „Fauna“, die Konkurrenzkämpfe, Balzrituale und Spieltrieb der Tiere zum Vorbild für Artistik nimmt.Aus Frankreich kommt eine Arbeit zwischen Hip-Hop und zeitgenössischem Tanz: In „Sillons“ von der Compagnie Zahrbat treffen Hip-Hop-Moves auf fließende Bewegungen. Tänzer finden in synchronen Formationen zusammen, erstarren zur Skulptur, lösen den Verbund wieder auf. Lichtkegel finden einzelne Tänzer und machen ihre furiosen Bewegungen sichtbar bis die Dunkelheit sie wieder verschluckt.

Deichkind, Queen, Britney Spears – sie alle gehören zum Soundtrack des Ein-Frau-Playbacktheaters, in das die Berliner Performerin Bridge Markland klassische Stoffe verwandelt: 2014 war sie mit „Faust in the Box“ zu Gas, jetzt packt sie Büchners Komödie „Leonce und Lena“ ebenfalls „in the Box“ und erzählt sie mit Pop, Puppen und vollem Körpereinsatz. Neben den Inszenierungen im Fringezelt besetzt das schräge Festival aber auch alle möglichen sonst eher theaterfernen Orte in der Stadt: Von der Sparkasse über den Ratskeller bis zu den Tennisplätzen im Stadtgarten, die Schauplatz für Ödön von Horváths Grenzposse „Hin und her“ wird. Und am Ruhrfestspielhaus selbst untersucht das Theaterprojekt „Unterwegs Zuhause“ mit Jugendlichen ohne Schulabschluss und Geflüchteten die Ursprünge des eigenen Zuhause-Seins in der Welt. Dabei stellen sie sich auch die Frage: Wie wollen wir leben: jetzt und in 20 Jahren? Vielleicht in einer Welt, in der skurriles, akrobatisches, zirzensisches Theater ohne Schwellenangst eine Selbstverständlichkeit in allen Räumen ist.