Hochkultur vorm Hochofen: Ein Buch zu 16 Jahren Ruhrtriennale

Die Studentinnen Susanne Goldmann, Uta Stevens und Katharina Thome (v. l.) haben eigene Beiträge verfasst. | Foto: Lina Niermann

Kunst in Industriedenkmälern – so lautet die Erfolgsformel der Ruhrtriennale. Alljährlich füllt das Festival der Künste ehemalige Produktionsstätten des Reviers mit Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Konzerten und Installationen. Doch wie entstand vor 16 Jahren überhaupt die Idee, Hochkultur im Dreck von Kokereien und Gebläsehallen spielen zu lassen? Welche anfänglichen Hürden mussten genommen werden? Und wie prägten die bisherigen fünf Intendanten die Ruhrtriennale? All das kann man jetzt nachlesen, in einem Buch von Bochumer Theaterwissenschaftlern.

Keine trockene Abhandlung ist es geworden, sondern vielmehr eine Mischung aus Interviews, Inszenierungsbesprechungen und resümierenden Beiträgen, angereichert mit großformatigen Fotos, die zum Durchblättern einladen. Die Intendanten der Ruhrtriennale kommen im Band ebenso zu Wort wie die beteiligten Künstler. „Wir wollten verschiedene Perspektiven berücksichtigen“, sagt Mitherausgeberin Sarah Heppekausen. Aus diesem Grund hätten nicht nur Lehrende und Studierende als Autoren am Buch mitgearbeitet, sondern auch Dramaturgen und Kulturjournalisten. „Während die Dramaturgen die Innenperspektive liefern, schauen die Journalisten noch einmal von außen auf das Festival“, erklärt sie.

Eine Zierfischausstellung verärgert Mortier

Auf den ersten Blick wirkt der 392 Seiten starke Wälzer mit dem sehr allgemeinen Titel: „Das Theater der Ruhrtriennale – Die ersten sechzehn Jahre“ vielleicht etwas abschreckend. Das ändert sich jedoch, sobald man beginnt, ihn zu lesen. Die Texte sind leicht verständlich geschrieben und ganz sicher nicht nur etwas für ausgewiesene Theaterfreaks. Sie erzählen von mutigen Entscheidungen, anfänglichen Widerständen und persönlichen Kämpfen. Ein Beitrag von Dr. Monika Woitas zeichnet  beispielsweise nach, wie Gründungsintendant Gerard Mortier sein Prinzip der „Kreationen“ radikal durchsetzte und zeitgenössische Produktionen auf die Bühne holte, die mit sämtlichen Darstellungskonventionen brachen. Die Ruhrtriennale sollte ein Gegenmodell zu den Salzburger Festspielen sein: Statt etabliertem Kanon kam Avantgarde aufs Festivalprogramm. Dass dies zu Beginn nicht immer reibungslos funktionierte, lässt sich im Textbeitrag der Dramaturgin Dorothea Neweling nachlesen. Als eine Zierfisch-Ausstellung im Ruhrgebiet mehr Zuschauer hatte als die Ruhrtriennale, war Mortier so verärgert, dass er beschloss, für das folgende Jahr Zierfische aufs Programm zu drucken – zum Glück entschied er sich, als es dann schließlich soweit war, noch einmal um. Das Buch ist voll von solchen  Anekdoten und subjektiven Blicken hinter die Kulissen des Festivalbetriebs. Die Autoren haben dafür in Archiven recherchiert, Zeitungsausschnitte und Fotos zusammengetragen, mit den Festivalmachern gesprochen oder als selbst Beteiligte aus ihrer Erinnerung berichtet. Auf diese Weise lassen sie 16 Jahre Festival-Geschichte wiederauferstehen, oft so plastisch, als wäre man selbst dabei gewesen. Lina Niermann

Foto: Lina Niermann

Das Theater der Ruhrtriennale – Die ersten sechzehn Jahre
Athena Verlag
392 Seiten
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3745510089