Parsifal in Essen: Zeitenwandler auf Gralssuche

John-Dennis Renken (mit Trompete), Axel Holst (Mitte) und Ensemble | Foto: Diana Küster

Gustav Rueb inszeniert in Essen „Parsifal“ und liefert reiche visuelle Eindrücke mit einem hörenswerten Soundtrack. Der Stoff bleibt dennoch etwas für Kenner.

Ein Schauspieler im Affenkostüm betritt die Bühne, berichtet vom Ende der Menschheit. In der nächsten Szene kauert Parsifal am Boden eines Krankenbettes, darin liegt seine Mutter Herzeloide. Durch die grell weiße Szenerie wandeln vermummte Pfleger, eine beklemmende Stimmung breitet sich aus. Ist dies eine Seuchenstation? Oder ein Weltraumlabor?

Egal, „Parsifal“ nach Tankred Dorst ist ein Zeitenwandler, er springt von der Gegenwart in die Vergangenheit, ist nirgendwo und überall. Hinabgeworfen in die Menschenwelt, steht er verloren zwischen zerbrochenen Schaufenstern, vergeblich sucht er Anschluss an die Menschen. Eine Ritterrüstung zieht ihn magisch an – ja er will Ritter werden! Kurz darauf mordet Parsifal, denn in einer Welt, in der die Technisierung das Menschliche verdrängt hat, muss das Mitleid erst erlernt werden. Auf seiner weiteren Reise trifft er auf die Gralsritter, in Essen ist der Männerbund als Chor inszeniert, eine schlüssige Regieentscheidung. Höhepunkt der geheimnisvollen Rituale ist die Enthüllung des heiligen Grals: Eine Blutkonserve, an der sich die Gralsritter laben, stellt den inhaltlichen Zusammenhang zur Anfangssequenz im Krankenhaus her. Gegen Ende tauscht Parsifal seine Ritterrüstung mit einer Lederjacke, er wird einer von uns.

Verwirrend, düster, schwer zu deuten

Ja, es ist eine bunte Sammlung an Inszenierungsideen, die Gustav Rueb in drei Stunden zusammenträgt. Verwirrend, düster, oftmals schwer zu deuten, aber reich an visuellen Eindrücken, dank der kraftvollen Bühnenbilder von Florian Barth, an deren Horizont ein mondhelles Licht lockt. Die Geduld des Zuschauers wird nach der Pause besonders auf die Probe gestellt: Eine endlos erscheinende Passage mit Richard Wagners Musik, in der die Schauspieler Philipp Noack als kindlich unaufgeregter Parsifal und Laura Kiehne als ausdrucksstarke Kundry die Gesangstexte nachsprechen. Ansonsten ist der vom Jazz-Drummer Eric Schaefer komponierte Soundtrack äußerst hörenswert. Mit dem Live-Trompeter John-Dennis Renken hat das künstlerische Team einen Glücksgriff gemacht. Seine freien Improvisationen verführen und lassen in all der Tristesse eine Hoffnung aufkeimen.

Für Kenner der Sagenwelt sicher ein reichhaltiger Abend, für Feierabendpublikum bleibt die Essener Fassung wohl ein unbekannter Kosmos.

 

 

 

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