Viel los im Schauspielhaus: neue Stücke und Gesichter, aber auch Abschiede

| Foto: Diana Küster

Nicht alles, was sich Theatermacher bei der Planung für die nächste Spielzeit vornehmen, kann in die Tat umgesetzt werden. Am Schauspielhaus Bochum war es nun nicht fehlendes Geld, sondern ein Unfall, der zu Veränderungen im Plan für die zweite Hälfte der Spielzeit führte.

Roger Vontobels Konzept für die Inszenierung von „Hedda Gabler“ sei so stark auf Jana Schulz in der Titelrolle zugeschnitten, dass es ohne sie nicht realisiert werden könne. Schulz fiel aber mit einem Kreuzbandriss aus. Daher steht jetzt „Im Dickicht der Städte“ von Bertolt Brecht auf dem Spielplan. Daran sind nicht alle Schauspieler der geplanten Hedda-Inszenierung beteiligt, so dass aus dem Unfall noch etwas Gutes gezogen werden konnte, nämlich zusätzliche Stücke.

Dazu gehört eine Bearbeitung des Films „Opening Night“ von John Cassavetes, einem Klassiker der 70er-Jahre mit Gena Rowlands. Für Anselm Weber, der die Regie übernommen hat, geht es darin nicht nur um eine Schauspielerin und das Älterwerden, sondern auch darum, was Theater und Schauspielerei sei. Für die Besetzung kam noch ein zweiter Zufall für die Bochumer hinzu. Peter Lohmeyer hatte Weber geschrieben, dass er wieder in seinem Haus spielen wolle. Wie es der Zufall wollte, gelang das Engagement kurzfristig. An sich sei das ein Glücksfall, aber es sei für prominentere Schauspieler mittlerweile eine Ehre in Bochum zu spielen, so Weber. Vor zwei Jahren hätte er nicht erwartet, dass sie ihr Leben dann nach dem Schauspielhaus richten. Das wird auch Sarah Grunert in Zukunft tun, die ab der nächsten Spielzeit fest zum Ensemble gehört. Sie hat ihre Ausbildung an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München absolviert, wo sie bereits in einigen Rollen zu sehen war.

Schon seit Beginn der Intendanz von Anselm Weber ist Monika Gies Regieassistentin in Bochum. „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ ist der Titel eines Erzählbandes von David Foster Wallace, aus dem sie einige Geschichten auf die Bühne bringt. Weber setzt damit seine Tradition fort, lang gedienten Assistenten eigene Arbeiten zu überlassen.

 

Aus frischer Feder: Zusammenarbeit mit Autoren

Ebenfalls bewährt habe sich die Kontinuität in der Zusammenarbeit mit Autoren. So schreibt Reto Finger den dritten Teil der Trilogie „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ von Carl Sternheim neu, so dass der neue Titel dann passenderweise „Die Hose – Der Snob – 2013“ heißen wird. Finger arbeitet als Autor und Dramaturg für das Schauspielhaus. Für Chefdramaturg Thomas Laue stellt das eine ideale Zusammenarbeit mit dem Haus dar. Ähnliches gilt für Lutz Hübner, der über die Jahre den Weg ins Hochfeuilleton gefunden habe und zuletzt das Stück „Richtfest“ mit dem Schauspielhaus erarbeitet hat.

Das Schauspielhaus selber steht im Mittelpunkt des Projektes von Hans-Peter Litscher, das bisher als „Arbeit am Mythos“ angekündigt wurde. Für „Herz und Hund und Kunst und Leben“ beschäftigt sich Litscher mit der Geschichte des Schauspielhauses und reist dafür von Theaterfundus zu Theaterfundus. Die Ergebnisse werden im Juni im ganzen Haus gezeigt, darunter auch der Mantel, den Ulrich Wildgruber 1977 in Zadeks Hamlet in Hamme getragen hat. Der Mythos des Schauspielhauses, so Weber, werde hier nicht als Damoklesschwert präsentiert, sondern versöhnlich und vergnüglich.

Nicht weniger fröhlich wird es auch wohl in der Arbeit von Martina van Boxen mit Bochumer Schulen zugehen. Sie erarbeiten im Rahmen des Projektes „Schulen in Bewegung“ das Stück „Alice im Wunderland“ in einer Bearbeitung von Roland Schimmelpfennig. Die Schüler spielen nicht nur, sondern kümmern sich auch um Bühne und Kostüme. Außerdem sind sie dieses Mal auch für die Musik verantwortlich, denn es handelt sich um eine musikalischer Bearbeitung. Es sei fast schon ein Musical und werde sicher wieder eine „fette Aufführung“, so Thomas Laue.

Zurück am Haus: Choreograph Julio César Iglesias Ungo

Foto: Roman Montesinos

Ohne Musik wird auch die Produktion „Out of Body“ des Projektes Renegade in Residence nicht auskommen. Wie bekannt ist, setzt Weber sich für eine Kooperation mit der freien Szene ein und arbeitet nun bereits im dritten Jahr mit der Herner Street-Art-Kompanie Pottporus/Renegade zusammen. Dass Street-Art am Schauspielhaus funktionieren kann und zwar mit Erfolg, zeigt vor allem die erste gemeinsame Produktion „Irgendwo“, die als eine der 10 besten Tanzproduktionen Deutschlands zur Tanzplattform 2012 eingeladen wurde. Daraus ergab sich eine Gastspielanfrage des Goethe Instituts und so gehen die Tänzer in diesem Jahr auf Tour durch Russland und Brasilien.

Für "Out of body" kehrt der Kubaner Julio César Iglesias Ungo, früherer Tänzer bei Renegade und zuletzt bei Wim Vandekeybus („Ultima Vez“), als Choreograph zurück. Tänzer und Schauspieler stehen gemeinsam auf der Bühne, verschiedene Stile treffen aufeinander. Zekai Fenerci, einer der Gründer von Renegade, freut sich, dass diese neue Tanzrichtung zwischen den etablierten Kompanien bestehen kann.

Abschied von Maja Beckmann

Sehr still geht es hingegen in Aki Kaurismäkis Film „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ zu, den David Bösch auf die Bühne bringt. Die Arbeit des Finnen habe ihn schon länger interessiert und dessen Stoffe seien in den bisherigen zwei Produktionen gut bei den Bochumern angekommen. Insofern ist es eine Weiterführung. Für Maja Beckmann wird hingegen ein Abschied sein, da sie das Schauspielhaus nach dieser Spielzeit verlässt. Das Motto "Die bleibt lieber hier" gilt also nicht mehr. Neben ihr gehen auch Krunoslav Sebrek und Nadja Robiné, Ronny Miersch, Dimitrij Schaad und Werner Strenger. Weber betonte, dass sie als Gast jederzeit wieder willkommen seien und niemand im Streit gegangen sei. Der Weggang sei schmerzhaft, aber bei jungen Schauspielern ganz natürlich. Dass Thomas Laue nach Köln geht, stand schon länger fest. Sabine Reich und Olaf Kröck werden gemeinsam die Leitung der Dramaturgie übernehmen. Zu ihnen stößt Kekke Schmidt als neue Kollegin. Sie hat bereits mit Jürgen Flimm, Frank Baumbauer und Ulrich Khuon zusammengearbeitet.

Neu ins Ensemble kommt Günter Alt, der nach Aussage Webers an seinen bisherigen Häusern immer schnell zum Publikumsliebling und stieß auch in der überregionalen Presse auf positive Kritik. Damir Avdic war bereits während seines Studiums an der Folkwang zu sehen und spielt gerade als Zweitbesetzung den kleinen König Kalle Wirsch. Torsten Flassig kommt nach seinem Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock nach Bochum. Vom Schauspiel Stuttgart kommen Matthias Kelle und Minna Wündrich nach Bochum.

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