Freischwimmer 2013: Invest in Me!

| Foto: Gerhard F. Ludwig, fotofisch-berlin.de

Thom Truong: Invest In Me!

Das Motto des Freischwimmer-Festivals 2012/13 lautet "Verwerte dich!". Bis zum letzten Abend schien dieses Credo im luftleeren Raum zu schweben. Kirchenkritik, Burnout, Wohnen im genormten Raum, Informationsflut, Piraterie - klar, alles hat etwas mit Verwertung zu tun. Aber genauso gut hatte jedes Stück und jede Performance etwas mit Mensch und Gesellschaft, mit der Selbstbegründung von Kunst oder mit Entscheidungsfreiheit zu tun. Thom Truongs (Thoma Reinhard, Monika Truong) „Invest in me!“ hingegen ist ein Stück (falls man es überhaupt so nennen kann) über die Verwertung von Humankapital. Die Idee: Sogenannte Social Entrepreneurs, also Unternehmer, die durch ihr Tun einen positiven Wandel in der Gesellschaft erreichen möchten, werden mit Menschen aus dem Theaterbereich zusammen gebracht, um eigene Ideen möglichst überzeugend an ein Publikum zu verkaufen. Dieses Publikum sitzt zum Beispiel im FFT und darf die ganze Werbeveranstaltung unter dem Deckmantel eines Theaterstückes in Form von Eintritt oder zukünftigen Spenden finanzieren. Ob das ein schlechter Scherz ist? Leider nicht.

Zum Ablauf: mit Laserpointern, für die fünf Euro Pfand hinterlegt werden müssen, ausgestattet, soll das Publikum zu Beginn voten. Zwei Projektionsflächen, zwei Aussagen, die, ach ist das clever, meisten doppeldeutig sind. Zum Beispiel: „Ich habe genug." Also genug Geld oder die Schnauze so richtig voll? Gearbeitet wird mit diesem Stimmungsbild leider nicht, aber ist immerhin alles total partizipativ...

Foto: Gerhard F. Ludwig

Evelina Lundqvist betritt die Bühne. Sie hat eine tolle Geschäftsidee: Waste of Jam. Oh Entschuldigung, Zero Waste Jam. Nein es geht nicht um Leute, die total grottig freestylen - es geht um Marmelade. Lundqvist lässt Marmelade aus gefundenen oder geschenkten Früchten kochen und füllt diese zum Beispiel in gespülte Gurkengläser. Die Leute, die ihre Idee auch total toll finden, dürfen diese Gläser dann auf Provisionsbasis weiterverscherbeln. Das ist richtig fair, total innovativ und das findet man wirklich nur auf jedem zweiten Floh- oder Bauernmarkt. Achj a, sie steht auf der Bühne, weil sie Geld braucht. Sie möchte zehn Marmeladenkocher ausbilden und benötigt 30.000 Euro.

Lundqvist geht ab und Thom Truong kommen auf die Bühne. Die beiden haben offensichtlich ein paar Lektionen in Sachen Sprecherziehung hinter sich. Mit Dauergrinsen, viel Blickkontakt und deutlichster Artikulation wird das eigene Geschäfts- äh Theatermodell vorgestellt. Das Stück vorm Stück sozusagen. Aber vielleicht darf man das ja nächstes Jahr bestaunen. Abgang.

Mario Sinnhofer schreitet zum Rednerpult. Er hat einen großen Seesack dabei und interessiert sich wahnsinnig für Fußbälle. Er schneidet sie sogar auf und näht sie neu zusammen. Das Resultat ist zwar nicht rund, aber doch aus sportmedizinischer Sicht viel besser. Wie kicken im Sand zum Beispiel. Aber das ist ja leider kein Geschäftsmodell, das kann man einfach kostenlos machen. Die nicht runden, Zitat „Zwischen Ball und Nichtball" Gebilde kann man jetzt auch käuflich erwerben. Sie werden unter fairen Bedingungen in Nordafghanistan produziert. Die japanische Nationalmannschaft spielt mit ihnen, der FC Kaiserslautern und Reha-Sportgruppen auch - eigentlich eine runde Sache. Reicht aber nicht. Sinnhofer braucht zwei PartnerInnen und 400.000 Euro für die „nächste Ebene". Vier Leute aus dem Publikum dürfen probekicken. Klappt nicht so gut, ist ja auch der Sinn der Sache (weil man dann irgendwann mit dem runden Ball viel besser spielt). Aber „alle treten gerne gegen den 'Ball', wenn er irgendwo rumliegt". Alle treten auch gern gegen Kastanien, gegen Bierdosen gegen Steine usw...Vielleicht treten Menschen einfach gerne irgendwo gegen. Sinnhofer geht ab.

Es wird dunkel. Ungelöste Fragen, die die Menschheit beschäftigen, werden gestellt. Laserpointer zeigen gen Decke, lassen kleine Lichtpunkte entstehen und der Kosmos fühlt sich auf einmal ganz nah an. Ed Trollope kommt nach vorne. Er betreibt eine Internetseite, die wissenschaftliche Fragestellungen für die Allgemeinheit zugänglicher gestalten soll. Außerdem wünscht er sich einen verstärkten Dialog zwischen den verschiedenen Wissenschaften. Eigentlich keine schlechte Idee. Also, was macht er hier?

Elias Gross, der Dramaturg von „Invest in me!“ steht jetzt am Rednerpult. Er soll auch mal was sagen, also in NHD was „pitchen". Er ist sichtlich unzufrieden mit dem Stück. Werbung auf der Bühne, Kunst als Verkaufsargument und überhaupt ist es mittlerweile genauso schlimm, eine PET-Flasche ins Gebüsch zu werfen, wie dick zu sein. Models und Nichtraucher. Scheißwelt. Aber er steht hier, um den Schein einer freien Gesellschaft zu wahren. Das Stück braucht eben noch eine kritische Ebene, die übrigens der einzige Lichtblick während dieser Propagandaveranstaltung ist.

Der Dramaturg geht ab. Man kann nun die eigene E-Mail-Adresse ins Laserpointeretui eintragen und den Laserpointer jenem Social Entrepreneur überreichen, den man besonders toll fand. Die fünf Euro Pfand sind damit futsch. Oder man gibt dem Dramaturgen den Laserpointer und 1,20 Euro (der Laserpointer kostet wohl 6,20 Euro). Der Dramaturg zerstört den Laserpointer dann und tilgt seinen kompletten Wert durch die Destruktion.

Drei Männer aus dem Publikum kommen nacheinander nach vorne und zeigen vorbildlich, wie man votet und wie man sich die Argumente für seinen Vote zurechtlegt. Die Marmeladenfrau, der Fußballmann oder doch lieber der Wissenschaftler? Du hast die Wahl. Alle drei entscheiden sich übrigens anders, was die Schmierenkomödie noch gelungener macht. Zeit zu voten. Projektionen zeigen, wie viel Geld in den anderen Festivalstädten eingenommen wurde. Ja, in Berlin lässt man sich nicht so leicht was andrehen.

Und - der Dramaturg gewinnt! Wenn es doch nur außerhalb der Bühne auch so leicht wäre...