Das Freischwimmer Festival 2012/2013 im FFT

Markus&Markus: "Polis3000: Oratio" | Foto: Gerhard F. Ludwig

Die Bedeutung der Einbauküche

In der vergangenen Woche fand im Düsseldorfer FFT das Freischwimmer-Festival 2012/2013 unter dem Motto "Verwerte dich!" statt. Von Dienstag bis Sonntag zeigten junge Ensembles aus Düsseldorf, Berlin, Hamburg, Wien und Zürich Stücke und Performances zu Themen wie Kirche, Burnout, Informationsflut, Piraterie, genormtes Wohnen und Ideenpitching. So unterschiedlich wie die Konzepte war auch die Stimmungslage: von witzig bis verstörend, von schön bis grotesk war für jeden etwas dabei.

Einzig „meaning meaning“ von Andrea Maurer + Thomas Brandstätter/studio 5 findet in diesem Nachbericht keine Erwähnung, da mir die Deutsche Bahn bei meiner Anfahrt einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Markus&Markus: Polis3000: Oratio

Ganz platt gesagt: Es war einfach toll! Markus&Markus füllen mit ihrem kirchenkritischen Stück eine journalistische Lücke, die in einer säkularisierten Gesellschaft eigentlich gar nicht da sein dürfte. Zudem gehen sie noch einen Schritt weiter, belassen es nicht beim bloßen Anprangern und rücken die Agitation in den Vordergrund. Soll heißen: Sie zeigen zum Beispiel "unseren" Papst und Wolfgang-Uwe Friedrich, den Präsidenten der Universität Hildesheim, an. Außerdem lassen sie sich ganz nebenbei von der Prixton Church heilig sprechen. Das kostet nämlich gerade mal so viel, wie der Monatsbeitrag eines besseren Fitnessstudios und ist doch so viel nachhaltiger.

Die Bühne: Videoinstallation meets explodierte Verkleidungskiste. Ein Beamer projiziert allerlei Bilder von treuen Hirten, veruntreuenden PolitikerInnen, irre geleiteten Schäfchen und anderem sakralen Brimborium auf eine Leinwand, die sich hinter einem recht chaotischen, altarähnlichem Aufbau befindet. Rechts und links von den Filmszenen werden ständig wechselnde Dias an die Wand geworfen, sodass im Sekundentakt neue Montagen entstehen (also zum Beispiel ein Film von stark blutenden, aufeinander eindreschenden Kampfsportlern, flankiert von Ratzinger, der sein schönstes Zombiegrinsen zeigt). Und auch Angela Merkels Forderungen nach einer Rückbesinnung zu christlichen Werten, musikalisch untermalt von der verspielten Melancholie des Auenlandthemas aus Peter Jacksons „Herr der Ringe“, sind, sagen wir mal, inspirierend...

Inhaltlich arbeiten sich Markus&Markus an Martin Luthers Judenhass, an Mutter Theresas eher fragwürdigen Wundern und ihrem Umgang mit Jean-Claude Duvalier aka Baby Doc am Kinder misshandelnden Joseph Ratzinger und an den Marktmonopolen der christlichen Arbeitgeber Caritas und Diakonie ab. Die Texte selbst sind eine Collage aus Interview-Sequenzen, Statistiken, der Bibel und vielen anderen frei zugänglichen, aber trotzdem selten in derartiger Dichte referierten Informationen

Foto: Gerhard F. Ludwig

Ein besonderes Schamnkerl ist ein echter hessischer Exorzismus mit "rischdig viel bede", den Markus&Markus in schönster Mundart mit Gummi-Satansmaske zum Besten geben.

Schockierend hingegen ist das Ende des Stückes: Der Bericht eines Prügelopfers aus einem christlichen Kinderheim wird vorgetragen. Während die verschiedenen Strafen beschrieben werden, die die betroffene Frau fast das Leben gekostet hätten, beginnt der eine, als Papst kostümierte Markus, mit einer mehrschwänzigen Peitsche auf den anderen, fast nackten Markus einzudreschen. Am Ende liegt ein verschwitzter und mit roten Striemen übersäter Mensch gewunden auf dem Boden vorm Altar. Ob soviel Körpereinsatz notwendig ist, würde ich eher bezweifeln...

Schade ist aber auf der anderen Seite, dass das finale Urinieren auf die Statuen von Ratzinger und Luther lediglich angetäuscht wurde. Aber Markus&Markus geben selbst freimütig zu, dass sie keine Dramaturgie haben. Alles in Allem ein Theaterstück, dass sowohl wegen seiner inhaltlichen Relevanz, als auch wegen seiner drastischen Umsetzung in dauerhafter Erinnerung bleiben wird.