Cool Aussehen: Aggression & Adoleszenz

Cool Aussehen ist erschienen im Archiv der Jugendkulturen Verlag

Das Buch „Cool Aussehen“ untersucht das Thema „Mode und Jugendkulturen“

Es ist eine zunächst einmal unscheinbare Anekdote, die die Bedeutung, die Mode für Heranwachsende spielt, aufs Treffendste beschreibt. Erzählt wird sie von dem Kulturwissenschafter Moritz Ege. Ege, der an der LMU München arbeitet, hat sich in seiner Doktorarbeit unter anderem mit dem sogenannten Picaldi-Stil und seiner Bedeutung für Berlin beschäftigt. Picaldi ist ein Label, das bevorzugt von jungen Männern mit Migrationshintergrund getragen wird, die aus der Arbeiterschicht stammen. Karottenhosen, Kapuzenjacke, Sneakers, ein paar breite Ketten. So in etwa. Wer keinen Wert auf politische Korrektheit legt, würde vermutlich das Adjektiv „prollig“ verwenden. Ege vermeidet das. Der Kulturwissenschaftler erzählt also von einem jungen Mann, der sich am Abend ein Outfit für den nächsten Tag herausgelegt hatte, das genau zusammenpasste. Am nächsten Morgen geschah ein Malheur. „Beim Frühstück hat er sich Kakao über die Hose gekippt“, so Ege, „und ist nicht zur Schule gegangen, weil er nichts mehr hatte, das richtig zusammenpasste.“

 

Foto: Heidi Kirchgäßer / Detlev Schläthi

Eine Reaktion, die viele seiner Altersgenossen vermutlich nachvollziehen können. Nie ist es wichtiger, die „richtigen“ Klamotten zu tragen, als in der Zeit des Heranwachsens. Um sich abzugrenzen. Von Eltern. Von anderen. Um dazuzugehören. Zu denen, denen man nah ist. Oder nahe sein möchte. Genau an der Stelle setzt „Cool Aussehen“ an. Auf 240 Seiten untersuchen 22 Autoren, teilweise Wissenschafter, teilweise Philosophen oder Autoren, die Bedeutung vergangener und aktueller jugendkultureller Moden und Mechanismen ihrer kulturellen Vereinnahmung. Zwischen Schockeffekt und Selbstinszenierung, Non-Konformität und Uniformierung, Selbermachen und Kommerzialisierung ist die Bekleidung jugendlicher Subkulturen seit Mitte des 20. Jahrhunderts nicht nur vielfältig und verblüffend – sondern längst auch ein wichtiger Impulsgeber für Mainstream-Mode und High Fashion. Kaum ein Designer zwischen Mailand und New York kommt heute noch ohne ein „Zitat von der Straße“ aus. Allzu gerne möchte sich die Industrie von der Wildheit, Kreativität und Glaubwürdigkeit der Jugendlichen etwas ausborgen. Es geht also um viel mehr als pure Oberflächlichkeiten.

Justin Bieber statt Ho Chi Minh

Rund 250 überwiegend farbige Abbildungen enthält das Buch, dazu 24 Kapitel. Solche über die schwarze Lederjacke, über Lolitas, über Piercings, Skinny Jeans, die Kutte, Popper und Riot Grrrls. Ein besonders interessanter Beitrag dreht sich um das Palästinensertuch. Von seinen Trägern auch gerne liebevoll „Palli“ genannt, kam es Ende der 1960er Jahre nach Deutschland. Damals galt es als Symbol des linken, antiamerikanischen Widerstands. Importiert hatten es Aktivisten des Studentenprotests, die aus den Ausbildungslagern der PLO zurückkehrten. Die Farbe des Tuchs ließ auf die genaue Gesinnung des jeweiligen Besitzers schließen: schwarz stand für gemäßigt, rot für anarchistisch, lila für feministisch. Das Palästinensertuch war ein Zeichen der Rebellion – und blieb es über Jahrzehnte. Auf Demos häuften sich die Tuchträger ebenso wie in Hausbesetzerkreisen. Dann war erst mal Schluss mit rebellisch, die Tücher wanderten in die Mottenkiste. Bis 2006 das hauptstädtische Modelabel LaLa Berlin mit einer Kaschmir-Variante des Tuchs aufwartete. Kurz darauf gab es die Muster-Tücher selbst im schwedischen Textil-Kaufhaus mit den zwei Buchstaben. 13-jährige Mädels, deren Held nicht Ho Chi Minh ist, sondern Justin Bieber, trugen Pallis – ohne sich irgendwas dabei zu denken. Neben dieser Entpolitisierung ist in den vergangenen Jahren ein weiterer, nicht weniger erstaunlicher Trend auszumachen: Rechtsradikale nutzen das Kleidungsstück mittlerweile gerne als antisemitisches Accessoire auf Kundgebungen. So ändern sich die Zeiten. 

 

Foto: Rico Scagliola / Michael Meier

Überhaupt, die Zeiten. 2013 ist es für Nicht-Eingeweihte wesentlich schwieriger geworden, Jugendliche anhand von Kleidung, Frisur oder Make-up direkt zu verorten. Während es früher Punks gab, Waver, Popper, Skins, Mods oder später Techno-Leute, hantieren die jungen Menschen heute mit Accessoires unterschiedlichster Ursprünge. Bill Kaulitz, Sänger der Band Tokio Hotel, ist ein gutes Beispiel, kombiniert er doch Elemente aus Punk, Gothic und Wave zu einem ganz eigenen Stil. Letzterer wird dann wiederum von seinen Fans kopiert und mir nichts dir nichts von der Textilindustrie vereinnahmt. Das ist auch ein Unterschied zu früher. Einst blieb Subkulturelles, sei es nun Musik oder Mode, einer kleinen Gruppe Eingeweihter vorbehalten. Wer gute Klamotten wollte, musste nach London und brauchte Tipps von Leuten, die sich auskennen. Bei Platten war es ähnlich. Heute, in Zeiten weltweiter Vernetzung, ist jede Platte, jeder Look online zu bestellen. Dennoch: Man muss einiges an Zeit aufwenden, um ständig up to date zu sein.

Sich all dem zu entziehen, wenn man zwischen 12 und 20 ist, scheint fast unmöglich. Es sei denn, man kleidet sich gleich wie seine Eltern. „Cool Aussehen“ hat auch dafür Beispiele parat. „Die Jungen sehen alt aus“ überschreiben sie eine Fotoserie von vielleicht 15-Jährigen, deren Karojacketts, Hemden, Strickjacken und Einstecktücher (ja, Einstecktücher!) direkt aus dem väterlichen Kleiderfundus stammen könnten. Bestimmt werden die mal Jura studieren, denkt man als Betrachter. Oder BWL. Und dieser Gedanke zeigt schon wieder, welche Macht Kleidung über uns hat. Über uns alle.

Cool Aussehen. Mode und Jugendkulturen, Archiv der Jugendkulturen Verlag, 36 Euro

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Kommentare

  1. von Jugendkulturen Verlag 06.01.13 (22:14 Uhr)

    Danke liebe Alexandra für die tolle Rezension – nur wenige haben das Buch bisher dermaßen gründlich gelesen! Kurzer Hinweis: Das Buch kostet 36 €, der Subskriptionspreis von 25 € galt nur bis Ende November.

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