
Hol dir die aktuelle Juni-Ausgabe an einer unserer über 3 000 Auslegestellen im Rhein-Ruhrgebiet.

Fast 25 Jahre ist es her, dass der Wuppertaler Künstler Holger Bär entschied, zukünftig Maschinen malen zu lassen. Entwickelt und gebaut hat er diese Maschinen selbst. Aktuell stellt er von Atari auf Jetztzeit um.
Dass Technik abhängig macht, zeigte sich wieder mal am 5. Januar. Beim Ortstermin mit dem Künstler Holger Bär in seinem Wuppertaler Atelier stellt sich heraus, dass Unwetter „Andrea“ in den frühen Morgenstunden via Blitzeinschlag für den Totalausfall Bärs Maschinen gesorgt hat. Über Nacht hatten hier eigentlich Bilder für eine Ausstellung entstehen sollen. „Die Abhängigkeit von technischen Umfeldern ist nun mal komplexer als bei anderen“, weiß Holger Bär und ruft einen befreundeten Techniker an. Die Bilder müssen fertig werden. Bärs Kunst ist gefragt.
„Mein Ziel ist es, der faulste Künstler der Geschichte zu werden“, kokettierte Holger Bär einst. Von Faulheit kann natürlich keine Rede sein, wenn jemand Stunde um Stunde entwickelt und baut und fräst und Pixel zählt – so geschehen in den Anfangsjahren, als Holger Bär an seinen Maschinenbau- und Programmierkenntnissen noch sehr feilen musste. Aus dieser Zeit stammen auch noch die Atari-Computer, die tatsächlich seitdem ihren Dienst tun. Richtig nachvollziehen, was der 49-Jährige da tut, können ganz sicher nur Informatiker; vereinfacht erklärt kann man sagen, dass Holger Bär digitales Bildmaterial in Text umschreibt, wobei den Farben Zahlen zugeordnet werden. Wird die Datei gelesen, überträgt der Roboter die entsprechenden Farben auf die vorgesehenen Leinwandflächen. Malen nach Zahlen Royal, quasi. „Ich mache die Dinge sehr intensiv“, sagt der seit 13 Jahren durch eine Berliner Galerie Vertretene. So nutzt er auch die Zeiten, in denen die Maschinen für ihn arbeiten – die Herstellung manch eines Bildes dauert bis zu zwei Wochen – für intensive sportliche Betätigung. Schwimmen, Klettern, Radfahren, Ultra-Marathon – der vermeintlich faulste Künstler dürfte auch als sportlichster Geschichte schreiben.
Berlin und New York, China und Korea, die Kunst bringt Holger Bär in verschiedenste Länder. Für seine Maschinenmalerei besteht durchaus großes Interesse: „Es ist aber auch tatsächlich so, dass kein anderer Künstler das macht, was ich mache.“ Die Frage danach, warum das wohl so ist, beantwortet der Wuppertaler überzeugt: „Die Leute werden den Aufwand gescheut haben.“ Und seit Holger Bär etabliert ist und diese Richtung international bedient, dürfte es beim Nachwuchs kaum mehr Ambitionen geben. „Ich habe die Techniken ja auch stets weiterentwickelt, da mich persönlich immer wieder Neues interessiert“, sagt er und zeigt auf einige der zahlreichen Bilder in seinem Atelier. „Ich arbeite zum Beispiel auch an maschinell erschaffenen Stichen. – Stiche mit modernen Medien erschaffen. Wo gibt’s das schon?“ Eben bei Holger Bär, der sich Neuem annähert, es ausprobiert und, wie er sagt, stets die Möglichkeit des Scheiterns einbezieht. Aber während andere Protagonisten Bücher mit Titeln wie „Vorerst gescheitert“ veröffentlichen, ist Bär nicht Epigone, sondern Schöpfer einer eigenen Maschinenkunst. Und eines ist ihm dabei besonders wichtig: Dass man sieht, dass die Bilder von Maschinen gemalt wurden. Denn: „Eine Maschine, die genauso malt wie ein Mensch, macht ebenso wenig Sinn wie ein Roboter, der sich exakt so bewegt wie ein Mensch.“
Jörg Degenkolb
Kommentar hinzufügen
* Pflichtfeld