Jesus Christ Superstar: Stimmen aus der Unterwelt

Henrik Wager als Jesus, Opernchor vom MiR | Foto: Pedro Malinowski /MiR

Jeder Rocksänger wird vor Neid erblassen, wenn er Henrik Wager in der Titelrolle von „Jesus Christ Superstar“ hört. Säuselnde tiefe Töne im Duett mit Judas-Darsteller Serkan Kaya stehen neben kraftvollen Soloparts, in denen er sich in höchste Höhen katapultiert. Das beeindruckt.

Wager gestaltet den Abend mit musikalischem Gefühl und hundertprozentiger Energie. Die Band unter der Leitung von Heribert Feckler umspielt die Geschichte mit differenzierten Klängen, drängt, fokussiert, baut Spannungsbögen. Atemlos folgt man dem Heldenkult rund um die Jesusgestalt von Andrew Lloyd Webber/Tim Rice aus den frühen 70er Jahren, die Michael Schulz in seiner Inszenierung mühelos in die Gegenwart überträgt. Webbers Melodiegewitter ist bombastisch, wirkt modern, verbreitet gleichzeitig den Hauch der Hippie-Ära.

Vor einer Innenhof-Kulisse startet das Spektakel zunächst leise, bald steigt mit dem Opernchor die Dynamik stetig an. Schulz zeigt den Chor als radikale Verehrergemeinschaft, die ihren Jesus zum Führer macht und später zum Märtyrer-Mob mutiert. Doch der Heilsbringer selbst ist unsicher, er hadert mit sich und der Welt, wirkt stellenweise ungehalten, zeigt sich als Suchender. Dann fährt ein Podest hoch und in einer Rotlichtszene flackert die tödliche Gefahr auf. Die Hohepriester, allen voran Joachim Gabriel Maaß als Kaiphas mit seinem markerschütternden diabolischen Bass, verhandeln in schwarzen Business-Anzügen über Jesus‘ Schicksal. Politische Machtkämpfe fächern sich auf, auch Maria Magdalena (bei Webber eine Prostituierte) gerät als Geliebte des Gottessohnes zwischen die Fronten. Die Darstellerin Theresa Weber zeichnet mit ihrer außergewöhnlichen Klangfarbe einen Kontrast zwischen die allesamt herausragenden Stimmen der herrschenden Männergesellschaft. Vielschichtig zeigt sich auch die Figur des Judas, der an seinem Verrat an Jesus verzweifelt. Ganz am Schluss wird es plötzlich ruhig, alles ist vorbei, aber die Zuschauer werden plötzlich mit dem historisch überlieferten Bild des Gekreuzigten konfrontiert, das so gar nichts mit dem bis dahin Gesehenen zu tun haben scheint. Der Erlöser als Projektionsfläche, da ist für jeden was dabei.