Enjoy Complexity: Schauspiel Dortmund goes digital

Akademie für Digitalität und Darstellende Kunst | Foto: Schauspiel Dortmund

Kay Voges integriert als Intendant des Schauspiels Dortmund ganz selbstverständlich digitale Techniken und -Künste in seine Inszenierungen. Der Aufbau einer Akademie für Digitalität und Darstellende Kunst in der Ruhrgebietsstadt ist ihm deshalb ein Herzensprojekt. Darüber sprach er mit Max Florian Kühlem.

Ist und war das Theater immer schon ein Labor für Neues – oder besteht eher die Gefahr, dass es zur antiquierten Kunstform wird?

Das Theater ist meiner Ansicht nach immer schon eine sehr gefräßige Kunstform gewesen, die sich alles einverleibt hat, was an technologischen Neuerungen passiert ist. So hat man in der Antike irgendwann Flaschenzüge für Bühneninstallationen gebraucht. Und so ist natürlich auch die Digitalisierung, die in den letzten 20 Jahren eine Revolution in der Menschheitsgeschichte darstellt, nicht spurlos am Theater vorbei gegangen. Wobei wir jetzt feststellen, dass die Entwicklung jetzt eine solche Fahrt aufnimmt, dass das Theater Gefahr läuft, hinterher zu laufen.

Wie kann man dies verhindern?

Wir verstehen uns hier in Dortmund als Theaterlabor für die digitale Moderne und stellen fest, dass zum einen das Know-How der Bühnenarbeiter am Stadttheater noch nicht auf dem Stand der Dinge ist, wie es sein könnte. Wir brauchen mehr Weiterbildung in Sachen Licht, Ton, Videokunst, Maskenkunst und vielleicht auch generell Technik. Der Umstellungsprozess ist im vollen Gange. Noch vor 15 Jahren haben meine Bühnentechniker am Reißbrett die Bühnenentwürfe gebaut, heute macht man das mit dem Computer – und ich denke, es wird nicht mehr lange dauern, bis man sich für Bauproben mit einer AR-Brille vor die Bühne setzt...

Wie kann die Integration von Themen und Technik der digitalen Moderne in Theaterstücke ganz konkret gelingen?

Beispiele sind unsere Inszenierungen „Das goldene Zeitalter“ oder „Die Borderline Prozession“, wo wir weggegangen sind von einer linearen Erzählung hin zu einer Vernetzungserzählung. Der Zuschauer schaut auf die Bühne und steht selber vor einer Art Links, die er miteinander in Beziehung bringen, verknüpfen kann. Methodisch gesehen könnte man „Einstein On The Beach“ anführen: Da haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Musik von Philip Glass erfahrbarer zu machen als nur mit den Ohren. Wir haben sie durch einen Algorithmus gezogen, der mit ihren Impulsen Bühnenverwandlungen gesteuert hat, Kostüme haben ihre Farben gewechselt, Licht und Video gehörten auch zum Netzwerk, das die Musik antrieb.

Kay Voges | Foto: Birgit Hupfeld

Das war in den üblichen sechs bis acht Wochen Probezeit am Stadttheater sicher nicht realisierbar?

Genau. Da merkt man dann, dass man Netzwerkkünstler, dass man Programmierer braucht und dass es im wahrsten Sinne des Wortes Neuland ist, dass man betritt. Deshalb kamen wir auf die Idee der Akademie, weil wir gedacht haben, wir brauchen Fortbildung für Theater-Mitarbeiter, aber auch Ausbildung für eine neue Generation von Theater-Netzwerkern. Und wir brauchen auch einen Ort, wo wir forschen können, der außerhalb des normalen Theaterbetriebs Zeit und Raum dafür gibt. Es wird deshalb auch ein Stipendiensystem für Forschungsarbeiten geben – auch für Postgraduierte. Und wir arbeiten daran, einen Master-Studiengang für Digitalität und Theater aufzulegen, wo dann darstellende Medienkunst als Aufbaustudiengang in Kooperation mit Universitäten gelehrt wird.

Im Februar findet bereits eine Konferenz in den Räumen der neuen Akademie in Dortmund-Kley statt. Warum diese Eile bei der Umsetzung?

Weil man sieht, wie in anderen Ländern ganz selbstverständlich die neuste Technik bei Bühnenproduktionen eingesetzt wird und gleichzeitig bemerkt, dass es hierzulande einen Mangel an Netzwerk- oder Videokünstlern gibt, die einen Bezug zu darstellenden Künsten haben. Es wird ein neuer Berufszweig der Medienkünstler im Theater gebraucht, aber es gibt dafür noch keine Standards. Wer das heute lernen will, der muss sich keine Sorgen machen um seine berufliche Zukunft.

Wie ist der Plan für Eröffnung und Zuschnitt der Akademie?

Mit der Konferenz „Enjoy Complexity“ Ende Februar eröffnen wir die Räume in der Alten Grundschule in Dortmund-Kley. Wir wollen im Frühsommer die ersten Weiterbildungen anbieten und haben die Hoffnung, im Herbst vielleicht schon mit dem Stipendiatenprogramm zu beginnen. In der Schule wird es genug Raum zum Forschen und Proben geben – wenn es vorzeigbare Ergebnisse gibt, werden die auf den Bühnen des Landes zu sehen sein. In den ersten Jahren wird die Akademie noch an das Schauspiel angegliedert sein, aber irgendwann soll sie eigenständig funktionieren. Die Stadt Dortmund gibt die Anschub-Finanzierung und im Moment suchen wir noch einen Gründungsreferenten. Max Florian Kühlem

Enjoy Complexity – 1. Dortmunder Konferenz für Theater und Digitalität, 23.-25.2. Alte Grundschule Dortmund-Kley