Welttag des Buches: Regionale Autoren im Interview

Nichts geht über ein gutes Buch! | Foto: Brigitte Thom

Ob in der Frühlingssonne, im Straßencafé oder gemütlich mit einer Tasse Tee auf dem Sofa – mit fast nichts anderem kann man den Alltag so schön hinter sich lassen und in neue Welten abtauchen, wie mit einem guten Buch. Doch wie ist es eigentlich, die Frau oder der Mann hinter den außergewöhnlichen, lustigen oder spannenden Geschichten zu sein? Lina Niermann und Tossia Corman haben Autoren aus der Region gefragt, was sie inspiriert, wie sie arbeiten und wer ihre ganz persönlichen Lieblinge der Literatur sind.

Lütfiye Güzel

Foto: Lütfiye Güzel

Was inspiriert dich?
Manchmal alles. Manchmal nichts. Auf die rettende Idee warte ich immer noch.

Genaue Struktur oder kreatives Chaos? Wo und wie schreibt es sich am besten?
Wenn man es kann, dann überall. Wenn nicht, dann nirgends.

Wer sind deine literarischen Vorbilder?
Inspiriert von Bukowski/Fante, weil sie nicht lügen, Camus/Sartre, weil sie glauben und nicht glauben, Kafka, weil er schwarz-weiß schreibt, Pessoa, weil er poetisch ist, Ginsberg/Kerouac, weil sie beat sind.

Was ist deine persönliche Lieblingsfigur?
Holden Caulfield („Der Fänger imRoggen“/Salinger), weil er ohne Umwege ist.

Horst Eckert

Was inspiriert dich?
Mich inspirieren die menschliche Natur und ihre Schattenseiten, die Politik, das Leben. Manchmal auch ein Artikel in der Zeitung, eine Meldung im Radio, Filme, andere Bücher.

Genaue Struktur oder kreatives Chaos? Wo und wie schreibt es sich am besten?
Ich habe gelernt, dass ein Schriftsteller am besten mit exaktem Plan und aufgeräumten Schreibtisch arbeitet. Warum es aber bei mir jedes Mal zwischenzeitlich in Chaos ausartet (das ich natürlich gern „kreativ“ nenne), kann ich mir nicht erklären.

Wer sind deine literarischen Vorbilder?
Große Autoren wie Charles Bukowski, Eckhard Henscheid, Philip Roth haben mich zum Lesen gebracht. Wegen James Ellroy , Thomas Harris und anderen wurde ich zum Krimifan. Zum Schreiben brachten mich allerdings eher die Mittelmäßigen, bei denen ich mich fragte, wie man ihre Geschichte vielleicht besser erzählen könnte. Ich richte mich nicht nach Vorbildern, sondern danach, was ich am liebsten lesen würde.

Was ist deine persönliche Lieblingsfigur?
Stets jeweils die Hauptfigur meines jüngsten Romans, im Moment also Sarah Wolf aus „Der Preis des Todes“. Denn immerhin habe ich die letzten 18 Monate mit ihr verbracht, und das war eine sehr intensive, aufregende und schöne Zeit.

Horst Eckert | Foto: Kathie Wewer

Kathrin Heinrichs

Kathrin Heinrichs | Foto: Adelheid Prünte

Was inspiriert dich?
Das Leben, der Alltag. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist gute Beobachtung.

Genaue Struktur oder kreatives Chaos? Wo und wie schreibt es sich am besten?
Notizen mache ich überall und jederzeit, konzentriert arbeiten kann ich allerdings am besten in meinem Arbeitszimmer am PC mit Blick auf den Nachbargarten. Ein Buch beginnt immer mit assoziativen Ideen, einer Figur,die sich in den Vordergrund schiebt, einem Handlungsort, den ich interessant finde … Wenn sich diese Idee dann anreichert, ist Strukturierung gefragt. Ich plotte jedes Buch von vorn bis hinten durch.

Wer sind deine literarischen Vorbilder?
Jonathan Franzens „Die Korrekturen“ ist mein Favorit. Im Krimibereich finde ich Stieg Larsson toll und Johan Theorin. Und Astrid Lindgren ist sowieso unschlagbar. Aber Vorbilder? Das maße ich mir nicht an. Ich versuche, meinen eigenen Stil zu finden.

Was ist deine persönliche Lieblingsfigur?
Michel aus Lönneberga.

Gina Mayer

Was inspiriert dich?
Eigentlich kommen die Ideen eher auf mich. Sie fliegen mich an – im Garten, im Schwimmbad, beim Spazierengehen oder Zugfahren. Die meisten schüttele ich ziemlich schnell wieder ab, aber andere sind echt hartnäckig und verfolgen mich über Jahre. Irgendwann schau ich sie mir dann genauer an und dreh sie hin und her und überlege, was man damit machen kann. Und manchmal wird dann ein Buch draus.

Genaue Struktur oder kreatives Chaos? Wo und wie schreibt es sich am besten?
Bei mir geht es nur mit Struktur und einer gewissen Verbohrtheit. Wenn ich nicht gerade auf Lesereise bin, dann sitz ich um halb neun am Schreibtisch und dort bleibe ich, bis mein Tagespensum an Seiten, Sätzen und Worten erfüllt ist. Manchmal bin ich mittags schon fertig, manchmal quäl ich mich bis zum Abend. Am nächsten Tag überarbeite ich das Geschriebene und schreibe weiter. Irgendwann ist das Buch fertig, dann fang ich das nächste an.

Ich habe den Eindruck, dass meine Leser immer ein bisschen enttäuscht sind, wenn sie das hören. Die coolen Autoren arbeiten in Cafés oder im Park oder in schicken Ateliers, zusammen mit anderen coolen Autoren. Und sie haben auch kein Tagespensum, sondern schreiben nur, wenn sie von der Muse geküsst werden. Ich dagegen trinke sogar meine erste Tasse Kaffee immer um dieselbe Zeit (halb elf). Tja.

Wer sind deine literarischen Vorbilder?
Oh, diese Frage mag ich gar nicht. Ich lese sehr, sehr gerne und auch sehr, sehr viel. Und ich kenne so viele tolle Autoren und Bücher, dass ich mich einfach nicht auf drei oder fünf oder auch zwanzig beschränken will. Das wäre doch gemein, den anderen tollen gegenüber. Außerdem vergess ich beim Aufzählen regelmäßig die Besten.

Alles, was ich lese, prägt mein Schreiben. Weil es mich beeindruckt und anspornt und inspiriert. Oder weil es so schlecht ist, dass ich es besser machen will. Man lernt ja auch aus Schund was.

Was ist deine persönliche Lieblingsfigur?
Puh der Bär ist tatsächlich einer meiner Favoriten, weil er sich mit seinem kleinen Kopf immer so große Gedanken macht. Und Alice von Lewis Caroll mag ich sehr gerne. Aber am besten finde ich, glaub ich, Frau Mahlzahn aus "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" von Michael Ende. Am Anfang ist sie ein bitterböser scheußlicher Drache und am Ende wird sie zum goldenen Drachen der Weisheit. Beide Seiten hat sie aber von Anfang an in sich, das Böse und das Gute. Genau wie wir alle. Das macht sie so wahrhaftig.

Jan Zweyer

Was inspiriert dich?
Bei Kriminalromanen: das Leben um mich herum. Bei historischen Romanen: Die Beschäftigung mit historischen Ereignissen.

Genaue Struktur oder kreatives Chaos? Wo und wie schreibt es sich am besten?
Ich bin eher der chaotische Schreiber, ohne klar strukturiertes Konzept. Meistens schreibe ich in meinem Arbeitszimmer. Ansonsten überall da, wo mein Laptop Platz findet.

Wer sind deine literarischen Vorbilder?
Ich habe keine.

Was ist deine persönliche Lieblingsfigur?
Auch da muss ich leider passen. Gefällt mir ein Buch, gefallen mir in der Regel auch die Figuren. Und da mir zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Genres und Bücher gefallen haben, sind es zu viele, um sie hier zu nennen.

Jan Zweyer | Foto: Rae Grimm

Sarah Meyer-Dietrich

Sarah Meyer-Dietrich | Foto: Frank Vinken

Was inspiriert dich?
Ein Satz, eine Erinnerung, ein Gefühl, ein Thema. Aus einer Erzählung für den Tag der Trinkhallen entstand mein Roman Ruhrpottkind. Mein aktuelles Romanprojekt verbindet Themen, die mich zur Zeit umtreiben: das Ende des Steinkohlebergbaus, soziale Ungerechtigkeiten, mein Ärger über die Lit.Ruhr.

Genaue Struktur oder kreatives Chaos? Wo und wie schreibt es sich am besten?
Am liebsten schreibe ich auf der Couch oder unterwegs im ÖPNV. In einem Wechselspiel aus Ordnung und Chaos. Im Anfang kann wildes Ideenchaos herrschen, aber dann werden die Fäden zu einem sinnvollen Ganzen verwoben.

Wer sind deine literarischen Vorbilder?
Ein wirkliches Vorbild habe ich nicht. Durch meine Mutter Inge Meyer-Dietrich war für mich aber schon früh klar, dass Autorin ein reeller Berufswunsch sein kann.

Was ist deine persönliche Lieblingsfigur?
Skurrile Figuren, die sich mit dem Leben nicht so leicht tun. Ferkel aus Pu, der Bärund Lilly in Irvings Hotel New Hampshire.

Jan Michaelis

Was inspiriert dich?
Die Ideen springen mich an, das kann bei einem Spaziergang sein oder wenn ich in der Bahn sitze, ich mache mir dann Notizen, die sind die Keime für meine Erzählungen. Dann ist es aber Fleiß daraus eine Erzählung und ein Buch zu machen. Ich sammle meine Einfälle und nehme sie mir dann vor, wenn ich schreiben will. So fange ich nie ganz bei Null an. Wenn ich jetzt mein viertes Kinderbuch der Reihe „Ernest Flatter – ein Vampir in …“ schreibe, dann lese ich gezielt Bücher über Paris, wo das Buch spielt, und die Bücher, auf die es in meinem Buch Anspielungen gibt. Die Handlung ist mir schon klar und heruntergeschrieben, aber das Lokalkolort muss noch recherchiert werden. Ich war ja auch zwei Mal in Paris. Und auch von anderen Reisenden hole ich Infos ein.

Genaue Struktur oder kreatives Chaos? Wo und wie schreibt es sich am besten?
Eine Geschichte, die ich erzählen will, hat keine Struktur, sondern einen roten Faden. Der entwickelt sich aber auch oft, durch das zusammenspinnen mehrerer Fäden, Chaos ist da auch nötig, ab er ohne den Faden wird es keine Geschichte. Ich schreibe normalerweise an meinem Pult im Stehen am Laptop oder auch am Küchentisch mit Papier und Stift manchmal auch im Bett. Das geht alles. Und natürlich mache ich Recherchen vor Ort in Bilk und Derendorf, dann schreibe ich, was ich sehe und entdecke und höre auf in mein Notizbuch. Ich halte aber nichts von dem Plotten, wie es die Lehrmeinung einiger Schreibschulen ist. Ich finde gut, wenn sich etwas beim Schreiben ergibt und entwickelt.

Wer sind deine literarischen Vorbilder?
Ich habe keine Vorbilder, aber ich habe natürlich viel gelesen. Ich versuche nichts nachzuahmen. Aber für meine Kinderbücher recherchiere ich schon mal systematisch die Vorbilder wie Pinocchio oder Peter Pan. Auch Krimis lese ich systematisch als Konkurrenzanalyse. Aber ein Vorbild im Sinne einer Nachfolge will ich nicht. Es gibt viele interessante Stoffe und tolle Schreibstile, aber ein wichtiges Ziel finde ich die Wiedererkennbarkeit des eigenen, das finde ich wichtig, es kann doch nicht angehen, dass es Strickmuster für Texte gibt, darauf kann es doch nicht ankommen, sondern immer auf das wie, da darf doch nichts von verloren gehen, von diesem Individuellen. Da gibt es automatisch keine Vorbilder für. Sonst wäre es ja nicht eigen.

Was ist deine persönliche Lieblingsfigur?
Lieblingsfiguren habe ich nicht. Es gibt Autoren, die mitreißend schreiben, dann fiebere ich auch mit, und die Figuren sind vorübergehend Identifikationsfiguren. So habe ich den Baron auf den Bäumen von Italo Calvino gelesen und fand den einfach toll. Es ist bei Krimis manchmal toll, wie die Figuren gezeichnet sind. Auch wieder ein Italiener Commissario Montalbano vom Autor Andrea Camilleri. Wenn ich dann Pinocchio lese und feststelle, wie der Autor da vorgeht, staune ich mehr über Sprache und Stil, über Ironie und Doppelbödigkeit. Die Figur ist dann interessant und hilft bei der Identifikation, aber ich lese dann schon auf der Metaebene. Das ist auch ein besonderes Vergnügen. Da staune ich dann auch über Mark Twain und denke mir, das ist doch gar kein Buch für Kinder und Jugendliche, wie es verkauft wird, sondern da bietet der Autor doch etwas für das intellektuelle Vergnügen.

Jan Michaelis | Foto: Judith Michaelis

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