Tschüss Bergbau: Geierabend sagt Bye Bye

Steiger (l.) und Präsi sind beim Geierabend Kult. | Foto: Stand Out

Martin Kaysh gibt seit 20 Jahren den Steiger in der Kabarett-Show Geierabend. Im Interview mit Max Florian Kühlem erklärt er, warum sich das Ruhrgebiet auch ohne Bergbau treu bleiben wird.

Der Geierabend 2018 steht unter dem Motto „Bye Bye Bottrop“ – eigentlich meint ihr aber „Bye Bye Bergbau“?

Bottrop klang schöner. Aber ja, es meint: Der Bergbau haut ab. Er wird 2018 mit der Schließung der letzten Zeche des Ruhrgebiets in Bottrop zu Ende gehen. Dann werde ich 2019 der letzte aktive Steiger im Pütt sein. Das stimmt zwar nicht ganz, klingt aber gut.

Wie soll das funktionieren: Ruhrgebiet ohne Bergbau?

Das ist okay so, weil wir festgestellt haben – und das haben Forscher mittlerweile bestätigt –, dass es den Menschen hier vollkommen egal ist, ob es Stahlindustrie und Bergbau gibt. Was bleibt, ist die Haltung und diese Lebenseinstellung, die 150 Jahre Schwerindustrie hinterlassen haben. Es gibt hier zum Beispiel unglaublich hohe Mitgliederzahlen in den Gewerkschaften – das hat man in anderen Regionen des Landes nicht so.

Der Geierabend kann seine Erfolgsgeschichte also weiter schreiben?

Klaus Tenfelde, der Ruhrgebiets-Historiker hat gesagt, dass die Sehnsucht nach dem Identität stiftenden Vergangenen dann besonders groß ist, wenn es endgültig vorbei ist. Also jemand, der auf Zeche gearbeitet hat, konnte das nie verstehen, wieso die Leute nach Feierabend noch ins Bergwerk gegangen sind. Aber heute, wo fast niemand mehr unter Tage arbeitet, ist es zu einem wichtigen Identität stiftenden Merkmal geworden. Beim Geierabend haben wir eigentlich nie viel Bergbau-Nostalgie gemacht. Mittlerweile singen wir immerhin das Steigerlied.

Und Sie als Moderator des Abends sind der Steiger…

Ja. Ich sitze in so einer Lore, wo Leute sich heute im Garten Geranien reinstellen, und nenne mich Steiger. Das findet das Publikum lustig, weil die Steiger früher die Chefs und oft Arschlöcher gewesen sind. Wir spielen also ständig mit dem Wechsel und Wandel.

Seit wann sind Sie als Steiger dabei?

Viel zu lange. (lacht) Seit 20 Jahren. Der Geierabend hat ja 1992 ganz klein angefangen mit 120 Besuchern im Theater Fletch Bizzel. Nach einer Neuaufstellung zwischen 1997 und 1999, wo die Entscheidung fiel, ihn zu einer Veranstaltung mit Geschichten aus dem Ruhrgebiet zu machen, ist er dann immer größer geworden, jedes Jahr um 20 Prozent gewachsen. Jetzt haben wir zwischen 16 000 und 18 000 Zuschauer an knapp 40 Terminen. Größer können wir nicht werden.

Ist die Stunksitzung in Köln Vorbild für den Geierabend?

Wir erzählen schon anders. Beim Geierabend wird ja viel mit festen Figuren gearbeitet, das machen die Stunker gar nicht. Vorbild war sie aber sicher insofern, als dass man sagte: Cool, es gibt jetzt eine Möglichkeit, das Thema Karneval einfach mal wieder ernst zu nehmen. Die Idee war, dass Karneval eigentlich eine anarchische, zersetzende Underground-Bewegung sein könnte. Die Funkenmariechen und dieser ganze Kram waren ja mal eine Verarschung von hoheitlichen Zeichen der Franzosen, der napoleonischen Truppen.

Städte wie Bochum und Dortmund versuchen, sich eine neue Identität als Wissenschafts-Standorte zu geben. Wie spielt der Geierabend mit diesen Wandlungen?

Naja, wenn wir zum Beispiel zwei unserer bekannten Figuren, die Fans von der Dortmunder Südtribüne, auf der Bühne haben, dann klingen die erstmal total panne und banal. Aber sie zitieren auch große Philosophen wie Alexander Kluge. Das merken nur wenige Leute. Die anderen denken: „Lustig: Zwei Jungs, die Bier saufen.“ Auf das moderne, umgewandelte Ruhrgebiet zu schauen, ist generell aber gar nicht so einfach: Menschen, die IT-Lösungen erstellen, lassen sich nicht gut auf die Bühne bringen. Trotzdem machen wir das: Wir haben eine Youtuberin und arbeiten dieses Jahr an einer Szene über das Internet der Dinge. Wir überlegen, in welches Endlager die ganzen Fakenews kommen – die Sachen, die bei Facebook alle gelöscht werden, müssen ja irgendwo gelagert werden.

Es ist also schwierig, die Gegenwart des Ruhrgebiets auf die Bühne zu bringen?

Man braucht eben gute Figuren und Geschichten. Nehmen wir zum Beispiel das Hannibal-Hochhaus in Dortmund, das jetzt geräumt werden musste. Da wollen wir nicht platt einen auf die Bühne stellen, der auf die bösen Kapitalisten schimpft. Da nehmen wir zwei Typen, die jetzt ihre Mutter bei sich aufnehmen mussten. So übersetzen wir das. Das ist die Art des Geierabends, der auch Volkstheater ist. Das ist sehr runtergebrochen, nicht unbedingt Diskurstheater wie bei René Pollesch. Was ich gar nicht ab kann, ist so eine Art Kabarett, wo aus Bildungsbürgerdünkel auf die vermeintlichen Assis runter geblickt wird.

Was läuft aktuell schief im Ruhrgebiet?

Mich nervt so ein bisschen dieser Ruf nach Subventionen. Dass man die Dinge nicht selber in die Hand nehmen will und glaubt, sich nur mit neuen Fördergeldern nochmal fünf Jahre über Wasser halten zu können. Beim RVR gibt es eine eigene Broschüre dazu, wie man am besten EU-Fördermittel abgreifen kann… Und was sonst noch so schief läuft, wird man bei der Verleihung zum Pannekopp des Jahres feststellen können, den wie immer unser Publikum wählt.

Geierabend: 28.12.-13.2. Zeche Zollern, Dortmund; geierabend.de

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