Opernereignis im Stummfilmformat: Die Zauberflöte am Theater Duisburg

| Foto: Hans Jörg Michel

In welche Kategorie lässt sich die Duisburger „Zauberflöte“ nur einordnen? Ein cineastisches Theaterexperiment, eine Fantasiereise in Comicbildern oder eine Filmoper? Die Sänger der Deutschen Oper am Rhein lassen gemeinsam mit den Duisburger Philharmonikern ein Gesamtkunstwerk erklingen, kongenial bebildert vom künstlerischen Team der Produktion. Die Begeisterungsstürme des Duisburger Publikums zollten Sängern und Regie den wohlverdienten Respekt für einen ästhetischen Genuss der besonderen Art.

Mozarts „Zauberflöte“ ist eine der meistgespielten Opern und an sich schon ein Publikumsmagnet. Das Regieteam Suzanne Andrade und Barrie Kosky hauchen der Geschichte rund um die Liebenden Tamino und Pamina sowie dem Vogelfänger Papageno und dem bösen Widersacher Sarastro eine große Portion Leichtigkeit und Humor ein. Als einzige Kulisse dient eine senkrechte weiße Wand. Auf dieser explodieren die animierten Projektionen von Paul Barritt (Bühne, Kostüme: Esther Bialas): Fabeltiere, Blumen, feuerspeiende Drachen, kahle Baumriesen führen den Zuschauer in eine Zauberwelt, in der es wie im klassischen Märchenstoff um den Kampf zwischen Gut und Böse geht. Wie durch Geisterhand gesteuert, tauchen die Darsteller durch Luken und Klappen vor der Projektionswand auf und verschwinden ebenso geräuschlos. Die Sänger spielen mit den Bildern, die bis ins kleinste Detail liebevoll gezeichnet sind. Der Vorgang erfordert ein absolutes Timing und lässt den Figuren keinen Raum für Improvisationen. Aber dafür stehen die Stimmen der Sänger ganz im Vordergrund, wobei insbesondere Heidi Elisabeth Meier (Königin der Nacht), Anke Krabbe (Pamina) und Jussi Myllys (Tamino) hervorstechen. Papageno (Richard Sveda) wird stets von einer zum Schattenriss stilisierten schwarzen Katze begleitet, während die Bösewichte Sarastro und Monostatos ihre Macht durch geifernde Wachhunde demonstrieren (Thorsten Grümbel und Johannes Preißinger). Trotz der Vereinfachung der Figurenführung zeigt die Inszenierung eine Vielschichtigkeit, auch weil die musikalische Qualität nichts zu wünschen übrig lässt.

Filmische Mittel auf der Bühne entwickeln schnell einen Sogeffekt. Und man könnte meinen, dass der Effekt der bewegten Bilder nach einer halben Stunde seine Wirkung verliert. Doch Paul Barritts Animationen sind so voll von Filmzitaten und witzigen Details, dass die knapp drei Stunden wie im Flug vergehen. Stummfilm-Szenen, begleitet vom Hammerklavier, bringen Ruhe in die rasante Unternehmung. Tamino und Pamina kommunizieren über Sprechblasen miteinander, Zwischentitel in verschnörkelter Schrift leiten in die nächste Szene ein. Die Figur des Monostatos erinnert an Nosferatu, maschinelle Uhrwerkelemente verweisen auf Charlie Chaplins Filmkunstwerk „Moderne Zeiten“ und Papageno trägt die tragikomischen Züge eines Buster Keaton. Und wenn Pamina und Papageno das Duett „Bei Männern welche Liebe fühlen“ anstimmen, flattern Bienchen und Coolibris in einem Blütenmeer umher, wie in einem kitschigen Disneyzeichentrick. Herrlich ist auch die Idee, die Königin der Nacht als skelettierte Spinne darzustellen, die mit ihren Fangarmen alles unter Kontrolle hat. Das Ganze wirkt verspielt und kunstvoll zugleich. Und wenn gegen Ende der Chor der Deutschen Oper in den Kostümen von Tamino und Pamina auf die Vorderbühne tritt, steuert Axel Kobers musikalische Leitung auf einen weiteren Höhepunkt zu.

Barrie Kosky ist seit 2012 Intendant an der komischen Oper Berlin und zeigt diese Zauberflöten-Deutung in der Hauptstadt vor stets ausverkauftem Haus. Seine Zusammenarbeit mit „1927“, so nennt sich das Erfolgsduo Suzanne Andrade und Paul Barritt, die sich mit dem Datum auf den Beginn der Stummfilmära beziehen, begeistert auch in der Duisburger Neubesetzung. Ein Stück Musiktheater für alle, die fantastische Bilder mögen. Aber auch für Opernkenner sowie Cineasten jeder Altersstufe.

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