Leander Haußmann: Wir haben sie alle beleidigt!

Leander Haußmann hat ein Buch geschrieben | Foto: Kiwi Köln

Nochmal Glück gehabt. Statt mit „Alles gut?“ begrüßt Max Florian Kühlem sein Gegenüber Leander Haußmann beim Interview im Kölner Stadtgarten schlicht mit „Hallo, Guten Tag“. „Es gibt so Floskeln, die machen mich fertig“, bekennt der Theater- und Filmregisseur Haußmann gleich zu Anfang des Gesprächs über seine Autobiografie „Buh“ und führt aus: „Es ist klar, dass nicht alles gut ist. Gerade in unserem Alter. Es sterben die Eltern, es wird immer schwieriger, sich in dieser Welt zurecht zu finden.“

Der Tod des Vaters, des Schauspielers Ezard Haußmann, vor drei Jahren war der Auslöser, ein Buch zu schreiben. „Es sollte erst eins über meinen Vater sein“, sagt Leander Haußmann. „Ich habe jedoch vom ausführlichen Beschreiben dieser Situation Abstand genommen. Ein Buch muss unterhaltsam sein, man soll Spaß daran haben.“

Unterhaltsam sind für den Autor scheinbar vor allem Misserfolge. Zumindest erzählt er seine Lebenserinnerung äußerst kurzweilig an ihnen entlang: „Man kann schon sagen, dass bei mir immer alles aus dem Desaster entstanden ist und dass ich den Umgang mit dem Desaster gelernt habe. Ich gehe da aufrecht raus“, sagt er. So beschreibt er wortgewandt seine verkorksten Begegnungen mit dem Dramatiker Botho Strauß, der verständnislos auf Regieideen reagiert, den Tumult des wütenden Publikum nach seiner „Fledermaus“-Inszenierung oder das ständige Scheitern an der starren DDR-Gesellschaft.

Was im Buch kaum vorkommt, ist seine wilde Zeit von 1995 bis 2000 als jüngster deutscher Theaterintendant am Schauspielhaus Bochum. „Das war ja kein Misserfolg“, stellt er fest. „Es war eine Zeit, die sich solchen Kategorien vollständig entzieht. Wenn man sich Spielzeithefte von damals ansieht und mit heutigen vergleicht, weiß man, was ich meine. Das ist eine Zeit, die ist legendär und wird als Legende neben der Peymann- und Zadeck-Zeit stehen.“

„Wir waren ehrlich, wir waren bei uns“, benennt Leander Haußmann sein Konzept, sich weder mit Abonnenten, noch mit Theaterfreunden oder Stadtoberen gut zu stellen: „Wir haben sie stattdessen alle beleidigt.“ Besonders in Erinnerung ist ihm ein Spielzeitheft, wo Schauspieler ihre Lieblings-Selbstmordarten aufschreiben sollten: „Da musste ich bei den Freunden des Theaters antreten wir ein kleiner Schüler – die fanden das unmoralisch, unmöglich.“ Theatergänger von damals werden sich auch an die Proteste der Kirche gegen die gekreuzigte Frau am Theatergebäude erinnern, an Gerüchte über Alkohol-Exzesse oder Schlägereien in der Kantine.

All das kann Thema werden, wenn Leander Haußmann für eine Lesung ans Schauspielhaus zurückkehrt. Denn er sagt: „Ich muss nicht lesen. Wir können auch nur diskutieren.“

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23.-26.11., versch. Orte, Bochum

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Von 1995 bis 2000 war Leander Hausmann Intendant am Bochumer Schauspielhaus. Vier Journalisten erinnern sich an turbulente Jahre.

  • „Der damalige coolibri-Theaterredakteur geriet unversehens in ein Handgemenge mit Herrn Haußmann, weil dem die Rezension eines seiner Stücke nicht passte. Unser (untrainierter) Autor hat verloren.“ Werner Dickob
  • „Ich besaß mal den Montblanc-Füller von Leander, weil er zu arrogant war zu reagieren, als ich ihn darauf hinwies, dass er ihn liegen gelassen hatte. Leider ist er dann bei irgendeinem Umzug verloren gegangen.“ Honke Rambow
  • „Ich fand ihn immer blöd – er wurde im Intershop schneller bedient als ich.“ Stefan Laurin
  • „Mir hat Haußmann einmal meine Wohnung in der Oskar-Hoffmann-Straße unter Wasser gesetzt, als er die defekte Dusche seiner damaligen Freundin, die über mir wohnte, benutzt hat.“ Tom Thelen