Don Nadie: Herr Niemand

Maura Morales, Michio und Tänzer | Foto: Klaus Handner / flamencofoto

Er trug einen Seitenscheitel, eine Aktentasche und einen Rauschebart. Jeden Tag saß er an der immer gleichen Haltestelle in Düsseldorf-Flingern und ließ alle Busse passieren. „Haben Sie mal etwas Geld für Schokolade?“, fragte er Passanten, obwohl ihm gar nicht nach Süßem war. Er warte nämlich auf seine Freundin. Die aber kam nicht, all die Jahre. Mittlerweile ist auch er verschwunden. Wohin, weiß niemand. Auch Maura Morales und Michio nicht.

Die Tänzerin und Choreografin und der Musiker wohnen unweit der Haltestelle, an der der Obdachlose mit der Aktentasche saß. Wenn die Beiden aus dem Fenster ihrer Wohnung schauten, sahen sie ihn. Irgendwann begannen sie, über seine Lebensumstände nachzudenken. Was wünscht sich der Mann an der Haltestelle? Wie war seine Kindheit? Was macht man mit so viel Tagesfreizeit? Aus derlei Fragen und Überlegungen entstand ein Tanzstück: „Don Nadie – Herr Niemand“ heißt es und wird im Dezember erstmals vor Publikum aufgeführt. Im zakk.

Den Aufführungsort hätten sie ganz bewusst gewählt, erklärt Michio, der die Musik zu „Don Nadie“ verantwortet: „Wir wollten Publikum und Tänzer aus ihrer gewohnten Umgebung holen.“ So ergebe sich ein neuer Blickwinkel, eine Chance, die Dinge anders zu sehen. Für die vier beteiligten Tänzer ist das Projekt durchaus eine Herausforderung. Schließlich verfügt das zakk über keinen Tanzboden, sondern einen aus Beton, und auch eine klassische Bühnensituation werde es nicht geben. „Die Tänzer werden in der Mitte des Raums sein“, beschreibt Maura Morales, „wie in einer Arena“. Um die Lebensumstände der Obdachlosen nachzufühlen, hat die Gruppe Proben unter freiem Himmel absolviert. Wie verändern sich die Bewegungen dabei? Wie die eigene Stimmung? Fragen, die die Choreografin und Regisseurin Morales umtrieben. Und sie ging noch einen Schritt weiter, indem sie die Position einer bettelnden Obdachlosen einnahm. „Die Blicke der Leute waren das Schlimmste“, erinnert sich die Kubanerin mit dem langen dunklen Haar und dem warmen Wesen. „Trotzdem möchten wir natürlich nicht die Realität zeigen“, stellt Michio klar. „Don Nadie“ sei kein Sozialstück.

Wie die fertige Bühnenarbeit ausschaut, würde gerne auch Reiner erleben. Reiner, der den ganzen Tag vor dem Rewe am Wehrhahn steht und ständig Briefe an Angela Merkel in ein kleines Notizbuch pinnt. Er weiß nur nicht, wo er seine unzähligen Plastiktüten lassen soll, wenn er ins zakk geht. Eine Wohnung hat er nämlich nicht.

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