Aliento: Eine Kunst von Leid gezeichnet

Fernando Arias' "Wer bietet mehr?", 1997 | Foto: Museum Bochum

„Wir wissen, dass die Natur Kolumbiens außerordentlich ist, ihre Menschen sind außerordentlich, sie sind großartig, und sie besitzen eine Kultur der mündlichen Überlieferung, die nie aufhört mich zu erstaunen. Diese gewöhnlichen Menschen interessieren mich am meisten, aber ich fühle mich eingeklemmt, gefangen; nichts würde ich lieber tun, als dieses Land gründlich zu erforschen.“

Dieses Zitat des kolumbianischen Künstlers Juan Manuel Echavarrìa könnte man als eine Art Leitfaden zum Verständnis der gesamten Ausstellung lesen. „Aliento – Zeitgenössische Kunst aus Kolumbien“ ist ein Zeit-Dokument für die Stimmung in der intellektuellen Szene dieses südamerikanischen Landes. Als Besucher kann man sich der Eindrücke und Atmosphäre nicht entziehen. Einerseits ist der Betrachter in der Lage, die Liebe der Künstler zu ihrem Land nachzuempfinden, andererseits sieht er sich mit ihrer großen Traurigkeit und Hilflosigkeit über die politische Lage in ihrer Heimat konfrontiert: Eine Kunst, die wortwörtlich vom Leid gezeichnet zu sein scheint.

Das Repertoire der Ausstellung erstreckt sich von Malerei, über Fotografie, Grafik und Objektkunst bis hin zu audiovisuellen Installationen. Auch die Materialien sind vielseitig und häufig finden typische nationale Rohstoff- oder Pflanzenmaterialien Verwendung, wie beispielsweise Kautschuk, Kakaoblätter oder Holzflächen. Die Zweckentfremdung der Materialien könnte ebenfalls an das, nicht gänzliche auszuschöpfende und genießbare Potential des Landes angelehnt sein, wie es Echavarrìa in seiner Aussage andeutet. Kolumbien ist reich an Natur und Landschaftsvielfalt und dennoch assoziieren die Menschen, aus gegebenem Anlass, zunächst meist Bilder von Krieg und Gewalt, wenn sie daran denken.

Eine künstlerische Infrastruktur der Gewalt gepaart mit High-Society

Diese Divergenz zwischen Potential und Realität greift die Ausstellung auf. Sie spiegelt den politischen Diskurs einer kolumbianischen Intellektuellen-Szene wieder, die fernab von dem gewalttätigen Alltag in den Städten floriert, aber den Krieg und die Gewalt nicht verschweigen kann und will. Leiden und Sterben, ebenso wie Medien, Konsum und Urbanisierung vereinen sich hier stets in Verbindung mit der Landschaft und der Menschlichkeit, die das Land vorzuweisen hat. In einigen Werken bilden geographische Karten oder Landschaftsbilder die Grundlage für die Künstler, wie beispielsweise in dem von Echavarrìa kurierten Workshop-Projekt „Der Krieg, den wir nicht sahen – Ein historisches Gedächtnisprojekt“. Ehemalige Soldaten oder Kriegsbeteiligte zeichnen in einer bunten, beinah kindlichen Malbild-Strecke, häufig in Landkartenform, ihre Erlebnisse auf. Aus dem Ergebnis lässt sich beinah soetwas wie eine Infrastruktur der Gewalt ablesen, die die kolumbianischen Städte und Landschaftsgebiete lange Zeit beherrscht hat.

Die zwei Stockwerke des Bochumer Museums, über die sich Aliento erstreckt, sind voll von bildstarken Metaphern: ein Dienstmädchen, das gierig 'den Dreck vom Fußoden' ableckt, per Stroboskop animierte Soldatenmännchen, die in einer Art Kampfarena nacheinander 'über die Klippe springen', ein Soldat, der sich mit seinem amputierten Armstumpf die Tarnfarben aus dem Gesicht wäscht, aber auch die High-Society und die Medienlandschaft finden Eingang in die Fülle der Ausstellungswerke. In diesem Sinne ist die Kunst wie nicht nur aus Kolumbien sondern bildet auch eine Art breit gefächerten Metatext über Kolumbien selber.

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