Samir Kandil im Interview

„Etwas leicht Anachronistisches“

Wir haben uns für 12 Uhr zum Gespräch verabredet. Und Samir Kandil klingelt keine Minute zu früh – und keine zu spät. Der 37-jährige Schauspieler setzt sich erst, als die Fragestellerin Platz genommen hat. Kandil hat formvollendete Manieren. Und: Er kann sich für Dinge begeistern, die anderen gar nicht auffallen. Für das Preiswert-Mineralwasser mit Namen „Engelbert“, das ihm zum Benetzen seiner Kehle offeriert wird, zum Beispiel. Dass er es brauchen wird, weiß er zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das Gespräch über das Leben, die Bühnenkunst und vor allem seine monatliche Late Night Show, die im Januar startet, könnte als das längste aller Zeiten in die coolibri-Annalen eingehen: Es dauerte über vier Stunden.

Samir, im Januar startet die von dir erfundene „Abb(e)y Stand Show“. Was genau darf man sich darunter vorstellen?

Die „Abb(e)y Stand Show“ ist im weitesten Sinne eine Art Late Night Show. Sie soll einmal monatlich stattfinden – vor Live-Publikum und an wechselnden Orten. Die Show bewegt sich also von Monat zu Monat durch Düsseldorf. Wenn es sich ergibt, kann aber auch mal eine Folge aus Brüssel kommen. Oder aus Paris oder Amsterdam. Jeder Abend soll 45 bis 60 Minuten dauern. Das Ganze wird aufgezeichnet und am Folgetag ins Netz gestellt. Es ist ja Teil der medialen Wirklichkeit geworden, dass wir alles aufzeichnen können, mit den einfachsten Mitteln. Dass alles ins Netz gestellt wird und es erst dann auch wirklich stattgefunden zu haben scheint. Es gibt Leute, die von ihrer Partie Minigolf einen Film drehen oder 60 Fotos schießen und die dann hochladen. Auf diese Weise kreiert man den Event sozusagen selbst. „Abbey Stand“ ist ein Format, was zweifach funktioniert. Wenn man da war und es später sieht, ist es eine andere Wirklichkeit, weil ja vieles ausgeblendet wird. Man hat sozusagen zwei Versionen ein- und desselben Abends. Und für die, die nicht live dabei sein können, gibt es immer noch die Möglichkeit, sich die Stilisierung im Netz anzuschauen.

Wer ist die Figur, die der Show ihren Namen leiht?

Abbey Stand ist eine Kunstfigur, die von mir verkörpert wird. Er gibt mir die Möglichkeit, ein bisschen Distanz zu halten. Der Host hat Attribute, die ich nicht habe. Ich als Produzent der Show muss mir an einem solchen Abend über alles mögliche Gedanken machen. Abbey hingegen kann mit einer gewissen Leichtigkeit auf den Plan treten. Er ist nur für den Moment verantwortlich, aber nicht für die ganze Vorarbeit. Ich lasse mich, wenn du so willst, an der Garderobe. Fürs Spielen macht es das etwas leichter. Im Film- und Fernsehgeschäft wird ja viel über Authentizität gesprochen. Ich hingegen habe Film und Fernsehen immer als Stilisierungsmoment wahrgenommen. Kein Entertainer fängt einfach an zu singen, ohne den Liedtext auch nur zu kennen. In guten Momenten kann das so wirken – aber es setzt immer Vorbereitung voraus. Die Show ist also meine Art, mit offenen Karten zu spielen.

Und woher kommt der Name Abbey Stand?

Ich erfinde einfach leidenschaftlich gerne Namen für Figuren. Wenn ich einen Namen erfunden habe, der mir gefällt, macht mir das große Freude. Auch in meinen Prosatexten. Teddy Suleiman war zum Beispiel ein Name, den ich sehr mochte. Oder Bauden Dietrich. Oder Babette Delacroix. Der Name muss mir einfach in dem Moment einleuchtend erscheinen. Das war bei Abbey Stand der Fall.

Und warum steht das „e“ von Abbey in Klammern?

Wenn du den Namen gesprochen hörst, gibt es mehrere Möglichkeiten, ihn zu schreiben. Abbie ist sehr gängig. Oder Abby. Beides sieht man oft. Mit „ey“ habe ich Abbey als Vornamen hingegen noch nie gesehen. Daher habe ich mich für diese ungewöhnliche Schreibweise entschieden.

Welche Art von Late Night Shows guckst du selber gerne?

Ich gucke im Moment eigentlich kaum Late Night oder Talkshows. Nicht weil ich Vorbehalte dagegen hätte – ich komme einfach nicht dazu. Das hängt auch mit meinen Lebensgewohnheiten zusammen. Ich komme beispielsweise nicht zu einer festen Uhrzeit nach Hause. Obwohl, man könnte es natürlich auch in der Mediathek schauen…

Ist die Hochzeit der Late Night Shows nicht ohnehin vorbei?

Das vermag ich nicht zu beurteilen. Alles kann wiederkommen. Wie beim Film, wo man sagt, die Zeit dieses oder jenes Genres ist vorbei. Und dann kommt es plötzlich wieder, als große Überraschung für alle. Letztendlich geht es nur darum, dass einem etwas gelingt. Die „Abbey Stand Show“ hat etwas leicht Anachronistisches. Ich möchte nicht so weit gehen, zu sagen, ‚ich mache Dinge, die seit 50 Jahren so nicht mehr gemacht werden’. Aber ich verschließe mich diesen Dingen auch nicht.

Wie muss man sich den Aufbau der Show vorstellen?

Das kommt auch auf die Location an, manchmal gibt die Örtlichkeit ja auch etwas vor. Die Show wird ja, wie schon gesagt, an wechselnden Orten stattfinden. Die Ausgangssituation in einer Videothek ist naturgemäß eine andere als in einer Galerie. Die Atmosphäre trägt dazu bei, wo das Publikum sitzt und beeinflusst insgesamt die Umstände, unter denen die Show stattfindet. Wenn man in einem Theater spielt, ist zum Beispiel die Ausleuchtung relativ leicht. Der Platz für die Zuschauer ist vorgegeben. Wenn man an einem Ort spielt, der sonst nicht als Bühne genutzt wird, ist das eine komplett andere Situation.

Es gehört zu den Merkmalen einer Late Night Show, dass sie immer aus dem gleichen Studio gesendet wird. Deine Show hingegen tingelt. Warum?

Die Show ist ja zunächst einmal auf 12 Ausgaben beschränkt. Man könnte sagen eine Staffel. Sie soll also das ganze Jahr 2013 hindurch laufen. Ich denke, dass sich nach 12 Monaten und 12 unterschiedlichen Locations ein interessantes Bild davon ergibt, wie sich die Stadt mit einbringt. Und wie sich das Land mit einbringt. Oder ob beides völlig außen vor bleibt und wir mit dem Format eine Art Freistaat, eine Auszeit von allem, erschaffen.

Der Austragungsort des Debüts, das Falkenzimmer, dürfte den wenigsten ein Begriff sein.

Viel möchte ich dazu gar nicht sagen. Mit Ornithologie hat die Räumlichkeit jedenfalls nichts zu tun. Davon abgesehen darf sie gerne geheimnisumwittert bleiben. Es kursiert lediglich ein schwarz-weißes Foto, das einen bis auf ein Chesterfield-Sofa leeren Raum zeigt. Letzterer fasst maximal 15 Zuschauer. Es ist also ein sehr exklusives Vergnügen.

Welche Austragungsorte hast du darüber hinaus auf dem Plan?

Die ersten drei Locations stehen schon fest. Folge eins, wie gesagt, im Falkenzimmer. Im Februar zeichnen wir dann in der Bilker Programmvideothek „Filmgalerie“ auf – das war ein Herzenswunsch von mir und hat glücklicherweise auch geklappt. Und die März-Sendung kommt aus dem „4Wände Marie“ in Flingern, einem Laden für Vintage-Möbel und Mode, in dem abends regelmäßig auch Kulturveranstaltungen stattfinden.

Und wer kann mit einer Einladung in die Abbey Stand Show rechnen?

Um ehrlich zu sein: Ich habe noch niemanden eingeladen (Stand: Ende November, die Red.). Ich hätte aber auf jeden Fall gerne auch Leute aus der direkten Umgebung der jeweiligen Show. Es müssen nicht zwangsläufig Menschen sein, die etwas in Sachen Medienkultur machen. In Flingern gibt es zum Beispiel ein kleines Fischrestaurant, das von zwei Schwestern betrieben wird. Wenn die beiden meine Gäste in der Show wären, könnte ich mit ihnen beispielsweise über die Entwicklung des Stadtteils sprechen, denn ihre Gaststätte gibt es schon seit Jahrzehnten.

In deinem Konzept (liegt der Redaktion vor) steht, dass du mit deinen Gästen „musizieren oder gemeinsam mit ihnen Szenen aus ihrem Alltag nachspielen“ möchtest. Klingt nach Rollenspiel. Soll die Sendung auch eine therapeutische Funktion erfüllen?

Eigentlich nicht. Aber es ist doch eine andere Art der Bewusstwerdung. Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere: Da konnte man es doch gar nicht erwarten, mit den Hausaufgaben fertig zu sein und die Schule einfach vergessen zu können. Trotzdem gab es Kinder, die, wenn sie alles fertig hatten, Schule gespielt haben. Auf die „Abbey Stand Show“ übertragen bedeutet das: Der Druck ist weg. Ich bin ja keiner Redaktion oder keinem Sender verpflichtet. Nur hat das bei mir wahrscheinlich andere Auswirkungen, als es bei anderen hätte. Andere würden vielleicht gar kein Halten mehr kennen. Bei mir hingegen wäre denkbar, dass die Struktur der Show noch ausgeprägter ist als unter „professionellen“ Bedingungen. Dennoch: Ich möchte gerne Sachen machen, die ich immer schon mal machen wollte, die man aber so nicht durchkriegt, weil die Leute einem sagen würden ‚dafür ist das Publikum nicht da’.

Kannst du das konkretisieren?

Klar. Zum Beispiel werden ja heutzutage kaum noch Lieder extra für eine Show geschrieben. Viele würden sagen: Das ist definitiv nicht zeitgemäß. Heute geht es ja eigentlich immer darum etwas zu verkaufen. Wenn eine Band in eine Show geht, spielt sie immer die aktuelle Single. Das ist gut für den Verkauf und das Publikum möchte es vermutlich auch so. Bei mir ist die Hoffnung da, dass das Ganze umgekehrt läuft und aus dem Singspiel, das man extra für die Show gemacht hat, die nächste Single wird.

Die darstellende Kunst entsteht für den Moment und genau das macht ja oft auch ihre Magie aus. Inwiefern verändert sich dein Agieren in dem Wissen, dass alles, was du sagst und tust, aufgezeichnet wird?

Ich habe ja in der Vergangenheit auch schon Filme gemacht. Aber das ist natürlich insofern was anderes, dass man das Material hat und dann hinterher im Schnitt entscheidet, welche Einstellung man nimmt. Die Show hingegen soll in ihrer Gesamtheit aufgenommen und eigentlich auch ins Netz gestellt werden. Es kann natürlich sein, dass mir Rechte, zum Beispiel für Musik, im Nachhinein abgesprochen werden. In dem Fall müsste ich mir dann überlegen, ob ich es schneide oder ob das Bild dann vielleicht einfach 3:20 Minuten schwarz bleibt. Letzteres finde ich künstlerisch sehr reizvoll.

Abschließend gefragt: Wo möchtest du in einem Jahr mit der Show sein?

In einem Jahr? Nun ja, ich hoffe, dass mir google ein Angebot von 1,3 Milliarden für die Show macht, sodass ich sie einfach verkaufen kann. Meine Rolle als Abbey Stand soll dann von George Lazenby (James Bond-Darsteller in „Das Geheimnis ihrer Majestät“, die Red.) gespielt werden.

Das Interview führte Alexandra Wehrmann.

Kartenreservierungen unter abbeystandshow@web.de

samirkandil.de