Der Ratinger Hof des 21. Jahrhunderts

Prof. Dr. Dirk Matejovski

Wenn es um Fragen der Populärkultur geht, ist Prof. Dr. Dirk Matejovski der richtige Ansprechpartner. Doch nicht nur als Professor am Institut für Medien- und Kulturwissenschaft der Düsseldorfer Heine-Uni ist Matejovski vielen Studenten bekannt. Der Wissenschaftler ist auch des Öfteren im Salon des Amateurs anzutreffen. Kein Wunder also, dass das von Matejovski geleitete, studentische Projekt „Resonanzräume“ gerade dort angesiedelt ist. Ziel der im letzten Jahr begonnenen Veranstaltungsreihe ist die Verknüpfung von Wissenschaft und Kunst, Stadt und Universität. In Lecture Performances, Vorträgen und Konzerten dreht sich diesmal alles um „Urban Sounds“. Nadine Beneke hat Matejovski an seinem Arbeitsplatz getroffen und sich von ihm erklären lassen, was es mit den städtischen Klängen auf sich hat.

Wie entstand die Idee zu den „Resonanzräumen“?

Die Idee, sich mit den Fragen rund um das Thema des Akustischen zu beschäftigen, wofür das Lehr- und Forschungsprojekt „Resonanzräume: Medienkulturen des Akustischen“ ja steht, hat zwei Phasen durchlaufen. Die erste Phase bestand darin, dass wir hier am Institut in einer Gruppe von jungen Wissenschaftlern eine Lücke bemerkt haben, die sich in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Akustischen nachzeichnen lässt. Festgestellt haben wir, dass es innerhalb der Medienwissenschaften ein klar konturiertes Feld der „Visual Studies“ gibt, die sich einerseits mit Film und andererseits ganz allgemein mit der Kultur der Bildwissenschaft beschäftigen. Was allerdings noch keinen Platz gefunden hat innerhalb der Medien- und Kulturwissenschaft ist die Auseinandersetzung mit akustischen Phänomenen. Das hat seine Gründe. Zum einen liegt es daran, dass das Feld der Akustik in der Vergangenheit der Musikwissenschaft zugeordnet war und das alles, was darüber hinaus geht, disziplinär dann nicht verankert war. Gleichwohl gibt es sehr viele Forschungsaktivitäten und Auseinandersetzungen mit diesem Thema und wir haben uns zur Aufgabe gemacht eben das, was man als Acoustic Turn, Sound Studies, Kulturtheorie des Akustischen, auditive Forschungen benennen kann, hier zu betreiben. Das war sozusagen die erste Phase. Es gingen Lehrveranstaltungen und Dissertationen zu dem Thema damit einher. Und das Zweite war, dass wir auch den Studierenden die Gelegenheit geben wollten, sich aktiv an Forschungen zum Thema der Akustik einzubringen und ihre Forschungsergebnisse selbst öffentlich zu präsentieren. Meist werden ja die Arbeiten der Studierenden „nur“ für die Benotung bzw. „Schublade“ des Dozenten verfasst. Bei den „Resonanzräumen“ können sie ihre Ergebnisse in der Öffentlichkeit mit Wissenschaftlern und Klangkünstlern diskutieren, was in der Regel zu einer intensiven Weiterbeschäftigung mit dem Thema führt. Außerdem erhalten die Studierenden erste Eindrücke nicht nur in punkto wissenschaftlicher Arbeit. Bei den Kooperationen mit dem Schumannfest 2012 oder dem ersten Symposium des „Open Source Festivals“ einen Tag vor dem eigentlichen Festival richteten die Studierenden unter Anleitung eines Dozenten selbst die Vortragstage aus und machten wertvolle Erfahrungen im Bereich des Kulturmanagements. 

Das Projekt läuft jetzt seit einem Jahr. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Mit solchen Zwischenbilanzen, wenn sie positiv ausfallen, muss man als Veranstalter des Ganzen immer vorsichtig sein, sonst haben sie den unangenehmen Unterton der Selbstanpreisung. Aber wenn man von den zwei Hauptzielsetzungen ausgeht, unseren Studierenden die großen Kulturtheorien des Akustischen zu vermitteln, und sie wissenschaftlich und organisatorisch mit einzubeziehen, dann ist das sicherlich im großen Ausmaß gelungen. Die Studierenden haben in Lehrveranstaltungen, individuellen Projekten und in Kooperation mit anderen kulturellen Einrichtungen und Projekten gezeigt, dass sie sich für dieses Thema interessieren und dass sie ihre eigene Kreativität entfalten können. Die zweite Zielsetzung unseres Projektes war es, mit einer solchen Fragestellung den Binnenraum der Universität zu verlassen, mit den Veranstaltungen eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und mit Veranstaltungen auch Kooperationsmodelle zu entfalten. Das ist uns auch sehr gut gelungen. Wir haben im Salon des Amateurs, aber auch in der Tonhalle in Kooperation mit dem Schumannfest eine Teilnehmergruppe erreicht, die über diejenige der Universität hinausgeht. In der ersten Projektphase haben wir mit den „Resonanzräumen“ den Grundstein gelegt für sicherlich andauernde Kooperationen, mit dem „Open Source Festival“, mit dem Salon des Amateurs oder mit der Kunsthalle selbst und wir können sagen, dass der Brückenschlag in die Stadt, zu den Bürgern, aber auch zu Institutionen in vielem gelungen ist.

Die Laufzeit des Projekts soll zwei Jahre betragen. Ist dies auch weiterhin so geplant?

Erst einmal ja. Wir werden sehen, wie sich das Projekt weiterentwickelt. Mit dem Abschlag der 24 Monate möchten wir aber nicht alle Aktivitäten und Forschungen zu diesem Thema einstellen. Das Projekt ist nämlich auch angebunden an die Forschungsaktivitäten junger Wissenschaftler. Wir sind zuversichtlich, dass die Marke „Resonanzräume“ über diese Zeit hinausgeht und weiterhin Präsenz hat.

Was erwartet die Besucher im laufenden Wintersemester?

Ein besonders faszinierender Forschungszweig innerhalb der Sound oder Acoustic Studies beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Lokalität und Geografie der Klänge. Gemeint sind damit Themen wie der Klang der Städte, die „Lärmkultur“ der Stadt oder auch electronic beats einer stadtbezogenen Soundgenealogie. Diese Fragestellung wird unter zwei Aspekten verhandelt. Zum einen gibt es ja Begriffe wie „Chicago House“, „Detroit Techno“, „Balearic Beat“ und ähnliches. Das heißt, es gibt musikalische Gattungen, Musikstile und Soundcluster, die an bestimmte Städte gebunden sind. Die Geschichtsschreibung ist beispielsweise gerade dabei, unter dem Stichwort „hearing history“ zu rekonstruieren, wie die Städte nach der Industrialisierung versucht haben, ihre Lärmumwelten zu regulieren. Das ist ein Forschungszweig unter vielen. Ein anderer Zugang zu diesem weiten Themenfeld, bei dem versucht wird, spezifische Soundausarbeitungen von Städten nachzuzeichnen, lässt sich in dem Buch „Der Klang der Familie“ nachlesen. Es geht in diesem Buch um Fragen wie: Klingt Düsseldorf anders als Berlin oder Hamburg? Und wenn das so ist, wie klingt das dann? Das sind im weitesten Sinne Fragestellungen, die auf das Türöffnen von John Cage zurückgehen, der, wenn man so will, das Soundenvironment, das nicht-intentionale Geräusch hoffähig gemacht hat. Sie kennen Cages berühmtes Zitat, der sinngemäß gesagt hat: „Beethovens Sinfonien hören sich immer gleich an, aber wenn ich die Straßengeräusche höre, ist das immer etwas anderes.“ Und die Frage, wie dieses Andere nicht gleichbleibt, beschäftigt uns im kommenden Semester. In einer Reihe von Vorträgen versuchen wir diesem Problemkomplex nachzugehen. Einerseits geht es um das Konstruierte, andererseits um das Nicht-Intentionale, und für das Konstruierte spricht beispielsweise Jürgen Teipel, der gerade das zehnjährige Jubiläum seines Buches „Verschwende Deine Jugend“ feiert. Darin geht es um lokale Musikentwicklung im Rheinland. Umgekehrt werden wir auch andere Referenten haben, die aus wissenschaftlicher Sicht versuchen, nicht-intentionale Sound-Environments von Städten zu beschreiben, darunter Holger Schulze von der Universität der Künste (UdK) in Berlin oder Julian Rohrhuber vom Institut für Musik und Medien (IMM) hier in Düsseldorf.

Einige Vortragende haben Sie bereits erwähnt. Wie sieht das Programm im Einzelnen aus?

Wir haben ja ganz verschiedene Zugänge zu dem Thema der Lokalität und Geografie städtischer Soundkulturen. Vor allem aber interessiert uns die Sicht der Künstler auf dieses Phänomen und selbstverständlich auch die akademische bzw. musik- und medienwissenschaftliche Einordnung und Fragestellung auf dieses Phänomen. Eingeladen ist für den künstlerischen Bereich Jörg Steinmann, ein bekannter Düsseldorfer Klangkünstler, der am 13. Dezember in den Salon des Amateurs kommt. Er bereitet etwas vor zu den „sozialen Resonanzen in der Stadt“ während am selben Abend Iris Dankemeyer, Expertin für erste Radiokulturen, einen Vortrag zur Verstädterung der Ohren hält. Das Radio der dreißiger Jahre hat schließlich den musikalischen Sound der Stadt auf das Land getragen. Über diese Urszene dieses Massenmediums wird sie sprechen. Jürgen Teipel, allen bekannt als der Autor des Buches „Verschwende Deine Jugend“, das vor mittlerweile zehn Jahren erschienen ist, wird am 17. Januar über seine Impressionen zu „glücklich machenden Stadtsounds“ sprechen. Die Performance-Künstler und Architekten Olaf Schäfer und Valerie Merlini werden am 31.1. eine Performance zu städtischen Klang-Architektur umsetzen, während Holger Schulze, Professor für Sound Studies an der UdK Berlin,  über die städtische Situation des Klanges anthropologisch referieren wird. 

Und was genau tragen die Studierenden bei?

Die Studierenden präsentieren am 4. Februar die Ergebnisse aus ihrem Seminaren und Workshops. Sam Auinger und Phillip Schulze, zwei bekannte Klangkünstler, werden dabei mit Aufnahmegeräten die Klangspezifität von Düsseldorf ausarbeiten und dann präsentieren. Außerdem wird es ein Konzert mit der Band Kreidler geben, die ja bekannt sind für ihren Düsseldorfer Minimal Sound. Alle weiteren Veranstaltungen sind auf unsere Homepage resonanzraeume.com zu finden. Die Veranstaltungen sind immer donnerstags um 20.30 Uhr.

Was unterscheidet die „Resonanzräume“ eigentlich von einer universitären Veranstaltung, also einem Seminar oder einer Vorlesung?

Unser Projekt hat ja im Wesentlichen eine feste Dramaturgie: Die Referenten halten dann nicht einen Solovortrag, sondern die Vorträge sind jeweils gekoppelt an Performances, Klanginstallationen und gelegentlich legt auch ein DJ auf. Die ganze Veranstaltung wird jeweils moderiert, meistens von mir, und in eine Gesamtfragestellung eingebunden. Zu einem Alleinstellungsmerkmal haben sich die künstlerischen Darbietungen herausgestellt. Nicht zu vergessen ist der ausgeprägte lokale Bezug. Die Musikstadt Düsseldorf hat ja eine große Tradition, wenn man an Mendelssohn und Schumann denkt, aber eben auch Kraftwerk, DAF und die Krupps spielen für uns eine große Rolle. Kreidler und Stabil Elite natürlich auch. Da ist der Salon des Amateurs eben auch genauso wichtiger Ort, weil man sagen kann, dass hier schon wieder Geschichte gemacht wird. Für uns ist der Salon des Amateurs der Ratinger Hof des 21. Jahrhunderts.

Thematisch gibt es ja diesmal einen starken Lokalbezug. Wird es ähnlich weitergehen?

Das Oberthema, das wir für die nächste Zeit gewählt haben, Local oder Urban Sounds, beinhaltet auch, dass wir uns mit unserer Arbeit stärker auf die spezifischen Musiktraditionen in Düsseldorf fokussieren werden. Gerade zu Beginn des kommenden Jahres wollen wir uns mit den weit ausstrahlenden Musiktraditionen der Stadt beschäftigen, insbesondere im Bereich der Elektronik. Vielleicht entsteht ja auch ein kleinerer Kongress zu diesem Thema, der sich aus historischer, wissenschaftlicher und rezeptionsästhetischer Perspektive mit jenen elektronischen Bands beschäftigt, die als Pioniere der elektronischen Musik gelten.

Das scheint gut zu den Plänen des NRW-Forums zu passen, die für das nächste Jahr eine Kraftwerk-Ausstellung planen. Ist eine Kooperation angedacht?

Bis dahin ist noch Zeit, Genaueres kann ich Ihnen dazu noch nicht sagen.

Vor kurzem hat die VivArte-Stiftung das Projekt „GarART“ ins Leben gerufen. In dessen Rahmen sollen Kulturveranstaltungen bewusst abseits der ausgetretenen Pfade stattfinden. Ist eine derartige Vorgehensweise nicht unerlässlich, wenn man sich neue Zielgruppen erschließen möchte?

Wir haben ja bereits viele andere Zielgruppen als das klassische Unipublikum erreicht. So waren wir auf dem „Open Source Festival“ vertreten sowie auf dem Schumannfest 2012 und auf der Raketenstation Hombroich. Künstler und Musikinteressierte aller Couleur, also sowohl das Stadtpublikum, die Studierenden der Kunstakademie, Professoren und Künstler, Musizierende und Musikstudenten gleichermaßen, haben uns bei unseren Kooperationen besucht und das Feld des Akustischen auf verschiedenen Wegen kennengelernt und uns immer ein sehr positives Feedback gegeben. Mehr kann man sich einfach nicht wünschen.

Wie wurden Sie selber musikalisch sozialisiert?

Über Punk/ Postpunk und Elektronik hin zu House und Techno.

Wie klingt Ihr ganz persönlicher „Sound of Düsseldorf“?

Kraftwerk, DAF, Liaisons Dangereuses und Kreidler. Neben diesem musikalischen Sound gibt es auch den naturwüchsigen Umweltsound Düsseldorfs, zum Beispiel das dumpfe Brummen, das man hört, wenn man sich an Wochenenden aus der Ferne der feiernden Menschenmenge auf der Ratinger Straße nähert. 

resonanzraeume.com