Büchnerzeiten

| Foto: Sebastian Hoppe

Der Dichter, Naturwissenschaftler und Revolutionär Georg Büchner wurde nur 23 Jahre alt. Aber er hinterließ ein gewaltiges Werk, darunter „Dantons Tod“, „Woyzeck“ oder „Lenz“. Rund 175 Jahre später erinnert Autor und Regisseur Falk Richter in seinem Projekt „Büchner“ daran, dass unser Leben nach wie vor den gleichen Ansatz zur Empörung birgt.

Der Mensch reibt sich auf, unterwirft sich und andere, er entsteht und er zerfällt aus Wut, Ohnmacht, Angst und Aufbegehren. Das Ensemble ist erfrischend jung und gibt alles. Emre Aksizoğlu, Olaf Johannessen, Xenia Noetzelmann, Aleksandar Radenković, Judith Rosmair, Ingo Tomi und Thomas Wodianka spielen mit mitreißender Leidenschaft und Überzeugungskraft. Glaubhaft werden Büchners Worte ebenso wie Richters Texte neben Zitaten von Theodor W. Adorno, Heiner Müller oder Occupy-Repräsentanten durch die Zeitzonen getragen. Die Fragmente fügen sich hervorragend zum gegenwartsbezogenen neuen Ganzen. Damals war wie heute. Und das wird so sein, solange es Menschen gibt. Der Markt zerreibt uns, wir begehen Selbstmord durch Arbeit. Nicht nur der alte Woyzeck ist zerhetzt, sondern die ganze Welt. Die Gesellschaft hofft auf ihren Anteil kleinen Glücks beim Urlaub auf Formentera oder bei einer Kiste Bier. Selbst, wenn wir im aufkommenden Zorn die Messer wetzen, ist das Gros der Menschheit ausreichend domestiziert. Es wird nur selten bis zum Äußersten gegangen. Notfalls hilft die doppelte Dosis Thorazin.

Falk Richters Verdichtung von Büchners Werk zu einem mehrstimmigen Textkörper ist ihm mehr als gelungen. Es gilt in erster Linie das gesprochene Wort, das hier mit aufregender Intensität die Ambivalenz des Seins verkörpert. Doch auch die Bühne (Katrin Hoffmann) bebt. Es wird hervorragend mit allen Mitteln gearbeitet. Sparsam sind die Einsätze der kühl-harschen Kompositionen Ben Frosts. Videoprojektionen zeigen vergebliche Widerstandsversuche gegen das System. Projektionen und eine aktive Theater-Maschinerie unterstützen die, teils in Sprechchören präsentierten, wuchtigen Texte. Sämtliche Darsteller bewegen sich dynamisch und energiegeladen durch die teils beinahe tänzerische Inszenierung. Und doch, trotz aller Kampfkraft, Lenz gibt sich auf zum Ende. Das tut richtig weh. Es ist beinahe wie ein Ende aller Hoffnung.