Hairspray: Schöne, bunte Ausgrenzungswelt

Im Kampf gegen Oberflächlichkeit. | Foto: Fotografie Björn Hickmann / Oper Dortmund

„Niemand stoppt den Beat“ – genauso wenig, wie jemand die Weiterentwicklung der Gesellschaft stoppen kann, wenn überzeugte Menschen auf der richtigen Seite stehen. Und ja, wenn es um das Thema Rassismus und Integration geht, gibt es eine richtige Seite. Das Theater Dortmund hat sich nicht ohne Grund entschieden, dieses Jahr Hairspray als Musical in den Spielplan zu nehmen. Ein schillernd-bunter Stoff, der aber viele Missstände in der Gesellschaft aufdeckt – eigentlich in den USA der 60er-Jahre, aber auch im Europa der heutigen Zeit. Regisseurin und Choreografin Melissa King ist ein wunderbare Symbiose gelungen: ein in pastellige Glitzerwatte verpackter Kampf gegen Ausgrenzung.

Marja Hennicke spielt Tracy Turnblade, ein pummeliges Mädchen mit viel zu hoch toupierten Haaren, das eigentlich nur mit den Nicest Kids in Town, vor allem mit Link, in der Corny Collins Show tanzen möchte. Wegen ihres Aussehens und ihrer Einstellung, dass eigentlich jeder Tag Negro Day in der Show sein sollte, rennt sie allerdings nicht unbedingt offene Türen ein. Denn Rassentrennung einerseits und oberflächlicher Schönheitswahn sind in ihrer Lieblingsfernsehshow an der Tagesordnung. Als Tracy Seaweed und die anderen Tänzer des Negro Days beim Nachsitzen kennenlernt, beschließt sie den Kampf aufzunehmen. Sie kann einfach nicht verstehen, warum Schwarze nur an einem Tag im Monat bei der Show mitmachen dürfen.

Die Moves von Seaweed sind einfach cooler. |Foto: Fotografie Björn Hickmann / Oper Dortmund

Mehr als Rassenhass

Doch nicht nur Rassenhass ist das Thema von Hairspray: Es ist die Akzeptanz von Anderssein an sich. Die Turnblades verkörpern ganz wunderbar viele Facetten: Marja Hennicke als immer optimistische Tracy, die mit ihrer Figur und ihrer hochtoupierten Frisur in der Schule aneckt. Ihr Vater Wilbur (Fritz Steinbacher), der als kleiner schmächtiger Scherzartikelverkäufer als überraschend großer Fels in der Brandung hinter ihr steht und ihre Mutter Edna, die nichts mit dem Fortschritt der 60er-Jahre anfangen kann und im Gegensatz zu Tracy nur ungern auf die Straße geht.

Keine lustige Transe

Hannes Brock, Kammersänger der Stadt Dortmund, spielt Edna – die Rolle wird traditionell von einem Mann besetzt – und bringt das Sich-anders-fühlen damit auf die Metaebene. „Ich denke einfach, dass diese Besetzung eines Mannes in Frauenkleidern, das Sich-Fremd-Fühlen von Enda noch verstärkt zum Ausdruck bringt“, sagt er im Programmheft-Interview. Er habe versucht, die Rolle nicht als lustige Transe anzulegen. Und das ist ihm auch gelungen. Es wird übrigens die letzte große Musicalproduktion sein, in der Brock als Kammersänger der Stadt zu sehen sein wird. Nach 45 Jahren im Beruf möchte er die Verantwortung einer großen Rolle ablegen. Als Gast wird Brock aber sicherlich noch zu sehen sein. Hairspray sieht er als kleines Abschiedsgeschenk, die Rolle der Edna wollte er schon immer spielen. Genauso wie Hennicke Tracy als Traumrolle sieht. Sie sind nicht die einzigen, die mit Hairspray wesentlich mehr verbinden, als einen Job: Deborah Woodson spielt Motormouth Maybelle, die Moderatorin des Negro Days. Die Sängerin verleiht als Zeitzeugin dem Musical noch eine zusätzliche Tiefe. Sie erinnert sich noch daran, wie ihre Familie in den USA keinen Kontakt zu ihren weißen Nachbarn hatte und Schwarze und Weiße in einem Auto nicht in der selben Reihe sitzen durften.

Es sind all diese Kleinigkeiten, die aus der Dortmunder Inszenierung nicht nur eine unterhaltsame sondern auch greifbare Geschichte machen, die bei aller Ernsthaftigkeit der Themen nie ihren Humor, ihren Drive und – eben – ihren Beat verliert. Irmine Estermann


Info:

Ab dieser Spielzeit haben 14 bis 26-Jährige übrigens die Möglichkeit Theaterabende mal unverbindlich auszuprobieren: Bei der Aktion „Getestet“ können junge Menschen kostenfreie Tickets für eine Produktion erhalten. Die ersten zehn, die sich anmelden, erhalten eine Karte. Die erste Produktion ist Hairspray am 18. November im Dortmunder Opernhaus. Anmeldungen gehen an Laura Mettenbörger unter lmettenboerger@theaterdo.de

Weiterlesen:

Theaterkarree 1-3, Oper Dortmund

Musical Hairspray: Marlerin Marja Hennicke spielt ihre Traumrolle

In einer alten Lagerhalle bereitet sich Marja Hennicke gerade mit viel Energie und voller Vorfreude auf ihre Rolle vor: Ab dem 21. Oktober ist die Marlerin als Tracy in Hairspray im Opernhaus Dortmund zu sehen. Eine Traumrolle, die ihr viel abverlangt und ein Musical, das mehr ist, als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Über ihr Ruhrgebiet-Debüt hat sie mit Irmine Estermann gesprochen. [mehr...]


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