Der Wahnsinn rockt das Ruhrgebiet – das Wolfgang-Petry-Musical

Musical-Weltpremiere in Duisburg. Mit seinen Schlagern hat Wolfgang Petry die Massen bewegt. Nun kehren die größten Hits in seiner Herzensheimat auf die Bühne zurück. Wahnsinn erzählt im Theater am Marientor die Geschichte von Malochern, die gemeinsam durch dick und dünn gehen – in einer Region, in der nur die Freundschaft zählt.

Ruhrgebiet war seine Hymne an den Pott, seine Hommage an die Menschen mit dem Herzen aus Gold und der Seele aus Stahl. Er hat das Revier zu seiner Heimat erklärt, die Leute haben ihn mit offen Armen aufgenommen und nicht wieder losgelassen. „Wolfgang Petry hat hier seine größte Fan-Basis. Seine Musik und seine Texte sind so authentisch, dass sie die Mentalität der Menschen spiegeln“, sagt Gil Mehmert. Mit einem Musical möchte der Regisseur dem Schlagerstar dort ein Denkmal setzen, wo er hingehört. „Die Petry-Welt spielt im Pott und deshalb muss der Wahnsinn auch dort stattfinden.“

Wolfgang Petrys Hits kommen auf die Musical-Bühne. | Foto: Manfred Esser

Slang ausleben

Die Bühne für die Weltpremiere liefert das Theater am Marientor. Für die Duisburgerin Jessica Kessler ein Sehnsuchtsort. „Seit ich als Schülerin Les Misérables gesehen habe, war mir klar: Dat möchte ich auch. Und nun darf ich in meiner Rolle sogar meinen Ruhrgebiets-Slang richtig ausleben – damit geht ein Traum in Erfüllung.“ Die Hits von Wolfgang Petry gehörten für die 37-Jährige schon immer zu jeder Party – besonders die Hymne Ruhrgebiet. „Das ist mein absoluter Lieblingssong. Zur Vorbereitung habe ich mir das Konzert auf Schalke angeschaut und eine Gänsehaut nach der anderen bekommen.“

Berührt hat Jessica Kessler mit ihrer Interpretation der Ballade Nichts von alledem aber auch Wolfgang Petry selbst. Der kam zum ersten Workshop des Ensembles, um herauszuhören, ob das Musical den Ton trifft. „Er war sehr aufgeschlossen und sofort begeistert. Für mich war es ein Erlebnis“, betont Jessica Kessler. Sie kann es kaum erwarten, als Gabi die Ruhrpott-Tussi heraushängen zu lassen. Mit ihrem Mann Karsten, der einst richtig rockte und nun auf dem Schrottplatz schuftet, war sie auch schon mal glücklicher. Während sie sich den Kerl zurückwünscht, in den sie sich mal verliebt hat, unterstützt sie die hochfliegenden Pläne von Sohn Tobi, der nur  davon träumt, als Musiker Karriere zu machen.

Bodenständige Charaktere

„Natürlich glaube ich daran, alles besser machen zu können als mein Vater, und bin überzeugt davon, ein großer Rockstar zu werden“, beschreibt Thomas Hohler seine Rolle. Der überzeugte Bottroper kann sich mit den bodenständigen Charakteren sehr gut identifizieren. „Es ist eine Geschichte über Menschen wie du und ich, über ihre alltäglichen Probleme und Sorgen.“  Die vier Paare aus dem Malocher-Milieu sind Typen, die auch aus seiner Nachbarschaft kommen könnten. Ihre unverblümte Direktheit macht für den 32-Jährigen den Charme des Reviers aus. „Wir haben nicht die schönsten Bauwerke und nicht die ältesten Burgen, aber wir sind mit jedem sofort auf einer Ebene, wo wir miteinander können. Ganz unkompliziert.“ Trotz bundesweiter und internationaler Engagements hat er sich bewusst entschieden, seinen Wurzeln treu zu bleiben, der Auftritt in Duisburg ist für ihn ein Heimspiel. „Meine Mutter ist schon ganz nervös und für mich ist es etwas Besonderes, bei meinen Leuten zu sein und auch mal eben vorbei kommen zu können, weil ich vor Ort bin.“ Im Theater am Marientor stand er bereits als Zehnjähriger in Les Misérables auf der Bühne und es reizt ihn, als Rocker zurückzukehren. „Wir werden einen geilen Abend haben.“

Detlef Leistenschneider und Jessica Kessler (oben) und Dorina Garuci und Thomas Hohler spielen im Musicaln die Hauptrollen. |Fotos: Thomas Brill

Davon ist auch seine Kollegin Carina Sandhaus überzeugt. „Der Wahnsinn rockt das Revier. Wolle gehört in den Pott und die ehrliche, echte Art seiner Texte wird einschlagen – nicht nur bei den Schlagerfans.“ Die 44-Jährige aus Datteln, die als Jessica unverhofft ihrer Jugendliebe wiederbegegnet, war selbst überrascht von den verschiedenen Facetten der zum Teil neu arrangierten Titel und Texte. „Es macht unglaublich viel Spaß, diese Musik zu singen. Das hätt‘ ich nie gedacht.“  Es komme auch niemand mehr davon los. „Die Lieder hat anschließend jeder für Tage im Kopf. Das schwöre ich. Mir ging es genauso.“

Herz auf der Zunge

Denn sie sind das Ruhrgebiet – genauso wie die Charaktere auf der Bühne. Wie zum Beispiel der einsame Wolf mit seiner maroden Kneipe, in der sich die Kumpel kopfüber in die Nacht fallen lassen. „Er ist eher der ruhige Typ“, sagt Schauspieler Mischa Mang. Für den Schlagzeuger und Heavy-Metal-Sänger ebenso ungewöhnlich, wie der Klangkosmos der Schlagerwelt. „Dort einzutauchen, war zunächst eine sehr kuriose Vorstellung. Doch während des Vorbereitungs-Workshops hat sich mir inhaltlich vieles erschlossen und meine eigenen Vorurteile widerlegt.“ Das Ruhrgebiet hat der Berliner auch gleich zu seinem Revier gemacht. Wo nur die Freundschaft zählt, fühlt er sich zu Hause. „Weil die Leute das Herz auf der Zunge tragen.“ Nur an die unzähligen Freundschaftsbändchen am Unterarm kann er sich noch nicht so recht gewöhnen. „Sie wärmen, aber ich bin auch froh, wenn ich sie ausziehen kann“, sagt Mischa Mang lachend.

Im Theater am Marientor ist Premiere. | Foto: Semmel Concerts Entertainment GmbH

Schnauzer abgelegt

Wolfgang Petry hat sie ebenfalls längst abgelegt, ebenso wie Karohemd, Schnauzer und Lockenmähne. „Auf der Straße hätte ich ihn nicht erkannt“, sagt Carina Sandhaus. Sie hat den Sänger als sehr offen und gleichzeitig geerdet kennengelernt. Diesen Eindruck kann Markus Wienstroer nur bestätigen. Der Gitarrist hat mehr als 500 Wolle-Titel eingespielt und manchen Abend mit ihm verbracht. „Er ist ein super netter, ehrlicher, aufgeschlossener Typ, der sehr humorvoll ist und mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Ein echter Kumpel eben.“ Die gemeinsamen Gespräche hätten sich häufig um Musik gedreht. „Wir waren ein Team und der Qualitätsstandard war immer sehr hoch. Viele Songs hatten eben nicht das gleiche Muster“, betont Markus Wienstroer. Bei Wahnsinn sitzt er in der Band mit auf der Bühne. Die Petry-Titel hat er alle noch in den Fingern, auch wenn manches in Duisburg anders klingt, als im Original. „Manches ist weicher, anderes härter, doch die Musik an sich ist so unverfälscht, dass sie die Menschen zu Hause abholt“, sagt Gil Mehmert. Als Ouvertüre ist Ruhrgebiet bereits gesetzt. Denn hier ist Wolles Heimat, hier gehört er hin.  Dominique Schroller

Termine:

21.02 - 29.04.2018 Duisburg
Theater am Marientor

02.05 - 13.05.2018 Berlin
Theater am Potsdamer Platz

16.05 - 27.05.2018 München
Deutsches Theater

Die Tour-Trailer zum Musical