Porno und Horror: Was Dortmunder Studis aus den harten Genres lernen

Dr. Christian Lenz forscht an der TU Dortmund u.a. zu Horror und Porno | Foto: Interviewpartner

Der Anglistik-Dozent Dr. Christian Lenz (33) forscht an der TU Dortmund zu Pornografie und Horror. In seinen Seminaren schreiben die Teilnehmer selbst erotische Texte und suchen in der Tagespresse nach realen Monstern. Immer wieder kommt Kritik: Diese Themen hätten an der Uni nichts zu suchen. Lenz sieht das anders – und die Studierenden auch.

Das aktuelle Vorlesungsverzeichnis lässt Seminare zu Horror und Porno vermissen – reicht es Ihnen etwa schon?

Nein, ich finde diese Themen immer wieder aufs Neue sehr spannend, faszinierend und wichtig! Die Menschen nehmen Horror und Porno an der Uni als neu und anders wahr und sind sehr interessiert. Dass ich dieses Semester andere Kurse anbiete, liegt daran, dass ich immer lange im Voraus planen muss und nicht mit so viel Interesse gerechnet hatte. Ich werde aber wieder zu diesen Themen zurückkehren.

Wie kann man mit Horror und Porno kulturwissenschaftlich umgehen?

Horror ist aus meiner Sicht ein wichtiges Thema, weil die Theorien, die wir da haben, sich aufs normale Leben anwenden lassen. Jede Gesellschaft kriegt das Monster, das sie verdient! Aus dieser Perspektive kann man etwa den Rechtsruck, den wir gerade spüren, analysieren und verstehen. Jeder guckt nur noch vor Fassaden. Wenn keiner mehr nachdenkt, kriegen wir die Parteien, die genau das nutzen. Wenn wir also im Seminar diskutieren, wie die Konstruktion von Monstern funktioniert, finden wir genau das in der Realität wieder. Da haben wir den „Immigranten, der uns die Jobs wegnimmt“. Wenn man diese Systeme verstanden hat, muss man nicht unbedingt „Dracula“ lesen, um ähnliche Mechanismen zu erkennen, sondern findet in der Tagespresse genug Beispiele. Kurse über fiktiven Horror können dann zu besserem Verständnis der Realität beitragen.

Was zeigen uns diese realen Monster?

Ich habe vor einiger Zeit einen Kurs über Bösewichte gegeben. Wir haben Klassiker wie „Dracula“ und „Beowulf“ besprochen und dann das tagesaktuelle Geschehen: Donald Trump, Frauke Petry, aber auch berühmte Massenmörder der englischen Geschichte. Es zeigt sich: Wir sind viel stärker geschockt von normalen Menschen als von fiktiven Monstern. Wenn ein Sexualstraftäter oder Mörder gefasst wird, heißt es: Der war doch immer so ein netter Nachbar! Das Bekannte wird durch das Unbekannte gestört, zerstört und verstört.

Also ist Ihnen in der Lehre vor allem der Alltagsbezug wichtig?

Ja, die Forschung ist hier sehr realitätsnah. Da sind viele überrascht, aber genau deswegen unterrichte ich diese Sachen. Dieses Semester gebe ich ein Seminar zu Männern in Krisen, in einem Roman geht es zum Beispiel um Selbstmordattentäter. Daran zeigt sich, dass Literatur einiges bewegen kann.

Am meisten für Furore gesorgt hat Ihr Seminar „Spilling Ink – Writing the Erotic“. Worum ging’s da?

Das Seminar hat sich aus einem anderen entwickelt, in dem es um die Geschichte der Sexualität ging. Die Studierenden fanden das sehr spannend und in dem Folgekurs zu Pornographie und Erotika wurden viele Varianten abgedeckt, vom vorviktorianischen Zeitalter bis hin zu „50 Shades of Grey“. Die Frage war: Was hat sich verändert? Und wir haben festgestellt: Eigentlich gar nichts. Im Seminar ging es dann darum, einmal selbst erotische und pornographische Texte zu schreiben. Einen eigenen Text und dann sollte ein existierender Text in Erotik oder Porno umgeändert werden. Das hat allen sehr viel Spaß gemacht.

Was bringt es denn, als Literaturwissenschaftler selbst zu schreiben?

Wenn man mal wirklich einen Porno schreibt, sieht man, wie schwierig es ist, die Mechanismen zu bedienen, die das Genre erfordert! Diese Erfahrung hat den Kurs einerseits aufgelockert und andererseits zu einigen Aha-Erlebnissen geführt.

Zum Beispiel?

Es gab die Aufgabe, Synonyme für „Penis“ und „Vagina“ zu finden. Das wurde anfangs noch belächelt, dann aber richtig schwierig! Also kreative Begriffe zu finden, die sich nicht total behämmert anhören. Es gibt eine Grenze, an der Sexiness in Klischee und Lächerlichkeit umschwenkt. Die Studierenden sollten dann einen Klappentext für ein Buch entwerfen, dabei stellte sich heraus, wie schwer es ist, an der Grenze des guten Geschmacks zu bleiben. Wenn man das mal selbst gemacht hat, kann man es viel mehr wertschätzen, einen Roman zu lesen, der diese Gratwanderung schafft. Das ist übrigens auch so eine Sache: Alle haben gedacht, wir würden die ganze Zeit Pornos gucken. Tatsächlich haben wir aber Pornos gelesen.

Wie war denn die Atmosphäre im Kurs?

Entspannt, aber respektvoll! Darüber war ich sehr froh, denn das war mir besonders wichtig. Wenn man über Pornos spricht, verwendet man selbst bestimmte Wörter, die sehr verletzend wirken können, wenn man sie im falschen Kontext benutzt. Beide Kurse, die ich gegeben habe, waren aber sehr achtsam. Man konnte über Fisting und Analverkehr reden, ohne, dass es Probleme gab. Das trägt zu einer guten Lernatmosphäre bei. Natürlich darf man aber auch einfach mal lachen.

Das Seminar soll auch angehenden Lehrern etwas bringen. Was?

Schülerinnen und Schüler werden immer früher geschlechtsreif, möchten Sachen ausprobieren – und kommen früh in Kontakt mit Pornographie. Das geht schon in der Werbung los, wenn zwei Münder in extrem sexualisierter Form an einer Cola-Flasche nuckeln. Wenn sich angehende Lehrer da einmal Gedanken gemacht und über die harten Fakten wirklich geredet haben, dann schockt sie später nichts mehr. Älteren Schülern kann man zeigen, dass es mehr gibt und eine erotische Kurzgeschichte mitbringen. Und nicht zuletzt ist es ja auch eine nette Abwechslung zu Shakespeare.

Dabei mussten Sie auch schon Kritik aushalten. Manche sagen, Themen wie Horror und Porno seien an der Uni fehl am Platz.

Deutschland ist traditionell das Land der Dichter und Denker, aber die haben wir nicht mehr. Wir haben uns davon verabschiedet, dass wir geisteswissenschaftlich arbeiten, neoliberal gedacht geht’s immer ums Geldmachen. Geisteswissenschaftler stellen Fragen, suchen Antworten, das hat selten mit Geld zu tun. Tatsächlich kommt manchmal die Reaktion: Wie kann man sowas an der Uni unterrichten? Da denke ich jedes Mal: Ja, wie soll man‘s denn sonst lernen?

Es gibt also Nachholbedarf?

Es fängt ja schon da an, wo gemischtgeschlechtlicher Aufklärungsunterricht an Schulen abgelehnt wird! Und dann zeigen Studien, dass Jugendliche Pornos für die Realität halten. Unis sollen für freies Denken da sein, da muss man diese Themen behandeln dürfen. Es gibt Menschen, die nicht möchten, dass sich etwas ändert. Aber die Welt ändert sich eben ständig und muss immer wieder neu verstanden werden.

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