„Tatort“ Kneipe: Rudelgucken im Revier

Jetzt sogar wissenschaftlich bewiesen: Nach einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Studie „vermittelt der ARD-Tatort den Zuschauern Geborgenheit“. Und wo lässt sich dieses Gefühl besser erleben als an einem Sonntagabend in deiner Kneipe um die Ecke? coolibri-Reporter Marc Burger auf Motiv- und Spurensuche in Sachen Public Mörderjagd.

Gästefragebogen

Zwei Drittel der Besucher ist zwischen 20 und 30 Jahren alt, weiblich/männlich halbe-halbe, der Rest gehört zur Generation Ü30/Ü40. Die Hälfte gibt zu, sich den Stoff „immer“ bzw. „regelmäßig“ reinzuziehen, oft mit durchsichtigen Vorwänden wie „Nette Leute treffen“, „Man bringt mir Bier“, „Ich habe zuhause keinen Fernseher“. Ihre Helden in der TV-Wirklichkeit sind St.-Pauli-Fan Thiel & der schräge Gerichtsmediziner Boerne aus Münster (Axel Prahl/Jan Josef Liefers, 39 %), Ballauf & Schenk aus Köln (Klaus J. Behrendt/Dietmar Bär, 25 %).

Voll doof finden sie die Bullerei aus Saarbrücken, Leipzig, Wien und „diese Trantüte vom Bodensee“; die Darsteller Til Schweiger oder Maria Furtwängler gehen im Revier schon mal gar nicht. Das neue Dortmund-Team um „Wut-Cop“ Faber (Jörg Hartmann) ist super, „weil Bilder aus der Region, also sehr gut“ – ein gediegener Lokalpatriotismus als Geschmacksurteil, den nur ein Bochumer nicht nachvollziehen kann: „Dortmund ist scheiße“. Die am Tag unserer Umfrage (6.10.) gezeigte Folge mit Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) bewerten völlig ausgewogen je ein Drittel als „gut“, „ging so“ und „grottenschlecht“.

Warum guckst du?

Beziehungsdramen, Kindesmissbrauch, Organisierte Kriminalität, Mobbing bis zum bitteren Ende: Fast 900 Folgen lang in 43 Jahren hat die Serie die ganze Welt von Konkurrenz und Gewalt, privater Leidenschaft und verletzter Ehre durchgenudelt – und die Gemeinde wächst, gerade die der Auswärtsgucker. Sonntagabend ist Tatortabend! Nicht Blutrünstigkeit, sondern „Geselligkeit“ ist laut Auskunft nahezu aller Gäste das Motiv, nach durchzechten oder durchtanzten Nächten noch mal die Couch zu verlassen: „gemütliches Abschalten zum Wochenausklang, die gute Atmosphäre, Freunden/Leuten begegnen, gemeinsam den Mörder raten, selbst Quatschen ist erlaubt“.

So werden beim „Volkssport Rudelgucken“ samstags die Helden des Balltretens bejubelt oder ausgepfiffen, sonntags die Damen und Herren vom staatlichen Gewaltmonopol. Machen sie ihre Sache gut, kommen sie dabei glaubwürdig, sympathisch, sogar witzig rüber? Extrem erfolgstüchtige Profis sind sie alle (der Täter wird immer gefasst!), doch als Menschen unterscheiden sie sich wie du und ich: Manno, ist der Kommissar wieder süß/besoffen/depressiv/brutal und die Kommissarin heute scharf/verständnisvoll/clever/taff? Oder siehst Du das anders? Die Vermenschlichung der Obrigkeit ist das Unterhaltungsrezept des „Tatorts“, der persönliche und/oder regionale Identifikationswert der Ermittler eint und spaltet die „Tatort“-Familie zugleich. Für Diskussionsstoff ist also gesorgt.

Kommentar hinzufügen

* Pflichtfeld