LesArt-Festival Literaturfestival für Grenzgänger

Abbas Khider | Foto: Robert Bosch Stiftung / Yves Noir

Autoren, die Grenzgänger sind und mit anderen Hintergründen von der deutschen Wirklichkeit erzählen – sie stehen dieses Jahr beim Dortmunder LesArt-Festival im Vordergrund. Erstmals in sein Programm integriert sind die Chamisso-Tage an der Ruhr. Sie schicken 15 Autoren, deren Werk von einem Sprach- oder Kulturwechsel geprägt ist, von Dortmund aus durch das ganze Ruhrgebiet.

Abbas Khider ist ein gutes Beispiel für eine Gruppe in Deutschland lebender Autoren mit einer wechselvollen Migrations-Biographie: Geboren 1973 im Irak, wurde er dort mit 19 Jahren wegen politischer Aktivitäten gefangen genommen und floh unter verschiedenen Identitäten über viele Stationen in anderen Ländern nach Deutschland. 2010 erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. Wenn er jetzt wieder zu Gast ist, dann als aktueller Hilde-Domin-Preisträger der Stadt Heidelberg und baldiger Nelly-Sachs-Preisträger der Stadt Dortmund. „Das Faszinierende an ihm ist, dass er trotz aller Schwierigkeiten, die er hinter sich gebracht hat, eine sehr positive, fröhliche literarische Position einnimmt“, sagt Klauspeter Sachau, künstlerischer Leiter des LesArt-Festivals.

Dass die Chamisso-Tage der Robert-Bosch-Stiftung seit 2007 im Ruhrgebiet stattfinden, hat laut Sachau mit der Migrationsgeschichte der Region zu tun: „Sie ist ein Schmelztiegel, das passt einfach gut zusammen.“ Und ins LesArt-Festival passen sie, weil es seit 13 Jahren die vielfältige, etablierte Literaturszene Dortmund um besondere Lesungen und Events bereichern. Als Erfüllung des Nachhaltigkeitsauftrags der Kulturhauptstadt sieht Sachau, dass die Chamisso-Tage derzeit zum zweiten Mal nach 2010 halbjährige Schreibwerkstätten in Schulen ausrichten: „Mit nahezu denselben Autoren an denselben Schulen des Ruhrgebiets.“ Höhepunkt ist das Lesefest im Dortmunder U (15.11.), bei dem die Schüler ihre literarischen Ergebnisse vorstellen.

Den Titel des diesjährigen LesArt-Festivals „Hoch Glanz Lesen“ versteht Klauspeter Sachau mit einem Augenzwinkern: „Wir hatten den Eindruck, dass wir dieses Jahr ein hochkarätiges Programm zusammengestellt haben“, sagt er bewusst unbescheiden. Dazu gehören so klingende Namen wie Rosa von Praunheim (Autor und Filmemacher), der in der neuen Nordstadt-Location Rekorder liest, Ulrich Kienzle (Journalist), der in der Sparkasse von seinen Erfahrungen im arabischen Raum berichtet, oder Mely Kiyak (Journalistin und Schriftstellerin), die Sachau für ihre „großartigen Arbeiten zur Situation von Türken in Deutschland“ rühmt.

Als einen Geheimtipp empfiehlt der künstlerische Leiter den Abend „Erzählen erzählen“ im Kulturhaus Taranta Babu (12.11.). Autoren wie Roland E. Koch berichten dort über die Möglichkeiten des neuen Erzählens. „Es gibt heute so viele Schreibgruppen überall; ich finde es wichtig, von echten Schriftstellern und durchs Lesen zu lernen.“

Tipps zu Lesart-Festival und Chamisso-Tagen

Im Rahmen der Chamisso-Tage gehen zahlreiche Autoren auf Lesetour quer durchs Ruhrgebiet. Veranstaltungsorte sind zum Beispiel Kugelpudel in Bochum, die Harmonie in Duisburg, Proust Wörter + Töne in Essen, das Wohnzimmer in Gelsenkirchen oder die Alte Druckerei in Herne. Zur Großen Abschlussgala (15.11. domicil, Dortmund) werden neben den Lesereisenden und Abbas Khider auch Artur Becker und das Spardosenterzett erwartet.

Der Abend Merhaba Poetry (9.11.) im Dortmunder Kulturhaus Taranta Babu ist mit „Wir bringen alles zur Sprache – außer l’art pour tralala“ überschrieben. Hier trifft Lütfiye Güzel, die sich selbst als Untergrundpoetin bezeichnet, auf Nesrin Tanç, Gründerin der „Agentur Ausländerrauş“, oder den Rapper Bülent Demirtaş alias 2seiten. Die Künstler zwischen Literatur und Musik tragen den Migrationshintergrund oft nur noch im Namen und erzählen selbstverständlich vom Alltag in der deutschen Gesellschaft.

Ulrich Kienzle ist älteren Semestern noch aus dem süffisanten ZDF-Politmagazin „Frontal“ bekannt, das er an der Seite von Bodo Hauser moderierte. Am 17.11. liest der Mann, der auch als Korrespondent und Kriegsreporter im nahen und mittleren Osten unterwegs war, im Kundenzentrum der Dortmunder Sparkasse. In seinem Buch „Abschied von 1001er Nacht“ reflektiert er die Nahost-Krisen der letzten 40 Jahre und den medialen Umgang mit ihnen.

Als „heimlichen Höhepunkt“ des Lesart-Festivals beschreibt Leiter Klauspeter Sachau das Kindergarten-Buch-Theater-Festival: 15 Dortmunder Kindergartengruppen wählen jeweils ein Kinderbuch aus und entwickeln daraus innerhalb eines halben Jahres ein Theaterstück. Bei den Aufführungen platzt das Theater Fletch Bizzel regelmäßig aus allen Nähten.

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