U-TOPIA: Sitzen. Schauen. Hören.

Frank Bretschneider im U-Kino | Foto: J.M.

Auftakt der „Cinema Concert“-Reihe mit Thomas Köner & Frank Bretschneider.

Kinoabend oder DJ-Set? Irgendwie beides, aber irgendwie auch nichts davon. Das Kino im U fordert die Seh- und Hörgewohnheiten der Besucher heraus.


Es grollt ohrenbetäubend laut: krachender Donner! Einige Zuschauer zucken erschrocken zusammen. Ein dumpfer – Herzschlag-ähnlicher – Ton folgt. Stille. Dann wieder Donner, und erneut zucken einige Körper in den Kinosesseln. Vorne rechts, neben der großen Leinwand, sitzt ein kleiner Mann mit Baseballcap und starrt vertieft auf seinen Laptopbildschirm. Auf der Kinoleinwand hinter ihm sind animierte Landschaften zu sehen. Monochrome Farben, Sepia-Optik. Es könnte eine Mondlandschaft sein, aber am oberen Rand werden immer wieder Teile einer alten Weltkarte eingeblendet. Ob das Aufschluss über den Ort gibt, an dem wir uns befinden bleibt offen, während sich die Soundlandschaft langsam verdichtet und in einen seltsam hypnotischen Bann zieht. Kinofans könnten sich auf auditiver Ebene an Momente aus Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum erinnert fühlen oder David Lynchs Eraserhead.

Entdeckung der Langsamkeit und Monochromität

Nach zehn, fünfzehn Minuten wird wohl auch dem letzten Besucher klar, dass es sich hierbei um kein Intro handelt. Keine Show mit Knalleffekt, bei der sich plötzlich zu pumpenden Beats ein visuell-beindruckendes Farben- und Formenfeuerwerk auf der Leinwand entfaltet. Kein Kino der Sensation, keine zeitgemäße 3D- oder zumindest IMAX-Optik. Trotzdem zieht die Performance des Bochumer Sound- und Videokünstlers Thomas Köner in ihren Bann. Die Boxen des Kinos dröhnen schwer, scheinen mit den tiefen Bassfrequenzen zu kämpfen, beschäftigen die Eingeweide. Diese Entdeckung der Langsamkeit und Monochromität ist eine Herausforderung, gerade im Kino, wo das Auge schnelle Schnitte gewohnt ist und Action – oder zumindest opulente Bilderwelten.  Es passiert wenig, und dennoch hallen die vierzig Minuten noch lange nach dem Ende der Vorstellung nach, als hätten sie sich tief ins Unterbewusstsein eingegraben.

Herausforderung von gewohnten Aufmerksamkeitsritualen


Was genau man sich unter dem ersten „Cinema Concert“ im Rahmen des U-TOPIA-Festivals im Dortmunder U vorzustellen hätte, war im Vorfeld einigen Besuchern nicht klar gewesen. Diejenigen, die sich auf eine Party mit Live-DJ und VJ eingestellt hatten, werden schon beim Einlass ins Kino im U enttäuscht, denn im Vorstellungsraum sind keine Getränke erlaubt. Die Ansage ist klar: Heute Abend ist Kunst, kein Entertainment! Hat der Zuschauer erst einmal im Kinosessel Platz genommen, und ist erst einmal das Licht gedimmt, bleibt den Sinnen einzig und allein die Versenkung in die Perfomance. Schnell stellt sich heraus, dass hier die gewohnten Aufmerksamkeitsrituale herausgefordert werden – in ihren beiden Extremen.

Denn Frank Bretschneiders „Gig“ erweist sich als Gegenpol zu Köners Klang- und Bilderwelten. Wie ein Dirigent positioniert er sich mittig vor der Leinwand und feuert vertrackte Beat-Salven ab, die ihre synchrone Entsprechung in einer abstrakten Visualisierung finden. Soundfrequenzen, Amplituden, Wave-Formen – das dynamische Set zieht durch seine faszinierende Entsprechung der Audio-Ebene durch, mittlerweile fast archaisch anmutende, Computeranimationen in seinen Bann. Ein enorm konzentriertes Werk, das den Betrachter in seiner Radikalität voll beansprucht, und ihn kurz vor dem Gefühl der Reizüberflutung in die Stille des Kinosaals entlässt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei LABKULTUR.TV.


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