Typen aus Songs

„You’re so vain, you probably think this song is about you“

Die Musik hat – so könnte man meinen - immer zwei Seiten. Die eine ist für ihre Entstehung verantwortlich, die andere hört zu. Ein Lied stellt jedoch zumeist nicht nur die innere Welt des Musicus dar, sondern auch die Verbindung mit anderen Menschen. Denn ohne Herzschmerz, Freundschaft und zuweilen starke Antipathien würden vermutlich keine emotionalen Songs entstehen. In den zahlreichen Castingshows ist deshalb immer wieder die Rede davon, ein Stück „richtig fühlen zu müssen“. Michael Heatley und Frank Hopkinson, die mit ihrem 2010 erschienenen Buch „Das Mädchen aus dem Song“ bereits die Geschichten hinter den mit Inbrunst besungenen Damen (u.a. „Layla“, „Maggie May“ und „Angie“) aufdeckten, haben nun das männliche Pendant hervorgezaubert: „Der Typ aus dem Song“.

Die alphabetisch geordneten Songtitel vereinen Künstler wie John Lennon, Dolly Parton, Lily Allen, No Doubt und Pink Floyd. Die „Typen aus dem Song“ waren involviert in längst vergangene Romanzen, haben sich auf drastische Weise verändert oder waren schlicht und ergreifend  inspirierende, den Liedermachern nahestehende Männer.

Joan Baez zum Beispiel verarbeitete mit „Diamonds And Rust“ ihre zweijährige Beziehung zu Bob Dylan. 1963 lernte die zu diesem Zeitpunkt bereits erfolgreiche Folk-Sängerin den Vagabund, oder, wie Baez später schrieb, „the unwashed phenomenon“, kennen. Beide Musiker hatten trotz erfolgreicher Zusammenarbeit einen unterschiedlichen Zugang zum Folk. Baez traditionell, Dylan eher rockig. Letzteres setzte sich durch, Robert Allan Zimmermann, so Bob Dylan bürgerlich, ließ irgendwann den Überlegenen heraushängen, die Beziehung scheiterte und Baez schrieb sich die Enttäuschung vom Leib:

„It’s all come back too clearly / Yes I loved you dearly

And if you’re offering me diamonds and rust / I’ve already paid”

Das Buch befasst sich mit längst Vergangenem genauso wie mit aktuellen Charthits. Adele Laurie Blue Adkins, kurz Adele genannt, schrieb mit „Rolling In The Deep“ einen solchen. Der „Typ aus dem Song“ wird diesmal nicht namentlich genannt, klar ist aber: Es handelt sich um den Exfreund der Ausnahmesängerin. Der Titel bezieht sich laut Heatley und Hopkinson auf die britische Redewendung „roll deep“, die ausdrückt, dass es jemanden gibt, der auf einen aufpasst. „We could have had it all“ lautet die traurige Schlussfolgerung der Verbindung, die das Lied 2011 in insgesamt acht Ländern an die Spitze der Charts katapultierte.

Wer nun denkt, es seien ausschließlich weibliche Songautoren am Werk gewesen, irrt. Ein Schlagabtausch der beiden Beatles-Mitglieder Paul McCartney und John Lennon ist ebenso im Buch zu finden wie die drogenbedingte Veränderung des einstigen Pink Floyd-Mitglieds Syd Barrett. 1968 verließ dieser die Band und zog sich zurück, während die progressive Band immer populärer wurde. Mit „Shine On You Crazy Diamond“ verarbeiteten  die ehemaligen Kollegen den Austritt des einstigen Weggefährten:

„Now there's a look in your eyes / Like black holes in the Sky /

Shine on you crayzy Diamond“

„Der Typ aus dem Song“ zeigt einmal mehr, dass hinter guten Musikstücken Emotionen stecken und Zwischenmenschliches die Kreativität fördert. Die Besungenen sollten sich „ihres“ Songs jedoch nie zu sicher sein. Sang doch Carly Simon 1972 bereits:

„You’re so vain / you probably think this song is about you, don’t you?"