Pop. Kultur und Kritik: Neues Magazin für Popkultur

Kredit, Krise, Pop

Mit Pop ist es oft so eine Sache: Entweder er macht einfach nur Spaß oder er wird zum Gegenstand endloser Diskurse an Universitäten. In der neuen Zeitschrift „Pop. Kultur und Kritik“ (Transcript Verlag) versammeln die Herausgeber Beiträge verschiedener Autoren zur Bestimmung, zum Wesen und zum Inhalt von Pop. 

Dabei werden keineswegs nur wissenschaftlich Interessierte, sondern vor allem auch Freunde von anspruchsvollem Feuilleton bedient. So stehen wissenschaftliche Analysen neben der Vorstellung bekannter oder noch zu entdeckender popkulturellen Phänomene (Ramón Reichert: „If I die on Facebook“). Darüber hinaus gelingt der Brückenschlag ins Politische (Thomas Hecken: „Kredit und Krise“). Auflockerung erfährt das Heft durch viele Abbildungen und Fotos, wie das großartige Titelbild zu Heft 1 von Sina Michalskaja.

Im Ruhrgebiet wird die Zeitschrift am 9.11. im Rahmen der Veranstaltung „Pop – Resistance to Theory?“ am KWI in Essen vorgestellt. Im Anschluss spricht Prof. Wolfgang Ullrich (Hochschule für Gestaltung Karlsruhe) über das Thema „Konsum, Werbung, Popkultur – Wie das Produktdesign die Welterfahrung reguliert“.


Interview mit Mitherausgeber Thomas Hecken

Dr. phil. habil. Thomas Hecken

Thomas, Pop ist für viele immer noch negativ besetzt.  Beschreib’ doch erstmal, was ihr unter Pop versteht.

Der negative Klang hat sich in den letzten 60 Jahren deutlich vermindert. Pop ist aber nicht einfach eine Abkürzung für Populärkultur, weil viele Sachen aus dem Pop-Bereich überhaupt nicht populär sind, also kein zahlenmäßig großes Publikum haben. Das hat sich mittlerweile in so viele Subkulturen, Undergrounds und Moden ausdifferenziert, dass es unsinnig wäre, Pop nur mit Massenkultur zu koppeln. Merkmale der Rock- und Populärkultur, die für Dinge wie Echtheit, Liveerlebnis, das Natürliche, direkte Ansprache oder das Expressive stehen, sind alle nicht Pop im engeren Sinne. Für Pop steht stattdessen der Konsum, das Inaktive, das Unauthentische und das Künstliche, sei es Digitales, Schminke, plastische Chirurgie, Dildos oder Aufnahmestudios aller Art. Das prägt alles den Pop-Bereich im Gegensatz zur Populär- und Rockkultur. Ansonsten ist Pop irgendwann Teil der Hochkultur geworden, in Gestalt der Pop-Art oder von den Beatles und Frank Zappa bis zu Lady Gaga, die in Museen sichtbar sind oder an Universitäten gelehrt werden. 

Mit der Spex gab und gibt es ja ein Zentralorgan des Pop in Deutschland. War deren Veränderung auch eine Grundlage, ein neues Magazin zu machen?

Nein. Das alte Zentralorgan, mit dem ich aufgewachsen bin, war Sounds. Das ist übrigens eingegangen, weil es zu poppig wurde. Es war in 70ern ein Organ des progressiven Rockhörers und wurde von jungen Popleuten übernommen, als Punk und New Wave die Szene verändert hatten. Das war damals auch so gewollt und junge Leute wie Diedrich Diederichsen stiegen damals ein. Damit ging aber die Leserschaft und die ökonomische Grundlage verloren und die Leute gingen zur Spex rüber, das damals ein kleines Kölner Kunst- und Wavefanzine war. Ich bin weiter mit Spex groß geworden und habe wie einige Leute hier im Heft, sei es Beirat, Autor oder Herausgeber, auch selbst für Spex geschrieben. Diedrich Diederichsen und der ehemalige Spex-Mitherausgeber Tom Holert sitzen zum Beispiel bei uns im Beirat. Man kann nicht sagen, dass wir uns fundamental von Spex unterscheiden müssten, weil die anders geworden wäre. Die machen viele Dinge ähnlich, haben viel aus dem Bereich Mode und Kunst drin und pflegen auch ein paar Diskurse. Der Unterschied ist einfach der, dass wir ein bisschen älter und wissenschaftlicher sind, längere Texte haben, auch nicht den monatlichen Bedarf abdecken müssen, weil wir nur halbjährlich erscheinen. Wir sparen uns viele Rezensionen zu Gunsten ausgefeilterer Artikel. Zugegeben, Spex ist heutzutage vielleicht manchmal etwas behäbig und recht konventionell in politischer und ästhetischer Hinsicht. Da sind wir lustigerweise als altgediente Herren und Damen sogar manchmal weniger kulturbeflissen. Als unsere Zeitschrift jetzt erschien, wurde Spex in Luxemburg und der Schweiz indiziert, weil die ein paar Sexbilder im Heft hatten. Dann hat der neue, betuliche Chefredakteur Torsten Groß mit einem von mehreren Rechtfertigungsansätzen gesagt, dass doch ein Wissenschaftler für sie schreibt, der auch in dem sehr angesehenen Transcript Verlag veröffentliche. Das ist natürlich lustig, dass unser Verlag und wir Unileute jetzt herhalten müssen, um die Spex zu legitimieren - anstatt die einfach sagen, dass diese Indizierung totaler Schwachsinn ist. 

"Die können machen was sie wollen."

Du hast gerade schon den Beirat erwähnt. Wer steht hinter der Zeitung und wie ist das strukturell aufgebaut? 

Ich hatte dem Verlag den Konzeptvorschlag unterbreitet, weil ich schon längere Zeit Transcript-Autor bin und ahnte, dass die das gut finden würden, weil es merkwürdigerweise so eine Zeitung nicht gab und gibt. Es gibt dutzende von Kunst- oder Literaturzeitschriften, die einen halb wissenschaftlich, halb feuilletonistischen Ansatz haben. Das ist gar nicht so originell, aber für den Popbereich gibt es so etwas bis heute kaum. Ich habe dann vom Verlag den Auftrag bekommen, das zu organisieren, habe dann nach Mitherausgebern gesucht und mit ihnen zusammen die Beiräte. Die Leute aus dem Beirat melden sich zu Wort, wenn sie selber was schreiben möchten oder wenn sie ein Thema oder einen Autoren empfehlen. Und nach jedem Heft können sie natürlich Kritik äußern. Wir als Herausgeber sind gar nicht so präsent, nur im Essay-Bereich. Bei den aktuellen kürzeren Artikeln, die ungefähr die Hälfte der Zeitschrift ausmachen, haben wir feste Beiträger, wirkliche Spitzenkräfte nach unserer Meinung, die können machen, was sie wollen. Und bei den wissenschaftlichen Artikeln haben wir selber gar keinen Einfluss, außer in der Frage, ob uns ein bestimmtes Thema überhaupt interessiert. Aber wenn das einmal geschehen ist, gehen die Texte in ein unabhängiges Peer-Review-Verfahren, in dem die Texte durch Fachgutachter bewertet werden. Insgesamt kam da eins zum anderen, weil die Leute alle direkt interessiert waren mitzumachen. Wir sind ziemlich viele Herausgeber, weil in Pop natürlich alle möglichen Disziplinen reinspielen. Deshalb brauchen wir viele Leute, die sich damit auskennen.  

Mir gefällt, dass ihr viel mit Photographien arbeitet. Welche Bedeutung haben die für das Gesamtkonzept?

Die haben eine große Bedeutung, weil das Heft von der Schreibweise nicht poppig ist, sondern feuilletonistisch, essayistisch und im letzten Drittel wissenschaftlich. Über unsere Gestalterin Sina Michalskaja sind wir in Kontakt mit der Fotografenszene gekommen und haben es geschafft, viele Leute dafür zu begeistern, uns Fotos zur Verfügung stellen. Da haben wir jetzt ganz tolle und teilweise sehr renommierte Fotografen dabei wie Gerhard Vormwald oder William E. Jones. Deshalb ist das Heft wirklich erstklassig illustriert. Das wird mit den kommenden Ausgaben sicher nicht weniger werden.  

Es werden auch viele popkulturelle Phänomene vorgestellt. Nach welchen Kriterien werden die ausgewählt?

Die Sachen sollten möglichst aktuell sein und eine größere politische, ökonomische oder ästhetische Bedeutung haben.

Du hast gerade den politischen Bezug angesprochen. Wie kommt es dazu, dass Pop politisch relevant ist? 

Zum einen direkt, weil viele Popkünstler ihre Bekanntheit nutzen, um sich politisch zu äußern. Das halte ich persönlich für nicht besonders wichtig. Zum anderen steht Pop für das, was von Massenmedien mit Images und Slogans auf eine Weise aufbereitet wird, die sich von den alten Gemeinschafts- und Volksmythen unterscheidet. Da haben wir ein größeres Feld und  können uns zu Dingen, die in der Politik stattfinden, auch unter dem Gesichtspunkt Pop äußern. Ich äußere mich in meinen Beiträgen natürlich manchmal direkt politisch, aber eben auch, weil es mediale Phänomene sind. So beruht mein Beitrag über den Krieg in Lybien auch auf der Feststellung, dass sich die Kriegsberichterstattung und die televisionäre Überlieferung durch die Nato im Vergleich zum Irak-Krieg stark geändert hat. Es ist aber natürlich kein Popthema, wenn es nur tagespolitisch um Angela Merkel und Peer Steinbrück geht. Obama oder früher Blair sind hingegen schon stärker ein Pop-Thema gewesen.  

In dem Aufsatz "Kredit und Krise" geht es schließlich sogar um Finanzwirtschaft. Wie ist es dazu gekommen?

Dafür habe ich mich immer interessiert. Das ganze Thema „Konsum“ ist für den Popbereich natürlich wichtig. Das kann man aber nicht nur aus Sicht des Verbrauchers angehen, sondern man muss die umfassende wirtschaftspolitische Sicht hinzunehmen.  

Zum Abschluss noch eine Frage zur Präsentation der Zeitschrift. Gibt es einen tieferen Grund, warum in Berlin eine Releaseparty stattfindet und im Ruhrgebiet das Heft bei einem Symposium am KWI präsentiert wird? 

Das ist purer Zufall. In Berlin sitzen die jüngeren Leute unserer Zeitschrift, die eher noch feiern, und ich bin jemand, der lieber arbeitet. Mit dem KWI haben wir hier einen schönen Ort und mit Wolfgang Ullrich einen hervorragenden Vortragenden, der auch im Heft vertreten ist. Vielleicht dreht sich das beim nächsten Heft auch mal um. Vielleicht machen wir dann mal was in der Rotunde.

Die erste Ausgabe von Pop. Kultur und Kritik.

Pop. Kultur und Kritik #1, 170 S., 16,90 Euro

ISBN 978-3-8376-2153-2

www.pop-zeitschrift.de