Choreograf Raimund Hoghe: Immer das Beste für den Moment

| Foto: Rosa-Frank.com

Mittags in Düsseldorf-Oberkassel. Herr Hoghe hat Hunger. Eigentlich waren wir zum Gespräch in seiner Wohnung verabredet. Da empfängt mich der erfolgreiche Journalist, Autor, Tänzer und Choreograf in schwarzer Hose, schwarzem Hemd und blütenweißen Frotteepuschen auch, aber fegt mich sogleich wieder hinaus. 

Ich weiß, es gehört sich nicht, und recke trotzdem den Hals, um einen Blick in sein lichtdurchflutetes Wohnzimmer zu erhaschen. Weißer Teppich, weiße Wände, weiße, nur wenige Accessoires vor riesiger Fensterfront. Ein Edellaptop (weiß), eine Handvoll hellgrauer Steine, vielleicht Kiesel, auf dem Boden. Der Raum wirkt wie eines seiner stets klaren, reduzierten Bühnenbilder. Nach asiatischer Ästhetik sieht das aus. Raimund Hoghe stimmt dezent nickend zu. Ich entschuldige mich für meine Neugier. Hier lebt der 1,54 Meter große Künstler mit der Rückgratverkrümmung, der sich in dem für den WDR verfassten Film „Der Buckel“ selbst porträtierte, seit zehn Jahren. Der Hungrige tauscht die Puschen gegen Straßenschuhe. Jetzt nichts wie raus aus dem Haus. Wir lassen uns in einem Café nieder. Hoghe freut sich: „Die haben immer gute, frische Sachen.“ Er wählt Müsli plus ein „Vitaminmonster“, spendiert mir einen Orangensaft.

Den ganzen Vormittag hatte der 1949 geborene Wahl-Düsseldorfer Organisatorisches zu erledigen. Im Juli war er in Japan. Am Mittwoch reist er zu Proben nach Montpellier. Es sind Visa-Angelegenheiten für Gastspiele des „Pas de Deux“ im New Yorker Baryshnikov Arts Center zu klären. Von Oktober bis November läuft seine Werkschau „20 Jahre – 20 Tage“ in Essen, Münster und Düsseldorf, bei der acht seiner Stücke sowie unter anderem Arbeiten der Fotografin Rosa Frank oder des Künstlers Luca Giacomo Schulte zu sehen sind. Zeitgleich wird das Buch „Schreiben mit Körpern. Der Choreograph Raimund Hoghe“ von Katja Schneider und Thomas Betz veröffentlicht.

"Journalismus ist mein Beruf"

„Journalismus ist mein Beruf“, erklärt Hoghe, der bei einer Tageszeitung volontierte. Seine Porträts für die ZEIT, in denen er Prominente ebenso wie, der Journalist betont das, „so genannte kleine Leute“ interviewte, sind legendär. Er sprach mit Rosel Zech, Bruno Ganz oder Rose Ausländer, einer Toilettenfrau oder der Bedienung im Café. „Diese Porträts der so genannten kleinen Leute, das waren die besten. Diese Menschen hatten so ein großes Wissen, eine große Weisheit, wie sie gekämpft und Träume verwirklicht haben. Das finde ich toll. Ich bin ja auch nicht mit klassischer Musik, Schiller und Goethe groß geworden. Meine Mutter, sie war Schneiderin, hat Kleider genäht. In der Küche. Das waren einfache Verhältnisse. Aber ein Abonnement fürs Theater, das hat sie immer hingekriegt. Ich kenne Leute, die viel mehr Geld haben, aber das nicht hinkriegen.“

Sein Text über Pina Bausch gefiel der Tanzlegende so gut, dass sie ihn als Dramaturg von 1980 bis 1990 an ihre Seite holte. Manche sagen, sie sähen ihn in ihren frühen Stücken ebenso wie sie in seinen. Darüber hinaus entstanden zahlreiche Bücher, über Pina, Erzählungen oder Lebensläufe außerhalb der Norm. Lesungen hat er stets inszeniert, den Tisch hergerichtet mit Blumen, Wasser, Kerzen. „Du solltest mehr auf der Bühne sein.“, fanden Schulte und Frank, Weggefährten seit 1992. 1994 tanzte Hoghe in „Meinwärts“ am Berliner Hebbel-Theater sein erstes Solo. Und insistiert, dass er bereits zu Schulzeiten auf der Bühne stand. „In Wuppertal. Ich habe da Statisterie gemacht. Also habe ich mein Debüt schon lange hinter mir.“ Da war er 17, 18, vielleicht 16 Jahre alt. Er lächelt leise. 2001 erhielt er den deutschen Produzentenpreis für Choreografie. 2008 kürte ihn die Zeitschrift Ballettanz zum „Tänzer des Jahres“. Just wurde ihm die Spitzenförderung des Landes NRW zugesagt. 2012 umfasst sein Oeuvre 21 Soli und Gruppenstücke mit bis zu 12 Tänzern. Keines davon hat er am liebsten. Hoghe findet: „Das ist wie mit Kindern, bei denen man das auch nicht sagen kann. Jedes ist ja anders.“ Im Rahmen des Festivals kommt „Cantatas“ zur Uraufführung. Sieben Tänzer, eine Sängerin. Sopranistin Kerstin Pohle entdeckte er beim Shopping: „Ich  bin Teetrinker und kaufe immer in einem bestimmten Laden ein. Die Verkäuferin sagte eines Tages, ich solle ihr die Daumen drücken für ein Vorstellungsgespräch.“ Da stellte sich heraus, dass sie an der Robert-Schumann-Hochschule Gesang studierte. Sie zeigte ihr Können. Es gefiel. Nun ist sie bei „Cantatas“ dabei.

Gesten in magischer Langsamkeit

So kommen die Künstler, die Tänzer, die Weggefährten zueinander. Wege kreuzen sich. Man lernt sich kennen, teilt Interessen. Daraus wachsen Stücke. Sie berichten von Begegnungen. Von Tod, Abschied, dem Dialog zwischen Musik und Körpern, neuer Wahrnehmung, Toleranz. Sie offenbaren auf das Wesentliche reduzierte Bilder, erzählen Geschichten mit minimalen Gesten in magischer Langsamkeit. Zärtlich. Zerbrechlich. Lyrisch. Schön. Die Entstehung ist ein offener Prozess. „Ich setze die Leute in Verbindung zueinander. Ich komme nicht auf die Probe und sage, dies oder das wird jetzt gemacht. Wir hören Musik. Dann schauen wir, was entsteht. Wir kommunizieren.“ Zu schwere Kost für einen ungeübten Tanztheater-Gast? „Nein“, erwidert der Choreograf bestimmt, „jeder Mensch hat doch Gefühle. Dafür muss man nur offen sein.“ 

 Und wie schafft man das, vom Schreiben zum Lesen zum Theater zum Choreografen zum Tänzer, dabei in allen Disziplinen erfolgreich auf solch hohem Niveau? In Frankreich wird der Künstler mit offenen Armen empfangen. Er tourt in England, Südamerika, Australien. Er tritt sehr gern in Japan auf. Herr Hoghe stutzt. „Och, indem man sein Bestes herausholt. Ich mache immer das Beste, was ich im Moment machen kann. Und - ich kann mich sehr gut einlassen. Das ist ja auch im Journalismus wichtig. Leute haben mir vieles erzählt, was sie anderen nicht erzählt haben.“  Ein Lieblingspublikum hat er nicht. „Überall auf der Welt sind die Menschen gleich“, sagt er und schmunzelt, „die Leute reagieren doch überall ähnlich. Alle sind geboren worden. Alle haben die gleichen Sehnsüchte, Beziehungen.“ Und warum, glaubt der gebürtige Wuppertaler, hat er ausgerechnet in Deutschland bislang weitaus weniger Beachtung gefunden als im Ausland? „Darüber zerbreche ich mir nicht mehr den Kopf“, entgegnet er und winkt ab. Ich glaube ihm. Wir kommen zum Ende. Raimund Hoghe muss los. Er hat viel zu tun. Und doch, Filme würde er gerne auch noch machen, dieser Mann, der auf dem Teller schlichte Kost wie Wirsing „durjenander“ liebt.


raimundhoghe.com