Bianca Stücker: Veronas Bassisten-Trauma

Schillerndes Doppelleben | Foto: Asmodeus

Wenn eine Künstlerin ein schillerndes Doppelleben als Musikerin führt und am liebsten lustige Geschichten schreibt, liegt es nahe, beides zu verbinden. Sie muss nur erst auf die Idee kommen.

Ein Schlagzeuger, der nur in Hauspantoffeln spielt, eine Gitarristin im klassischen Diven-Look, eine gesangsscheue Sängerin namens Victoria Secret, ein transsilvanischer Steampunk-Trompeter und Saalfeld, der dreibeinige Hund. Klingt erfolgversprechend? Ärgerlich, dass die Band ein großes Problem hat: Bassisten. Die gehen im muffigen Proberaum, den The Spooky Verona Freak Show auf dem Dachboden von Victorias Schwester eingerichtet haben, ein und aus. Aber es funkt einfach nicht. Acht Musiker wurden von der bunten Truppe bereits verschlissen, nun wartet das Quintett angespannt auf den neunten Kandidaten. Nur: Wer ist der geheimnisvolle Bewerber, der das Bandgefüge endlich komplettieren soll? 

Dies ist die Ausgangssituation in Bianca Stückers neuem Buch, das sie nach der extravaganten Band benannt hat. In Rückblenden berichtet die Sängerin von den Anfängen der Bandgeschichte und acht ungeeigneten Bassisten. Nebenbei plaudert sie über ihr chaotisches Privat- und Gefühlsleben, das sie abseits der Musik hauptsächlich im Callcenter oder als Babysitter ihres altklugen Neffen Hauke vertrödeln muss. 

Dass Stücker mit zahlreichen Bands und Bandprojekten Erfahrungen gesammelt hat und nicht nur gut beobachtet, sondern mit Timing erzählt und trockene Dialoge gekonnt lässig rüberbringt, macht „The Spooky Verona Freak Show“ zu einem ungemein unterhaltsamen, kurzweiligen und vor allem lustigen Vergnügen. 

Sie selbst nennt ihre Charaktere „Frankenstein-haft zusammengenäht“ – frei erfunden, aber natürlich durch eigene Erfahrungen und Ereignisse inspiriert. Seit den Neunzigern ist Bianca mit Violet Teil der Gothic-/Mittelalter-/Steampunk-Szene, mit dem Violet Tribe erweiterte sie ihren Musikkosmos um tänzerische und visuelle Komponenten. Zudem promoviert die Multi-Künstlerin an der Essener Folkwang Universität und fristet eine eher semiprofessionelle Karriere als „Hinterhoftätowiererin“. Neben ihrer Liebe zur Musik ist Stücker aber – wie sie es bezeichnet – hauptsächlich „Erfinderin von Geschichten“. Bereits 2007 veröffentlichte sie ihren Debütroman „Schaulaufen für Anfänger“ im Fischer-Verlag. 

Dass der Nachfolger, der nun im jugendlichen Unsichtbar-Verlag erschienen ist, lustig werden sollte, war der Autorin aus Hamm von Anfang an klar, denn so schreibe sie am liebsten. Besonders stolz erzählt die Autorin von ihren Veröffentlichungen im Satiremagazin Titanic. Obwohl sie jahrelang akribisch Web-Tourtagebücher führte, musste sie eine ehemalige Literaturagentin erst zu ihrem Buchthema bringen. Die meinte: „Mach doch mal was mit Musik.“ So entstand die komische Erzählung um die Undergroundband, die sich auf Stadtfesten, in Jugendzentren und Geburtstagspartys von Ahlen bis Kamen mehr oder weniger überzeugend präsentiert.

Bei ihren Lesungen plant Bianca Stücker nicht alleine aufzutreten, sondern mit einem kleinen Ensemble auch die Songs der fiktiven Band live zu präsentieren. Dafür hat sie extra eine Demo-CD mit dem Stücken aus dem Buch aufgenommen. Natürlich mit der entsprechenden Portion Dilettantismus – die studierte Musikerin legt Wert auf Authentizität.

bianca-stuecker.de