Art Spiegelman am Langen Donnerstag im Kölner Museum Ludwig

| Credit: art spiegelman

Köpfe in den Sand!

An den Schlangen vor der Garderobe und Kasse konnte er schon erahnt werden: Der „Lange Donnerstag“ im Museum Ludwig. David Hockney lockte einerseits, zumeist junge Kulturinteressierte hatten sich zusätzlich versammelt, um das Werk des jüdischen Comic-Zeichners Art Spiegelman näher kennenzulernen. Behilflich dabei waren Comic-Publizistin Anne Delseit und Susanne Flimm, Geschäftsführerin der Schmitz-Lippert-Stiftung, die im Cöln Comic Haus bereits eine zweite Dependance ihres Comic-Ladens „Fantastic Store“ betreibt. 

Vorbei an Hockneys „A Bigger Picture“ im Erdgeschoss führen die Treppen des architektonischen Schmuckstücks in die hellgrau gefärbten Comic-Gefilde von Art Spiegelman. Schräg gegenüber bildet Gurskys Fotografie „Tote Hosen 2000“ zahlreiche jubelnde Menschen bei einem Konzert der Düsseldorfer Band ab. Die Ausstellung „CO-MIX: Art Spiegelman. Eine Retrospektive von Comics, Zeichnungen und übrigem Gekritzel“ verrät direkt am Eingang, dass den ersten heldenhaften Berufswünschen (Cowboy und Feuerwehrmann) des in Stockholm geborenen Amerikaners nur ein weiterer folgte: das Zeichnen.

Credit: art spiegelman

Anne Delseit führt zur ersten Station der Führung, dem „Maus“-Zimmer. „Spiegelman ist der beste Pate wenn es darum geht, Comics näher zu bringen“, so die junge Comicautorin. Sie läuft von einer Seite zur anderen und lässt den Blick schweifen. An den Wänden sind düstere Szenen zu erblicken: Hakenkreuze, Schattierungen, Weltkriegscomic. Aufenthalte in Konzentrationslagern, die Emigration in die USA und der Tod des ersten Sohnes waren lange Zeit Tabuthemen bei den Spiegelmans, bis Art seinen Vater auf ein Gespräch festnagelte. Dieses hielt er im Comic „Maus – Die Geschichte eines Überlebenden“ fest. Die zierliche Comicpublizistin wirft die Frage in den Raum, ob das Unsagbare in einem Comic zu verarbeiten sei - und beantwortet sie prompt selbst: „Gott sei Dank hat Spiegelman das gemacht.“ Zwar kommen die Bilder naiv-kindlich daher, treffen aber genau deswegen ins Schwarze. Es gibt Mäuse und Katzen, Jäger und Gejagte. Stilistisch gewollt unperfekt sind die schwarz-weißen Zeichnungen, die die Vergangenheit darstellen. Nichts ist hier dem Zufall überlassen, der Comiczeichner feilt einen geschlagenen Monat an einer Seite. Die Darstellung der Panels, der Einzelbilder in einer Sequenz, variiert immer wieder. Sprechblasen, eckige Fenster, große und kleine Bilder drücken mit vermeintlich einfachen Mitteln viel aus. Es ist still im Maus-Zimmer.

Die nächste Station, „Im Schatten keiner Türme“, übernimmt Susanne Flimm. Die freundliche Frau mit Brille erzählt, dass sie ihre Liebe zu Comics erst durch „Maus“ entdeckt habe. Sie nimmt das große „Kinderpappbuch“ der 9/11-Bearbeitung in die Hand: „Wenn ich dieses Bild ansehe, bekomme ich Gänsehaut.“ Die Twin Towers erscheinen hier als bloße Schatten. Wieder ist die riesige Gruppe sehr still. Schnell macht sie jedoch klar: Spiegelman hat zwar auch am 11. September Traumatisches erlebt – war seine Tochter doch zum Zeitpunkt der Anschläge in der angrenzenden High School – verbittert ist er dennoch nicht. Ironisch und bildgewaltig bewältigt er dank seiner Comics scheinbar jede Situation, nimmt außerdem Republikaner und Unbelehrbare aufs Korn. So forderte der Zeichner, der sich selbst mit einer Peace-Flagge in einen Comic einbaute, nach einer Vogel-Strauss-Partei: „Kommt und steckt die Köpfe in den Sand!“

Zum Abschluss des gelungenen Langen Donnerstags warten die Comic-Zeichner Wolfgang Büchs, Olav Korth und Leo Leowald in „Art Spiegelmans unautorisierter Minibar“, dem Kinosaal des Museums, verteilen sie ihre Comics gebeamt und gelesen im Schlag-auf-Schlag-Tempo und sorgen für viel Gelächter. Kindlich-naiv trifft ebenfalls die musikalische Begleitung mitten ins emotionale Schwarze: Harald „Sack“ Ziegler trötet und loopt mit Waldhorn und Polizeisprechgerät. Vermeintlich trivial überzeugt er mit einfachen und dennoch tief philosophischen Texten, die den Bogen zu Spiegelman kaum besser hätten schlagen können:

Manchmal gibt es den Moment / Da wird dir alles fremd / und zwar total