Literatur aus dem Ruhrpott hat es schwer - Eine Autorin im Gespräch

Sarah Meyer-Dietrich | Foto: Frank Vinken

Sarah Meyer-Dietrich ist nicht nur eine junge Autorin, die schon ihren zweiten Roman veröffentlicht hat und etliche Literaturpreise abräumen konnte, sondern auch ein überzeugtes Kind des Ruhrpotts. Aufgewachsen in Gelsenkirchen ist die heutige Wahl-Bochumerin also Expertin für das Thema Ruhrgebietsliteratur. Im Gespräch mit Lukas Vering erklärt sie, wieso dieser Begriff auch ein Stigma sein kann, weshalb sie trotzdem an den Aufbruch glaubt und warum der Pott keine Metropole, aber die beste Inspirationsquelle ist.

Was ist Ruhrgebiets-Literatur überhaupt?

Ich denke tatsächlich oft darüber nach. Formal kann man das vielleicht an drei Punkten festmachen: Es ist Literatur, die vom Ruhrgebiet handelt oder im Ruhrgebiet spielt, die von Autoren aus der Region kommt oder von Verlagen aus dem Ruhrgebiet stammt. Inhaltich finde ich aber, ist es eine unheimlich breite Spanne. Es geht ja von Lyrik bis Krimi, von ganz weit in der Vergangenheit bis in die Zukunft. Es ist schwierig da einen gemeinsamen Nenner zu finden, gerade weil das Ruhrgebiet nicht mehr ein Ding ist, sondern eben eine unfassbare Vielfalt. Der Begriff ist daher eher eine regionale Zuordnung, keine inhaltliche.

Was ist für einen Schreiberling denn am Ruhrgebiet inspirierend?

Also für mich persönlich sind es die Menschen an sich – mit ihrem Innenleben, ihren Brüchen, ihren Verletzungen. Hier im urbanen Ruhrgebiet sind die Menschen vielfältiger und verdichteter, als im ländlichen Raum. Aber auch die Geschichte des Ruhrgebiets finde ich an sich inspirierend. Die Region befindet sich ja immer noch in einer Krise, da ist immer noch eine Suche nach Identität und viele Probleme. Es ist dieses Raue, was mich inspiriert. Der rohe Charme der Menschen, die Probleme der Region, das Gebrochene im Stadtbild… das hat meine Ästhetik geprägt. 

Gibt es denn etwas, das jeder Ruhrpottroman haben muss, damit er als solcher erkannt wird?

Ich bin mir erstmal unsicher, ob ich das überhaupt erstrebenswert finde. Ich bin da hin- und hergerissen, denn eigentlich bin ich ja voll die Ruhrgebiets-Patriotin und finde es gut Ruhrgebietsliteratur zu machen. Aber den Stempel „Ruhrgebietsliteratur“ auf seinem Buch drauf zu haben, ist auch ein Stigma. In großen Buchhandlungen landet man in der Regional-Ecke, überregional wahrgenommen werden ist schwierig und oft wird die Region von außen ja auch noch als negativ wahrgenommen. Ich bin im Zwiespalt: Bin ich lieber Literatin, die Bücher schreibt, die im Ruhrgebiet spielen? Oder mache ich Ruhrgebietsliteratur? 

Foto: Frank Vinken

Und?

Ich bin da wohl trotzig. Meinen neuen Roman habe ich Ruhrpottkind genannt – aus Trotz! Das Setting wäre nicht entscheidend für die Geschichte, aber ich will das Statement machen. 

Warum wird Literatur mit dem Stempel „Ruhrgebiet“ auf nationaler Ebene denn nicht ernstgenommen?

Ich denke, das liegt teilweise an den Vorurteilen gegenüber der Region, die es immer noch gibt. Man will sich auch gar nicht damit auseinandersetzen, mal hinter den Stempel zu schauen. Es liegt aber auch an den Strukturen. Das habe ich etwa bei meiner Mutter mitbekommen, die lange Zeit Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat. Da ist es schon mal passiert, dass ein Nicht-Ruhrgebiets-Verlag gesagt hat: Es gibt doch keinen guten Grund, dass das Buch in Essen spielt – kann das nicht in Berlin spielen? Die großen Verlage denken da natürlich in Marktkategorien, also was kommt gut an, was verkauft sich, und da ist Berlin natürlich „cooler“. So bedingt sich das gegenseitig und das Bild, was Leute meinen, von der Ruhrgebietsliteratur zu haben, wird nicht revidiert. Dazu kommt auch, dass Ruhrgebietsliteratur im Feuilleton nicht wahrgenommen wird. Die Berichterstattung bleibt lokal, nach außen treten ist somit schwierig. 

Wie ist das denn in der modernen Ruhrpottliteratur – werden Klischees nur bedient oder werden sie auch verdreht oder aufgebrochen?

Sowohl als auch. Ein Frank Goosen spielt ja absichtlich mit diesen Klischees, die Leser fühlen sich da bestätigt und verstanden. Gerade für die humorvolle Schiene bietet sich das natürlich bestens an. Gleichzeitig glaube ich aber auch an den Aufbruch. Es gibt auch immer mehr jüngere Institutionen neben den Etablierten, die sich für die junge Literatur engagieren, wie die Ruhrpoeten oder das Richtungsding. Oft wird in der jungen Literatur aber das Klischee gar nicht aufgebrochen, sondern einfach weggelassen, weil diese Bilder gar nicht mehr Teil der Lebensrealität sind. Als ich zum Beispiel in den 80ern aufwuchs, war der Himmel gar nicht grau vom Kohlestaub.

Und wenn man das Ruhrgebiet nun als vielfältigen, multikulturellen Ballungsraum wahrnimmt – kann es dann überhaupt eine „Ruhrpottliteratur“ geben, die ihre Identität nicht durch bekannte Klischees zu festigen versucht?

Unabhängig davon, dass der Pott eine bunte Mischung von Kulturen und Menschen ist – das Ruhrgebiet ist ja nicht das Ruhrgebiet. Von den Grenzen zu Ostwestfalen bis zu denen im Rheinland unterscheiden sich die Mentalitäten stark und das Selbstverständnis ist ganz unterschiedlich. Auch wenn ich es einerseits gut finde, das Ruhrgebiet als Einheit zu sehen, muss man diese Vielfalt immer mitdenken. Deswegen finde ich den Metropolenbegriff auch etwas aufgedrungen. Das ist ein Marketingversuch, den ich ja verstehen kann, aber ich denke, der Charme des Ruhrgebiets liegt ganz woanders. Der neuste Spruch „Stadt der Städte“ kommt dem Ganzen schon näher, es wird dem Ruhrgebiet als dichte Ansammlung von sich gegenseitig beeinflussenden Städten gerechter.

Und wie ist es um die Literaturszene im Ruhrgebiet bestellt?

Auch hier herrscht die Vielfalt, aber auch die Fragmentiertheit. Es gibt nicht die eine Szene, sondern unheimlich viele Szenen – die sich immer mal wieder berühren, manchmal aber auch nicht. Wenn man es als Ganzes betrachtet, macht das die Szene spannender, aber auch nicht leichter.

Aber jetzt mal für die Ruhrpott-Einsteiger: Welches Buch empfiehlst du?

Gar nicht so leicht (lacht). Das kommt darauf an, was einem am Ruhrgebiet interessiert, ist es die Geschichte oder das Aktuelle? Ralf Rothmann etwa bringt spannende Einblicke in das alltägliche Leben eines vergangenen Ruhrgebiets, während Wolfgang Welt aus einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Szene im Ruhrgebiet berichtet. Da darf man natürlich auch die historischen Romane für Jugendliche oder Erwachsene von meiner Mutter Inge Meyer-Dietrich lesen. Mein Geheimtipp für Sachinformationen über die Geschichte der Region ist übrigens der Ausstellungskatalog vom Ruhrmuseum!